Zeitung Heute : Hier denkt man türkisch

Zielgruppe im Blick: Werbeagentur Beys weiß, wie man Deutschtürken erreicht

Katja Gartz

Enthält eine Geflügelwurst Schweinefleisch, wird sie von türkischstämmigen Bürgern nicht gekauft. Genauso wenig ansprechend finden diese ein Navigationsgerät, dass allgemein auf 32 Länderkarten verweist. Würde auf dem Gerät ausdrücklich eine Türkeikarte erwähnt, wäre ihr Interesse ungleich größer. Burhanettin Gözüakça, der 1998 mit einem Geschäftspartner die Marketing- und Medienagentur Beys gründete, weiß, wie türkische Migranten zu erreichen sind. Er selbst ist in der Türkei geboren, dort und in Baden-Württemberg aufgewachsen und seit über 20 Jahren in Berlin zu Hause. „Wichtig ist, die Kultur zu respektieren und zu verstehen“, sagt der 37-Jährige.

Seit zehn Jahren kümmert sich seine Agentur beispielsweise um das Design und die Werbung des türkischen Radiosenders Metropol FM. Anfangs richteten sich ihre Kampagnen an potenzielle Hörer, heute konzentriert sich das Team von Beys auf die Anzeigenkunden. Sollen deutsche Firmen auf die Zielgruppe der türkischstämmigen Deutschen aufmerksam gemacht werden, ist Aufklärungsarbeit gefragt. „Die Migranten mit türkischer Abstammung bilden die zweitgrößte Bevölkerungsgruppe mit der zweitgrößten Kaufkraft“, berichtet der Geschäftsführer. Über deren Medienkonsum, Markenbewusstsein und die Bedeutung der Familie berichtet ihre Kulturfibel für Werbekunden. Nachzulesen ist dort auch, dass eine Türkische Hochzeit mit 500 Gästen nur eine kleine Feier ist, dass die türkische Küche weit vielfältiger als das bekannte Fastfood ist und dass beim Besuch türkischer Gastgeber die Schuhe ausgezogen werden sollten.

Die Mitarbeiter der Agentur Beys haben die türkische Kultur immer im Blick. Sie haben sich auf Ethnomarketing spezialisiert, das heißt Werbung für gesellschaftliche Minderheiten. „Viele Unternehmen, die Ethnomarketing ernst nehmen, sind Marktführer“, sagt der Geschäftsführer. Immerhin zählen zu der „deutschtürkischen Community“ 5,6 Millionen Menschen, Türken in Deutschland mit Türkischem, mit Deutschem Pass, deutsche Freunde, Verwandte und Ehepartner sowie Kinder.

Will ein deutscher Keksproduzent Konsumenten mit türkischem Hintergrund erreichen, betreibt die Agentur Beys zunächst Marktforschung. Besonders interessant sind Produkte, die es im türkischen Handel nicht gibt, der Zielgruppe aber schmecken könnten. Zu ihren Kunden gehören beispielsweise auch Fluggesellschaften, Versicherungen und Banken. So steht auf einem Werbeplakat der Hypovereinsbank der Satz „Was machst Du mit Deinem Taschengeld?“ nicht nur auf deutsch, sondern auch auf türkisch. Das Mädchen, das die Frage stellt, und auch das Logo hat Burhanettin Gözüakças neunjährige Tochter Beyza gemalt.

Anlässlich der bevorstehenden Bundestagswahl produziert die Agentur in Kooperation mit der Bundeszentrale für Politische Bildung unabhängig von Auftraggebern ein eigene Publikation: Eine Wahlfibel, die türkischstämmige Wähler über das Deutsche Wahlsystem informiert. „Dieses Thema ist total vernachlässigt worden“, sagt der Geschäftsführer. Die zweisprachige Broschüre „du hast die Wahl – seçim sende“ erscheint in einer Auflage von 16 000 Stück und wird ab September Zeitungen beigelegt und in Vereinen und Verbänden verteilt.

Seit einem Jahr ist die Agentur in Mitte ein Familienunternehmen. Der 33-jährige Bruder Yilmaz, der bei Beys auch eine Ausbildung zum Mediengestalter abgeschlossen hat, ist in die Geschäftsführung aufgestiegen. Agenturgründer Gözüakças lernte sein kaufmännisches Handwerk im Unternehmen seiner Eltern, die in Mecklenburg-Vorpommern den Schafskäsevertrieb „Yasar“ mit 60 Mitarbeitern führten. Er übernahm ein Jahr die Geschäftsführung der Niederlassung in Hamburg, für drei Jahre in Mecklenburg-Vorpommern und war fünf Jahre für den Vertrieb in Europa vom Standort Berlin aus zuständig. Mit seinem früheren Geschäftspartner Atilla Çiftçi, ebenfalls einem Deutschtürken der zweiten Generation, gründete er die Agentur Beys. Ein Jahr später zählte das Team bereits sechs Mitarbeiter, im vergangenen Jahr waren es knapp zehn. Mit einer kontinuierlichen Umsatzseigerung zwischen fünf bis sieben Prozent wuchs das Unternehmen. Doch die Krisen blieben nicht aus. „Nach der geplatzten Internetblase 2001 und zu Beginn des vergangenen Jahres hatten wir jeweils ein Minus von 30 Prozent“, sagt Gözüakças.

Nach dem Ausstieg seines Gründungspartners änderte er die Mitarbeiterstrukturen. Heute arbeitet die Agentur mit sechs festen Angestellten und vielen freien Mitarbeitern. „Seit einem Jahr steigt unser Umsatz wieder um 15 Prozent“, sagt der Geschäftsführer. Die Agentur Beys wächst, da sind auch wieder neue Mitarbeiter erwünscht.

www.beys.de

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