Zeitung Heute : Heute hier, morgen dort

Mutter und Vater trennen sich, ziehen auseinander – und die Kinder werden zu Pendlern. Wie leben sie mit zwei Zimmern, zwei Lieblingsteddys, zwei verschiedenen Erziehungsmethoden? Drei Antworten.

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Rosa (8)

lebt in Berlin-Mitte

Ich finde das gut, zwei Zimmer zu haben! So habe ich nämlich mehr Platz. Die Sachen, die jetzt bei meiner Mama sind, die waren vorher ja alle auch hier, in der Wohnung von meinem Papa. Da hat gar nicht mehr alles reingepasst! Wir mussten auch nichts neu kaufen, die andere Kommode für meine Anziehsachen war sowieso schon da, und das zweite Bett haben wir geschenkt bekommen, von Freunden. Bei meinem Papa habe ich ein Hochbett und bei meiner Mama ein normales. Ich habe auch zwei Schreibtische. Bei Mama ist das Zimmer größer, bei Papa kleiner. Bei meiner Mama gibt’s auch einen Fahrstuhl, bei meinem Papa nicht. Da haben wir die Wände von meinem neuen Zimmer in genau der gleichen Farbe angestrichen, also gelb- orange. Ich weiß nicht so richtig, wann ich bei meinem Papa bin oder bei meiner Mama. Aber jedes Wochenende wechsle ich – ein Wochenende bei meinem Papa, eins bei meiner Mama. Und innerhalb der Woche dann auch noch mal, also immer abwechselnd.

Ich habe mich nicht gefreut, dass sich meine Eltern getrennt haben. Das haben sie mir mal beim Frühstück gesagt, und da habe ich ganz doll geweint. Aber ich hab mich gefreut, dass Mama und ich letztes Jahr eine Wohnung in dem Haus neben dem von Papa gefunden haben. Das ist schön, so ist das fast wie ein Zuhause, nur mit zwei Zimmern.

Wenn ich Klavier übe, gehe ich immer zu meinem Papa, meine Mama hat noch keins. Aber meine Oma hat zwei Klaviere, und die gibt uns noch eins, und das stellen wir dann bei meiner Mama hin. Mein Papa kommt auch manchmal zu meiner Mama zum Essen. Die laden sich ganz oft ein. Am Wochenende essen wir auch richtig oft zusammen Frühstück. Und in der Adventszeit essen wir Abendbrot und Frühstück zusammen. Weihnachten haben wir auch zusammen gefeiert, aber das machen wir nicht jedes Jahr.

Bei meiner Mama bin ich mehr zuhause, das weiß ich ganz genau. Das hat mein Papa gesagt. Eigentlich ist mir das egal, wo ich bin, aber eigentlich möchte ich lieber bei meiner Mama bleiben. Und wenn ich bei meinem Papa bin, dann mag ich wieder da lieber bleiben.

Ich kenne auch andere Kinder, die zwei Zimmer haben. Bei meinem Papa im Haus ist zum Beispiel ein Junge, der ist immer nur am Wochenende da, dessen Mama wohnt richtig weit weg.

Der Tag ist ein bisschen verschieden: Bei meinem Papa darf ich etwas mehr fernsehen als bei meiner Mama. Und bei meiner Mama muss ich eigentlich nie selber aufräumen. Wenn ich bei meiner Mama aufstehe, hat sie immer vorher schon das Frühstück gemacht. Bei meinem Papa nicht, der geht dann immer erst zum Bäcker. In den Sommerferien fahre ich mit meiner Mama und meiner besten Freundin nach Dänemark. Papa holt mich da ab, und dann fahren wir mit einer Fähre nach Norwegen, weil wir da Freunde kennen gelernt haben. Also mache ich zweimal Urlaub. Das finde ich gut.

Jonas* (20)

lebt in Berlin-Prenzlauer Berg

Ich bin ein Mensch, der nicht gern in Urlaub fährt, und das erkläre ich mir damit, dass ich als Kind ständig unterwegs war. Seit meiner frühsten Kindheit, habe ich in zwei Wohnungen gelebt. Ich hatte bis vor kurzem jeweils bei meinem Vater und bei meiner Mutter ein Zimmer. Mein ganzes Leben musste ich zweimal pro Woche woanders hin, und das wollte ich nicht auch noch im Urlaub. Das Schönste für mich war deshalb, in den Sommerferien sechs Wochen ununterbrochen an einem Ort zu sein. Anfangs wollte meine Mutter mich immer noch auf irgendwelche Reisen mitnehmen, aber als ich dann 14 war, habe ich ihr gesagt, meine Sommerferien sind sechs Wochen in Berlin bei meinem Vater. Das war für mich Erholung.

Die Zeiten, in denen ich gependelt bin, waren unterschiedlich. Einmal pro Woche war ich aber immer beim jeweils anderen, meistens mehr als einen Tag. Die letzten fünf Jahre war es so, dass ich von Sonntagnachmittag bis Freitagfrüh bei meiner Mutter war, und von da aus auch immer zur Schule gegangen bin. Und am Wochenende war ich dann bei meinem Vater. Ich hatte vieles doppelt: Bett und Schrank natürlich, Computer und Fernseher irgendwann auch. Ich hatte allerdings bei meinem Vater meistens nicht die richtigen Anziehsachen, die waren bei meiner Mutter, weil sie auch den Überblick darüber hatte. Und ich habe mir dann die Sachen fürs Wochenende immer im Schulrucksack mitgenommen.

