Zeitung Heute : Hidetoshi Nakata - Kultfigur mit roten Haaren

MARTIN HÄGELE

PARIS .Wäre Hidetoshi nicht in Japan zur Welt gekommen, sondern in Europa oder Südamerika, und würden sich die Medien in Japan nicht so geziert verhalten jungen Helden gegenüber - eine sonderbare Mischung aus zurückhaltender Scheu und andererseits schon fast götzenhafter Anbetung - sie hätten längst mehr aus ihm gemacht als nur "den Wunderknaben von Bellmare Hiratsuka".Zudem ist Hidetoshi Nakata noch nicht groß auf der internationalen Bühne herumgereist.

Allein sein erster Auftritt in Europa aber hat gleich riesige Erwartungen ausgelöst.Bei der Fußball-Gala anläßlich der WM-Auslosung in Marseille gehörte der 20jährige, den zuvor kaum ein Mensch aus der alten Fußball-Welt gekannt hatte, sofort zu den auffallenden neuen Gesichtern.Unbewußt übernahm Nakata spontan das Kommando in der Welt-Auswahl, er leitete die beiden ersten Treffer gegen die Europa-Elf (Endstand 5:2) ein - und als er nach Ronaldos Ausscheiden 30 Minuten vor Schluß sogar die Kapitänsbinde in dieser gewiß elitäre Equipe übertragen bekam, haben sich nicht nur die Menschen aus dem Land der aufgehenden Sonne gewundert über den neuen Star.

Nun ist er zum zweitenmal nach Frankreich geflogen - zur WM.Heute trifft sein Team auf Argentinien.Und gewissermaßen als Vorschuß für die Weltpresse bringt er den Titel "Asiens Fußballer des Jahres" mit.Der Youngster hat seine Truppe geführt wie ein großer Stratege.Beim WM-Showdown gegen die körperlich weit stärkere und mit den Bundesliga-Legionären Daei, Bagheri und Azizi weitaus erfahrenere iranische Elf hatte Nakata alle drei japanischen Tore inszeniert.Nippon-Experte Pierre Littbarski schwärmt vom genialen Spiel des neuen Supermannes aus der J-League: "Nakata ist eine Mischung aus Häßler und Möller, sowohl dribbelstark als auch zielstrebig." Fünfzehn Jahre nach dem Koreaner Bum-Kun Cha könne Nakata der zweite Weltklassespieler aus dem Fernen Osten werden.

Ausländern und vor allem älteren Beobachtern fällt es offenbar leichter, die Perspektiven des japanischen Aufsteigers zu beurteilen.Sie erkennen aus der eleganten, ja fast schon arroganten und selbstsicheren Art, wie Nakata den Ball behandelt und vor sich hertreibt, die Bewegungen des jungen Franz Beckenbauer.Oder ahnen hinter dem bewußt coolen Gehabe außerhalb des Platzes Ansätze vom ganz frühen Günter Netzer.Als die erste Pop-Ikone der Bundesliga noch auf ganz in Schwarz und auf Rebell gemacht hatte.

Die Kultfigur Nakata aber macht auf bunt und ewige Jugend.Und so tun sich traditionell erzogene Japaner schwer mit diesem Typen, der voll auf der Welle des neuen Nippon-Zeitgeistes reitet.Sie können einfach nichts anfangen mit dem rothaarigen Kerl, der mit oranger Sonnenbrille und immer in den schrägsten und schrillsten Klamotten daherkommt.Sich nicht nur von der dunkelblauen und dunkelgrauen Krawatten-Welt der japanischen Wirtschaft abhebt wie ein vergessener Hippie, sondern auch an den Normen seiner Branche, besonders dem ganz auf PR ausgerichteten Denken der "J-League", immer wieder aneckt.Nakata schreibt zum Beispiel keine Autogramme, weil er sich für einen ganz normalen Arbeiter und nicht für einen Künstler hält.

Das große Turnier in Frankreich soll nun gleich mehrere Antworten bringen.Ist Japans heißester Mode- und Szene-Typ wirklich das Genie, zu dem ihn seine Bewunderer und die Werbeindustrie gerade machen? Ist der Bursche durch den Ruhm und die vielen Werbeverträge nur hochmütig geworden oder ist das alles Masche? Steckt hinter dieser ständigen Suche nach Zurückgezogenheit und persönlichen Freiheit doch ein kluger, eben schweigsamer Kopf?

Zuletzt haben Nakatas Kritiker Munition bekommen.In Gestalt des 18jährigen Shinji Ono.Der junge Chef der Red Diamonds Urawa spiele noch effektiver als Nakata, sagen sie, Nakata schaue auch im Spiel stets darauf, daß er persönlich gut wegkomme.Außerdem verhalte sich Ono wie ein richtiger Japaner.Stets brav, stets zuvorkommend.Immer auf die Harmonie in der Firma, sprich Mannschaft bedacht."Ono orientiert sich an Wa", sagt der Sportjournalist Masazumi Ando.Das Wort "Wa" lässt sich nicht übersetzen.Es bedeutet Demut, Gehorsam und und das ständige Unterordnen zum Wohl von Familie und Gesellschaft.

Nationaltrainer Okada steht eine schwere Entscheidung bevor: Wer wird sein Regisseur? Der 21jährige Nakata? Oder der 18jährige Senkrechtstarter, der die Mentalität und den Nerv seiner Landsleute voll getroffen hat.Ein guter Japaner oder ein moderner Japaner - wer taugt besser als Chef?

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