Zeitung Heute : Heute schon was geändert, Herr Rasp?

Raoul Fischer

Mehr Schwerpunktseiten und keine Drohungen mehr gegen die LeserRaoul Fischer

Die sogenannte "Titten-Taz" war offensichtlich doch nicht zukunftsweisend. Als die alt-linke "Tageszeitung" am 11. November 1999 in der Aufmachung einer Boulevardzeitung erschien, waren ihre Leser gleichermaßen schockiert wie amüsiert. Für den 4. März hat das Blatt eine Layout-Reform, einen sogenannten Relaunch, angekündigt.

Nicht mehr so altbacken - ein Trend, der langsam um sich greift. "Bis Mitte der 80er Jahre sahen deutsche Tageszeitungen aus wie die grauen Mäuse", sagt der Zeitungsdesigner Norbert Küpper aus Meerbusch bei Düsseldorf. Aber auch hier habe sich inzwischen die Erkenntnis durchgesetzt, dass der Erfolg wesentlich vom Layout abhängt. Design werde wichtiger, weil das Fernsehen die visuellen Gewohnheiten verändert habe. In den USA, Großbritannien oder Skandinavien hat man zum Beispiel längst reagiert. Große Farbfotos, anschauliche Grafiken und mehr Übersichtlichkeit - "in Deutschland herrscht immer noch Nachholbedarf", sagt er. Auf dem Berliner Zeitungsmarkt jagt eine Layout-Reform die andere. Erst die Berliner Zeitung, dann die "Welt", das "Facelifting" des Tagesspiegels und nun die "Taz".

Wie sie wirklich wird, bleibt spannend. "Die "Taz" bleibt wiedererkennbar, wird aber leserfreundlicher", sagt Chefredakteurin Bascha Mika. "Bis auf das Logo wird alles gekippt", kündigt der Münchner Designer Markus Rasp an, der schon das Facelifting beim Tagesspiegel im Mai 1999 betreute, und nun den Relaunch für die "Taz" durchführt. Der Zeitungsdesigner war nach einem Wettbewerb mit der Aufgabe betraut worden. "Vielleicht weil mein Vorschlag zurückhaltender war", sagt er. Andere seien radikaler gewesen, hätten die "Taz" auf Boulevard getrimmt. In Rasps Vorschlag soll dagegen der Tageszeitungscharakter erhalten bleiben. Am deutlichsten werden die Änderungen im ersten Buch ausfallen. Dort soll es in Zukunft drei bis fünf Schwerpunktseiten geben, je nach Thema unterschiedlich aufbereitet: Mal wie eine klassische Seite Drei mit langer Reportage, mal wie Themenseiten, die verschiedene Stücke bündeln, verrät Bascha Mika. Die übrigen Nachrichten werden gebündelt, das Buch schließt mit einer doppelten Meinungsseite. "Es wird schneller", sagt Rasp. Und was die Chefredakteurin mit "unsere Stärken stärken" meint, erklärt der Designer so: "Die Taz setzt auf ihre Themen". Das sei der richtige Weg für eine Zeitung, die oft zusätzlich, als Zweitzeitung, gelesen werde. "Sie muss eine gute Illustrierte ersetzen", sagt Rasp.

Zeitung machen mit Peanuts

Auffällig soll auch die Veränderung der Schrift werden. Der Grafiker Lukas de Groot, der schon für den "Spiegel" eine eigene Schrift entworfen hat, hat auch für die Taz eine neue Type geschnitten. Die solle eigenständiger und eleganter werden als die Gegenwärtige, wie Rasp verrät. Das Format der Zeitung bleibt dagegen dasselbe, und auch Farb-Fotos wird es nicht geben. "Technisch und finanziell nicht drin", sagt der Münchner Designer.

Zu wenig Geld ist ein altes Problem der Taz. So findet auch der Relaunch unter verschärften Bedingungen statt. "Wir machen mit Peanuts eine erfolgreiche Zeitung", darauf ist Bascha Mika stolz. Ein kleines Team stemme mit wenig Mitteln seit mehr als 20 Jahren ein Produkt, dass sich auf dem Markt behauptet habe, mit einer Auflage von 60 000 Exemplaren. Dennoch: Die Drohungen, die Zeitung einzustellen, wenn nicht neue Abonnenten geworben würden, waren immer ernst gemeint. Damit hatte die "Taz" in der Vergangenheit immer wieder versucht, ihre Leser zu Drückern zu machen.

Die Zeitung lebt von ihren Sympathisanten - nicht nur unter den Lesern, sondern auch unter Kollegen aus anderen Blättern. "Viele haben uns für ein Abendessen beraten", verrät Mika. Durchgeführt hat den Relaunch eine Arbeitsgruppe im Auftrag der Chefredaktion. "Natürlich haben unsere Mitarbeiter ein Mitspracherecht", sagt Mika. Aber basisdemokratisch sei die "Taz" seit über 10 Jahren nicht mehr. "Wir sind schlicht professionell", betont sie. Deswegen gibt es für die neue "Taz" auch eine richtige Werbeaktion. Eine Überraschung. "Wir wollen nicht mehr drohen, nur noch nett sein!", versichert Mika.

Aber nur in der Promotion. Die Ausgabe ohne Überschriften am 9.10.1999 war einmalig. Aber in Zukunft soll es weiterhin Überschriften geben, wie die zu einem Artikel am 16.09.1995 über die Abschiebung von Asylanten, in die der damalige Innenminister Manfred Kanther (CDU) involviert war: "Heute schon gelogen, Herr Minister?"

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