Zeitung Heute : Hessen ist nur der Auftakt für das Superwahljahr

KURT SAGATZ

Spätestens seit der Bundestagswahl ist die virtuelle Parteienbörse www.wahlstreet.de im Internet bekannt wie der sprichwörtliche bunte Hund.Verweise von allen großen Websites sowie Berichte in nahezu jeder deutschen und auch in vielen internationalen Zeitungen und Zeitschriften sorgten im letzten Jahr dafür, daß die gemeinsame Aktion von Tagesspiegel und "Zeit" zu einer der am stärksten frequentierten Sites während des Bundestagswahlkampfes wurde.Insgesamt 1,5 Millionen Seitenabrufe registrierten die Betreiber der Parteienbörse seinerzeit.Am Ende hatten sich 10 000 Händler bei der Wahlstreet eingetragen.

Der Start ins neue Jahr verläuft freilich etwas ruhiger.Zur Wahl der hessischen Landesregierung am 7.Februar spekulieren derzeit rund 700 Händler mit den "Parteienaktien".Zum Verständnis: Für einen limitierten Betrag erwirbt der Parteienhändler eine virtuelle Währung namens "Wahlstreet"-Dollar.Damit kauft er gemäß seiner Einschätzung der politischen Verhältnisse Aktien der entsprechenden Parteien.Genau an dieser Stelle setzt der wissenschaftliche Hintergrund des Spiels an: Diverse Untersuchungen sowie die Erfahrungen der Wahlstreet im letzten Jahr haben gezeigt, daß das finanziell motivierte Verhalten der Händler ein geeignetes Prognoseinstrument für die Wahlvorhersage sei kann, also in gewisser Weise den Ergebnissen von Meinungsforschungsinstituten entspricht.Für den Händler freilich zählt in erster Linie der Erfolg seiner Anlagestrategie, denn die entscheidet darüber, ob er beim Handeln mit Papieren gewinnt oder verliert.

Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, daß der Handel zur Hessenwahl eher ruhig verläuft.Für stärkere Bewegung in die Kurse der Landesparteien sorgte bislang nur die CDU-Unterschriftenaktion zum "Doppel-Paß", also gegen die doppelte Staatsbürgerschaft.Zu Beginn der Aktion stiegen die Kurse der CDU-Papiere leicht um einen Prozentpunkt, direkt zu Lasten der SPD.

Hessen ist für Wahlstreet allerdings nur der Auftakt für ein Wahljahr der besonderen Art, in dem die Termine dichtgedrängt aufeinander folgen.Höhepunkt ist dabei aus Sicht von Wahlstreet-Mitbetreiber Boris Gröndahl die Europawahl im Juni.Während sich die Schwankungen bei der Hessenwahl noch in engen Grenzen halten, rechnet Gröndahl für die Wahl zum Europaparlament mit einem Wiederauflammen der Händlerleidenschaft.Denn anders als bei Kommunal- und Landeswahlen ist zu dieser Wahl ganz Europa aufgerufen.Damit läßt sich das Modell ebenfalls über die Grenzen der Bundesrepublik ausdehnen.

Eine Internationalisierung der Wahlstreet steht jedoch noch aus anderem Grund ins Haus.Für die Nationalratswahlen in der Schweiz in diesem Herbst wurden bereits Gespräche über eine Lizensierung des Modells geführt.Auch in Österreich besteht Interesse, eine auf der Wahlstreet basierende Parteienbörse zu installieren.Selbst im fernen Israel fand die Wahlstreet Beachtung, und auch hier wird darüber nachgedacht, ob nicht durch eine entsprechende Website das spielerische Interesse an Wahlen erhöht werden kann.

Einsatzfelder ergeben sich gleichwohl nicht nur für Ableger der Wahlstreet, sondern auch für das Original selbst zuhauf.Allein acht Kommunal- und sechs Landtagswahlen stehen neben der Europawahl 1999 an.Aus Berliner Sicht kommt natürlich der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus im Oktober eine besondere Bedeutung zu, denn eine Meinung zum Handelsgeschehen entsteht vor allem dort, wo sich die Parteien auch tatsächlich zur Wahl stellen.

Auf der anderen Seite spielt aber auch professionelles Interesse eine große Motivation für die Wahlstreet dar.Nicht wenige Internet-Nutzer, die sonst ihr Geld mit dem Handel von Finanztiteln verdienen, haben sich bei der Bundestagswahl an der Wahlstreet als Händler beteiligt, weiß Boris Gröndahl.Verfolgt hat das Geschehen unter anderem Markus Duda, Mitarbeiter in einem großen Berliner Finanzinstitut.Ihn faszinierte an der Parteienbörse vor allem, daß man sich dort anders als bei herkömmlichen Meinungsbefragungen nicht nur eine Meinung über die möglichen politischen Machtverhältnisse machen mußte, sondern dazu aufgefordert war, eine Meinung über die Meinung der anderen zu politischen Fragen abgeben mußte, um erfolgreich zu sein.

Als Börsenprofi fehlten ihm allerdings zur Bundestagswahl noch einige Marktinstrumente, um mit eigenen Wahlstreet-Dollars selbst ins Geschehen einzugreifen.Entsprechende Kritik der Händler wurde von den Betreibern inzwischen aufgenommen.Sukzessive werden vor allem die Analysemöglichkeiten verbessert.Denn ob nun zur Prognostik oder als virtuelles Börsenspiel mit politischem Hintergrund: Je ausgefeilter die Technik, desto größer ist der Spaß.

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