Zeitung Heute : Herzschlag vom Handy

In unserer alternden Gesellschaft boomt die Branche – Berliner Firmen sind ganz vorne dabei

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Von Maren Peters Es sieht aus wie eine Streichholzschachtel, ein bisschen flacher vielleicht. Aber statt Streichhölzern steckt in dem kleinen Implantat, das in der Nähe des Herzens unter die Haut gepflanzt wird, ein Hightech-Sender mit Standleitung zum Hausarzt – Elektronik, die lebensrettend sein kann, wenn das Herz aus dem Takt gerät. „Die frühzeitige Information des Arztes kann den Patienten vor Komplikationen bewahren und erhöht sein Sicherheitsgefuehl“ sagt Ferial Geister vom Berliner Hersteller Biotronik.

Die Berliner Firma ist einer der Wegbereiter der Telemedizin, einer neuen Technologie, die die Medizin revolutionieren könnte. In den Herzschrittmachern, die ein langsames Herz schneller machen, und den Defibrilatoren – das sind Geräte, die ein zu schnelles Herz auf normale Geschwindigkeit bringen – sind kleine Antennen mit integriertem Sender eingebaut. Sie senden die Herzgeschwindigkeit und andere kardiologische Daten an ein handyähnliches Gerät, das der Patient am Gürtel tragen oder in die Tasche stecken kann. Die Daten werden per SMS an das Servicecenter von Biotronik weitergeleitet, wo der behandelnde Arzt sie jederzeit abrufen und notfalls eingreifen kann. Die Technik, die bereits 30 000 Menschen weltweit nutzen, davon mehr als 13 000 in Deutschland, gibt Patienten größere Unabhängigkeit und entlastet Ärzte und Kliniken – und damit das Gesundheitssystem.

„Telemedizin ist einer der großen Trends in der Medizintechnik“, sagt Manfred Beeres, Sprecher des Bundesverbandes der Medizintechik. Die Unternehmensberatung Frost & Sullivan erwartet, dass bis 2010 die weltweiten Umsätze um 42 Prozent auf 1,5 Milliarden Euro steigen werden. Den größten Anteil daran, mehr als 70 Prozent, wird demnach die Überwachung von Herzpatienten haben. Das Berliner Unternehmen Biotronik, das schon vor 30 Jahren angefangen hat, Herzschrittmacher zu entwickeln, hat die Technik als erste weltweit auf den Markt gebracht.

Biotronik ist mit rund 2600 Mitarbeitern weltweit, davon knapp 1000 in Berlin, das größte und erfolgreichste Berliner Medizintechnik-Unternehmen. Aber unter den Berliner Firmen und Forschungseinrichtungen gibt es noch viele andere, die an der Zukunft basteln.

Da der Bedarf an Prothesen, Herzschrittmachern und Operationsbestecken angesichts einer älter werdenden Bevölkerung immer mehr zunimmt, gehört die Branche zu den größten Hoffnungsträgern der Berliner Wirtschaft. In den Jahren 2000 bis 2004 stieg der Umsatz der rund 300 Berliner Medtech-Firmen um acht Prozent jahrlich auf 571 Millionen Euro, die Zahl der Beschäftigten um 3,5 Prozent auf rund 5000, wie die Deutsche Bank ausgerechnet hat. Im gleichen Zeitaum war die Zahl der Beschäftigten in der Berliner Industrie insgesamt rückläufig. „Die Branche ist eine der innovativsten und leistungsfähigsten Teilmärkte des Berliner Gesundheitswesens“, schreiben die Bank-Experten in einer Studie. Allerdings sind ein Drittel der Unternehmen noch sehr jung, die meisten haben nur wenige Mitarbeiter und nur regionale Bedeutung.

Zu den bereits etablierten Firmen der Stadt gehört neben Biotronik das Nordberliner Unternehmen Eckert & Ziegler mit Sitz in Buch, das sich in der Nuklearmedizin einen Namen gemacht hat. Mit seinen winzigen, schwach radioaktiven Metallstiften („Seeds“), die nicht größer als eine abgebrochene Bleistiftmine sind, können Ärzte Prostatakrebs gezielter behandeln als mit herkömmlicher Strahlentherapie, weil sie direkt in den Tumor implantiert werden.