Bei meiner Mutter habe ich eher Schularbeiten gemacht, bei meinem Vater war das Freizeitprogramm. Das lag auch daran, dass meine Mutter lange Zeit keinen Computer und keinen Fernseher hatte, mein Vater schon. Deshalb habe ich bei ihr, wenn ich mich gelangweilt habe, zwangsläufig die Schulaufgaben gemacht. Dann kam die Zeit des Internets, und was man für Klausuren und Referate brauchte, habe ich bei meinem Vater recherchiert. Als meine Mutter dann auch einen Computer hatte, habe ich das abgespeichert und bei ihr wieder aufgespielt. Das war kompliziert, ging aber.

Viele Leute wundern sich, dass ich immer so viele Sachen dabei habe: Kaugummis, Erste-Hilfe-Täschchen, einen Deo-Roller und Medikamente. Ich bin froh, wenn ich die Sachen direkt bei mir habe. Wahrscheinlich weil ich immer wieder woanders war.

Lange Zeit habe ich mich eigentlich bei meiner Mutter eher zuhause gefühlt. Sonntag bis Freitag sind einfach mehr Tage. Ich habe mich aber auch immer sehr gefreut, zu meinem Vater zu gehen. In anderen Familien ist das vielleicht eher so ein Besuch, aber ich fand, dass ich bei meinem Vater richtig gewohnt habe. Ich habe mir immer überlegt, jetzt kommt der Richter und fragt mich, zu wem ich gehen soll. Ich konnte mich nie entscheiden. Die Vorteile beider Wohnungen hätte ich nicht missen wollen.

Seit dem Abitur lebe ich bei meinem Vater. Das kam daher, dass ich in den Ferien immer bei ihm war, und nach dem Abitur waren ja drei Monate frei bis zum Beginn des Studiums. Da hatte ich mich bei ihm so eingelebt, dass ich den Wechsel nicht mehr wollte. Das ist eben doch ganz schön anstrengend, immer hin und her zu ziehen. Gerade der erste Tag in der anderen Wohnung fühlt sich immer komisch an. Freitag und Sonntag habe ich mich sozusagen immer fremd gefühlt in der anderen Familie. Ich habe auch selten Freunde eingeladen, vielleicht weil ich mich selber als Gast gesehen habe. Jetzt, wo ich ganz bei meinem Vater wohne, ist das anders geworden. Wir machen zum Beispiel Filmabende hier.

Was mir oft aufgefallen ist, sind die verschiedenen Gewohnheiten meiner Eltern. Im Nachhinein glaube ich, bin ich dadurch sehr anpassungsfähig geworden. Bei meiner Mutter ist es zum Beispiel so, dass wir immer am Tisch gegessen haben und nicht vor dem Fernseher. Und es gab geregelte Mahlzeiten. Bei meinem Vater ist es eher so, dass man isst, wenn man hungrig ist. Das sind zwei völlig verschiedene Lebensentwürfe! Ich kann nicht sagen, welcher mein eigener ist, ich könnte beides leben. Ich bin eben in zwei Familien aufgewachsen.

Oskar (11)

lebt in Berlin-Friedrichshain und -Kreuzberg

Bücher, Lampen, Bett, Schrank, Klavier, Poster, Taschenlampen und noch einiges mehr: Das habe ich alles doppelt. Bei meiner Mutter habe ich solche Flieger, die man oben aufzieht und dann aus dem Fenster wirft. Das ist da mein Lieblingsspielzeug. Bei meinem Vater finde ich das Skateboard am besten. Meine beiden Zimmer sind ungefähr gleich groß, auch die Klaviere sind dieselben. Das Bett bei meiner Mama ist wie ein Prinzenbett, so an der Seite mit einer goldenen Stange. Außerdem sind da kleine grüne Schränke. Einen Ofen gibt es auch, das Haus ist ein Altbau, aber der funktioniert nicht mehr. Mein Papa wohnt in einem Neubau, da ist alles ein bisschen moderner. Ich bin sieben Tage bei meiner Mutter, sechs Tage bei meinem Papa. Da muss ich ständig meine Sachen zusammenpacken, und wir vergessen ziemlich oft was. Klaviernoten zum Beispiel oder ein Buch, das ich gerade lese.

Ich war sieben Jahre alt, als sich meine Eltern getrennt haben. Dass ich plötzlich zwei Zimmer hatte, war erstmal komisch, aber es ist besser so. Die beiden haben sich oft gestritten. Das fand ich nicht schön.

Meine Freunde wohnen in der Nähe meiner Mutter, weil ich da auch zur Schule gehe. Die treffe ich nachmittags nur, wenn ich bei ihr bin. Aber bei meinem Papa im Haus habe ich auch ein paar Freunde. In meiner Klasse gibt es nicht so viele, die leben wie ich. Vielleicht zwei.

Wenn ich bei meiner Mama bin, wache ich um sechs Uhr auf. Dann lese ich meistens noch eine Stunde. So um viertel vor acht muss ich dann los zur Schule, das sind nur zehn Minuten zu Fuß. Bei meinem Papa stehe ich um sieben auf, da lese ich nur manchmal vor der Schule. Meistens fährt er mich dann, weil das doch ziemlich weit ist von Friedrichshain nach Kreuzberg. Im Sommer fahre ich auch alleine mit dem Fahrrad. Ich habe nachmittags ziemlich viele Termine: Montags Nachhilfe, mittwochs Nachhilfe und Fußball, donnerstags Therapie und Klavierunterricht. Da fahren mich meine Eltern meistens hin, also ist es egal, wo ich gerade bin.

Demnächst werde ich nicht mehr so viel hin und her wechseln und nur noch bei meiner Mutter wohnen. Meinen Papa besuche ich dann an den Wochenenden, und er holt mich öfters von der Schule ab. Das ist besser für mich, hat meine Therapeutin gesagt.

aufgezeichnet von Christine Berger

* Name von der Redaktion geändert

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