Zeitung Heute : Herzstück der Hauptstadt

Berlins Kulturlandschaft ist reich und vielfältig. Doch mit dem Humboldt-Forum könnte sie international Furore machen: als Haus der Weltkultur auf dem Schlossplatz

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Foto: epd

Im nationalen wie im internationalen Maßstab ist Berlin so reich an Kultur, dass auch ein großes Versäumnis nicht so schwer ins Gewicht fällt. Die Entscheidung für die historisierende Rekonstruktion des Stadtschlosses war ein solcher Riesenfehler – weil die Hauptstadt sich der wunderbaren Möglichkeit begab, in ihrer Mitte ein großes Stück zeitgenössischer Architektur aufzuführen. Nun wird es also, wenn nach dem sich verzögernden Baubeginn nicht doch noch ein Meinungsumschwung eintritt, eine Fassadentorte vom Zuckerbäcker geben – mit überraschender Füllung.

In dieses Schloss, so lautet die salvatorische Klausel, zieht das Humboldt-Forum ein. Eine bestechende Idee. Die Museumsinsel mit ihren europäisch orientierten Sammlungen bekommt ein Pendant, eine Nachbarinsel, die Kunst und Kultur aus Afrika und Ozeanien, Nord- und Südamerika versammelt. Doch auch hier stockt es. Die wachsende Unlust am Schloss zieht die Humboldt-Idee mit herunter. Das Scheitern des Forums allerdings würde Berlin erheblich schaden.

Denn oft ist das Selbstverständliche das Schwierige, und es gehört zum Selbstverständnis dieser Stadt, ein Ort des Kosmopolitischen zu sein. Viele Institutionen arbeiten in diesem Geist: die Berliner Festspiele und die Berlinale, das Hebbel am Ufer, das Haus der Kulturen der Welt, die private Galerienszene. Natürlich gehört auch die Stiftung Preußischer Kulturbesitz mit ihren internationalen Verbindungen dazu. Allein die Museen harren noch auf den entscheidenden Schritt ins 21. Jahrhundert. Daher ja das Projekt, die sogenannten außereuropäischen Sammlungen aus Dahlem in die Mitte der Hauptstadt zu holen und vom eurozentrischen Blick zu befreien.

Wenn das Schloss sein muss, dann muss es auch mit dem Besten gefüllt werden, was die preußische Tradition zu bieten hat – dem poetischen Wissens- und Bildungsdrang der Humboldt-Brüder. Was wir seit Jahren erleben, ist ja nicht die erste Welle von Welterweiterung und – Implosion, vulgo Globalisierung. Das 19. Jahrhundert war in weit stärkerem Maße ein globales Zeitalter als unsere Zeit, allerdings weitgehend unter kolonialistischen Vorzeichen. Was damals gesammelt, katalogisiert, geraubt und gerettet wurde in Übersee, kann heute neu bewertet und präsentiert werden.

Diese Chance besteht nach wie vor. Seltsam nur, dass sich so wenige führende Politiker und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens dafür begeistern. Kann es sein, dass die Berliner sich zwanzig Jahre nach der Wende, die ein historisches Geschenk war, satt und zufrieden fühlen?

Kultur ist auch etwas, womit Menschen und Zivilisationen sich abgrenzen. Gleichzeitig schafft sie das Potenzial, diese Grenzen zu überwinden oder transparent zu machen. Im europäischen Rahmen ist dieser Punkt erreicht. Berlin konkurriert selbstbewusst mit den Kulturmetropolen Paris und London. Was die Lebensqualität und die Attraktivität für junge Künstler angeht, liegt Berlin sogar vorn. Berlin ist bezahlbar, die offensive Kulturpolitik der jüngsten Vergangenheit zahlt sich aus. Nirgendwo auf der Welt gibt es ein so vielfältiges und für breite Schichten zugängliches Kulturangebot.

In dieser Hinsicht sind die vergangenen zwei Jahrzehnte eine beispiellose Erfolgsgeschichte. Es gibt allerdings keinen Grund, sich darauf auszuruhen. Man kann gut über Sinn und Zweck einer neuen Kunsthalle streiten, aber ein Humboldt-Forum greift in andere Dimensionen aus. „Wissen und Erkennen sind die Freude und die Berechtigung der Menschheit“, schrieb Alexander von Humboldt in seinem „Kosmos“. Die Idee des Forums in der Mitte der Hauptstadt sprengt im Übrigen den herkömmlichen Kulturbegriff: Hier sollen mit der Humboldt- Universität und der Landesbibliothek Wissenschaft und Kunst zusammenkommen. Aufgrund der besonderen Geschichte der Berliner Museen und Sammlungen ist das auf lange Sicht – und im Sinne des Erfinders – auch eine nachholende Idee. Das Universalmuseum mag eine Vision des 19. Jahrhunderts sein, aber in Berlin wurde sie wegen der komplizierten Museumsentstehung, durch Krieg und Teilung nie wirklich realisiert. Jetzt ließe es sich umsetzen und bauen – das große Haus der Weltkultur auf dem Schlossplatz.

Zu den schönsten Momenten des nicht eben erlebnisarmen Berliner Kulturtreibens zählte der Auftritt von Sasha Waltz und ihrer Compagnie im noch leeren Neuen Museum des David Chipperfield. Die Leere geriet in Schwingung und versprach Fülle und Fantasie. Da Träumen nicht verboten ist, selbst in dieser manchmal arg pragmatischen und hart urteilenden Stadt, stelle man sich vor, wie Tänzer einmal das Humboldt-Forum in Besitz nehmen; wie sie die Architektur vermessen, spielerisch-ironisch und dramatisch- wild, da käme einiges vom Besten zusammen, was diese Stadt perspektivisch zu bieten hat. Weiter geträumt: Der Kulturbetrieb brummt und floriert, allein, es fehlen gelegentlich die Rituale, die Augenblicke der Besinnung, der Weitung. Das Forum wäre der Ort, wo Amazonas und Spree zusammenfließen.

Tatsächlich breitet sich die Humboldt-Idee ja bereits aus, an vielen Stellen. Sie darf jetzt Gestalt annehmen.

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