Zeitung Heute : Hexensprüche mit Turbo-Pascal

Der Berliner Online-Fanclub um Harry Potter zählt inzwischen 140 000 Mitglieder

Cay Dobberke

Wäre Ron Sommer noch Telekom-Chef, hätte die 16-jährige Saskia Preissner schon eine Arbeitsstelle in Aussicht. „Wenn du mal einen Job suchst, wende dich an mich“, sagte Sommer im vorigen Jahr zur Gründerin des „inoffiziellen Harry-Potter-Fanclubs“, als dessen Internetseiten mit dem „Digiglobe“-Preis ausgezeichnet wurden. Nunmehr ist Sommer zurückgetreten, aber das stört die Gymnasiastin aus Prenzlauer Berg wenig. Denn was sie nach dem Abitur machen will, weiß sie ohnehin noch nicht genau. Den Club leiten Saskia und ihre 12-jährige Schwester Sarah seit Januar 2000 ohne kommerzielle Interessen. Heute gibt es rund 140 000 Mitglieder aus 30 Ländern, die eine Aufnahmeprüfung an der virtuellen Zauberschule absolviert haben.

Derzeit schürt natürlich der Kinostart von „Harry Potter und die Kammer des Schreckens“ das Interesse. In den Chaträumen sind tagsüber ständig mehrere Dutzend Fans anzutreffen. Und zu einer Mitternachtspremiere und Party, an der sich der Fanclub beteiligte, kamen viele Mitglieder aus anderen Bundesländern angereist. „In kleinen Orten sind die Leute besonders aktiv“, sagt Saskia. Das liege wohl an der geringen Auswahl bei der Freizeitgestaltung.

Die Kosten des Clubs halten sich „im Taschengeldrahmen“, sagt Saskia. Für die Präsenz im Web reichen ein preisgünstiger Internetzugang samt einigen Megabyte Speicherplatz und zusätzliche Kapazitäten bei Gratis-Anbietern. Die Idee für die Online-Zauberschule hatten Saskia und Sarah, weil sie die Potter-Bücher erlebbar machen wollten. Es gibt Unterricht in 20 Fächern von „Kräuterkunde“ bis zur „Pflege magischer Geschöpfe“, gewählte Vertrauensschüler und eine Redaktion, die den „Tagespropheten“ veröffentlicht. Zum Semesterende wird der Hauspokal verliehen. Rund 40 Mitglieder wirken inhaltlich mit. Weitere Fans haben viele der Seiten in zehn Sprachen übersetzt.

Technisch hingegen „machen wir fast alles alleine“, sagen die Gründerinnen. Ihre Kenntnisse haben sie sich mit Hilfe von Handbüchern erworben. Die nötigen Programme – darunter Photoshop für die Bildbearbeitung, Dreamweaver für die Webseiten und Flash für Animationen – bekamen sie zu Geburtstagen und zu Weihnachten von ihren Eltern geschenkt. So entstanden Online-Spiele wie „Snape explodiert“, Rundflüge über die Zauberschule und der „goldene Schnatz“, der im Zickzack über den Bildschirm saust.

Anfangs verbrachte Saskia ihre Freizeit dafür überwiegend vor dem PC-Monitor. Jetzt ist der Aufwand nicht mehr so groß, weshalb sie neue Projekte hat. Für den europäischen Schülerwettbewerb „eXplora“ entwarf sie dreidimensionale Museumsräume mit Bildern, die von Kindern stammen. Ob Saskia zu den Siegern zählen wird, ist noch offen. Mit dem Fanclub gewann sie auch schon einen internationalen Webseiten-Wettbewerb für Schüler namens „ThinkQuest“.

Die Preisgelder sind die einzigen Einnahmen des Clubs. Immer wieder wollen Firmen Werbebanner auf die Seiten bringen, doch das lehnen Saskia und Sarah aus Prinzip ab. Außerdem ahnen sie, dass es dann „richtig Ärger mit Warner Brothers geben würde“. Das Hollywood-Studio achtet streng auf seine Markenrechte und hatte den Fanclub gezwungen, seine frühere Netzadresse aufzugeben, die den Namen des Zauberschülers enthielt. „Warner macht vieles kaputt“, klagt Saskia. Weltweit seien viele Potter-Fanclubs aus dem Internet verschwunden, nachdem sie wegen angeblicher Urheberrechtsverletzungen abgemahnt wurden. Deutlich besser sei das Verhältnis zum Carlsen-Verlag, der Joanne K. Rowlings Bücher auf Deutsch herausbringt.

In der echten Schule profitieren die Fanclub-Chefinnen bislang nur ansatzweise von ihrem Computerwissen. Sarah hat es im Unterricht derzeit lediglich mit Grundlagen zu tun. Wie man „einen Windows-Ordner öffnet“, ist für sie nicht gerade eine Neuigkeit. Saskia ärgert sich darüber, dass an ihrem Gymnasium die „völlig überholte“ Programmiersprache Turbo-Pascal gelehrt wird. Auch der Internetanschluss funktioniere oft nicht. Die Ausstattung sei „vorzeitlich“.

Ein Informatikstudium strebt die Elftklässlerin nicht an. Wahrscheinlich würde sie sich dabei langweilen, fürchtet Saskia. Eine berufliche Tätigkeit im Computerbereich „kann ich mir schon vorstellen“, doch müsse die Aufgabe abwechslungsreich sein. Sarah sieht es ähnlich. Ihr hat allerdings bisher kein Unternehmer ein Angebot gemacht. Dafür ist sie wohl einfach noch zu jung.

Harry Potter im Netz:

www.hp-fc.de (Fanclub)

www.harrypotter.de (offizielle Filmseite)

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