„Das Verfahren hat deutlich weniger Nebenwirkungen als bisherige operative Eingriffe und erspart lange Krankenhausaufenthalte“, sagt Karolin Riehle, die Sprecherin des 275 Mitarbeiter starken Unternehmens.

Insgesamt hat die Medizintechnik in den letzten Jahren immer raffiniertere Techniken und Materialien entwickelt, um Kranken das Leben angenehmer zu machen. Mikro-invasive Operationsverfahren erlauben es, Gallen-, Nieren- oder Harnsteine durch Schlüsselloch-große Öffnungen zu entfernen, präzise Laserstrahlen schälen hauchdünne Schichten der Hornhaut ab, um Fehlsichtigkeit zu korrigieren und damit die Brille überflüssig zu machen, winzig kleine Nanopartikel helfen, Krankheiten wie Krebs besser zu erkennen, und Biomaterialien tragen dazu bei, Ersatz-Knorpel, Kniegelenke oder Hüftprothesen besser verträglich zu machen.

Um ihre Forschungsergebnisse in marktfähige Produkte zu verwandeln, sind die meisten Berliner Unternehmen jedoch auf die Zusammenarbeit mit großen Medizintechnik-Konzernen angewiesen. Andere Forscher wiederum befinden sich ohnehin erst in einem sehr frühen Stadium – zum Beispiel ein Team an der Charité, das dabei ist, ein Nano-Verfahren zu entwickeln, mit dem das Blut von Patienten mit Leberversagen effizient und kostengünstig entgiftet werden kann. „Die Nanopartikel können Giftstoffe sehr gut binden“, erklärt Achim Jörres, der zu der Forschergruppe gehört. Dadurch wird die Leber unterstützt, bis sie sich erholt hat oder bis ein Spenderorgan zur Verfügung steht.

Das Nano-Verfahren ist einer der Gewinner im diesjährigen Innovationswettbewerb des Bundesforschungsministeriums. Bis das Verfahren in Kliniken an Patienten getestet werden kann, können nach Jörres’ Angaben aber noch gut zwei bis drei Jahre vergehen.

Schon sehr viel weiter fortgeschritten sind Techniken, die immer schonendere Operationsverfahren ermöglichen. Bei der Entwicklung dieser mikro-invasiven Verfahren zählt sich eine andere Berliner Firma zu den Wegbereitern: World of Medicine (WOM) produziert nicht nur Laser, die Gallen- und Nierensteine zertrümmern, sondern auch Geräte, die mit Hilfe von Gas Körperöffnungen vergrößern und so dem Chirurgen den nötigen Raum für mikroinvasive Operationen geben. Die dazu nötigen Pumpen, Schläuche und Hightech-Kameras liefert WOM gleich mit. Dank einer neuen volldigitalen Kamera können die Bilder aus dem Körper auf einem Monitor sichtbar gemacht und gespeichert werden. „Das ist ein wichtiger Meilenstein für uns“, sagt WOM-Sprecherin Stefanie Gehrke.

Bei den Bildern aus dem Körperinneren dürften dabei mitunter auch Produkte einer anderen Berliner Medtech-Firma auf dem Schirm erscheinen. AAP Implantate entwickelt unter anderem neue Biomaterialien. Das sind biologisch-aktive Implantate, die gebrochene Knochen nicht nur reparieren, sondern ersetzen. „Knochenersatzstoffe sind dort interessant, wo man mit klassischen Metallimplantaten nicht weiterkommt“, sagt Produktmanager Ingo John. Die Stoffe gelten als besonders verträglich, weil sie mit dem Körper verwachsen. Angereichert mit Antibiotika beugen sie zudem Infektionen vor.

Experten haben hohe Erwartungen an den biologischen Knochenersatz. Langfristig, so hoffen sie, könnten die neuen Materialien die Orthopädie revolutionieren.

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