Zeitung Heute : Hier eine Rose, dort eine Zigarre

Berliner Friedhöfe mit ihren zahllosen Gräbern von Berühmten und Reichen sind oft Parks, in Stein gehauene Geschichtsbücher und Museen in einem. Ein Rundgang

Die Grabstelle eines passionierten Rauchers. Auf der schlichten Stele Heiner Müllers liegt – fast immer – eine Zigarre. Gesehen auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin-Mitte.Foto: Imago
Die Grabstelle eines passionierten Rauchers. Auf der schlichten Stele Heiner Müllers liegt – fast immer – eine Zigarre. Gesehen...Foto: IMAGO

Meine Lieblingsfriedhöfe liegen an der Kreuzberger Bergmannstraße, hinter der quirligen Markthalle am Marheinekeplatz. Es sind gleich vier Friedhöfe, die nach dem Zweiten Weltkrieg miteinander verbunden wurden und sich bis zum Südstern erstrecken. Ich komme immer wieder: Wegen der Stille, aber auch, weil sie Parks, in Stein gehauene Geschichtsbücher und Museen in einem sind.

Gleich am Eingang gegenüber der Post steht eine trauernde, nachdenkliche junge Frau in langem weißen Gewand. Sie trägt eine frische rote Rose in der steinernen Hand. Diese Verbindung von ewigem Stein und vergehendem Leben hat etwas Rührendes — und ist ein Symbol für die sentimentale Stimmung, die über dem Friedhof liegt. Zuerst treffe ich auf das Grab des großen Predigers, Philosophen und Publizisten Friedrich Schleiermacher, der diesen Friedhof eingeweiht hat und hier beerdigt wurde. Nur einige Meter weiter liegt der Dichter und Märchenerzähler Ludwig Tieck. An seinem Grab wird eben Laub gefegt. Ist die Arbeit hier etwas Besonderes? „Is janz jut“, antwortet der Gärtner, „kommt aufs Wetter an.“ Eine echt Berliner Antwort.

Wenige Schritte weiter: Oppenfelds Erbbegräbnis. Es ist einer Pyramide nachempfunden, hat aber ein chinesisches Dach und eine blaue Tür, die sich nach oben hin verjüngt. Gleich daneben bewachen zwei Frauenfiguren, die an die Kriemhild aus Fritz Langs Nibelungenfilm erinnern, eine vom Jugendstil beeinflusste Grabstätte.

Es gibt viele, zum Teil monumentale Mausoleen aus dem 19. Jahrhundert auf diesem Friedhof. Sie wurden entworfen und gestaltet von einigen der berühmtesten Bildhauer und Architekten ihrer Zeit: Christan Daniel Rauch und Karl Friedrich Schinkel.

In einer Mauernische steht die Büste des Hofmalers Adolph von Menzel, der die preußischen Könige ebenso malte wie ein Stahlwerk und seinen eigenen, alten, verknorpelten Fuß. Er war ein früher Impressionist, konservativer Mann und kritischer Geist zugleich. Nur 1,40 Meter groß, wurde er wegen „Gnomenhaftigkeit“ vom Militär abgelehnt, worunter er sein Leben lang litt. Ich beobachte eine Frau, die sich umschaut und über die Brüstung steigt. Als ich das Ehrengrab erreiche, hält auch Menzel eine Blume.

Besonders im Herbst ist das weitläufige Gelände mit den vielen gusseisernen Kreuzen, den zugewachsenen Gittergrabstellen, den breiten Lindenalleen, den Tannen, Birken und Buchsbaumhecken und den vielen herumlaufenden Eichhörnchen einen Besuch wert. Ein Park der Toten, in dem auch der Architekt Walter Gropius, der Maler Carl Blechen und der erste deutsche Literatur-Nobelpreisträger Theodor Mommsen ihre letzte Ruhe gefunden haben.

Ein ganz anderer Friedhof liegt an der Schönhauser Allee. Er ist klein, dunkel und bedrohlich. Die Farben Grau und Grün dominieren, es gibt kaum Mausoleen und der ganze Boden unter den nah beieinander stehenden Bäumen ist mit Efeu bewachsen. Viele Steine, auf Hebräisch oder Deutsch beschriftet, sind bemoost und Spinnen haben Netze von Grab zu Grab gewebt. Die bescheidenen Grabmale stehen dicht nebeneinander, die meisten der schmalen Wege sind nicht mehr begehbar. Blumenschmuck gibt es hier nicht. Viele Steine sind geborsten, stehen schief oder sind umgefallen.

Max Liebermann liegt hier in einem Ehrengrab. Als er 1935 starb, begleiteten ihn nur knapp 100 Menschen auf seinem letzten Weg. Seine Frau Martha folgte ihm acht Jahre später. Sie nahm sich kurz vor ihrer Deportation das Leben. 22 000 Grabstätten drängen sich auf den fünf Hektar; zu den bekanntesten Persönlichkeiten, die hier ihre letzte Ruhe fanden, zählen der Komponist Giacomo Meyerbeer, die Verleger Albert Mosse und Leopold Ullstein sowie die Bankiers Gerson Bleichröder und Joseph Mendelssohn.

An der Chausseestraße in Mitte liegt der Friedhof der Dorotheestädtischen und Friedrichswerderschen Gemeinden. Bertolt Brecht und seine Frau Helene Weigel wohnten gleich neben dem Eingang zu dem Friedhof, auf dem sie heute begraben sind. Nirgendwo sonst in Berlin wurden so viele Berühmtheiten beerdigt: Die streitbaren Philosophen Johann Gottlieb Fichte und Georg Wilhelm Friedrich Hegel liegen hier einträchtig nebeneinander. Hier ruhen Schriftsteller wie Arnold Zweig und seine Kollegin Anna Seghers, außerdem die Komponisten Hanns Eisler und Paul Dessau – um nur einige wenige Namen zu nennen. Seit 1770 werden hier Menschen beerdigt und noch immer trauern Angehörige an frischen Gräbern. Es war der Wille von Bundespräsident Johannes Rau, an diesem Ort begraben zu werden. Auch der Dramatiker Heiner Müller liegt hier unter einer schlichen Stele, auf der zumeist eine Zigarre liegt.

An seinem Grab endet dieser kleine Rundgang. Prominente auf Friedhöfen gibt es aber weitaus mehr. Auch Willy Brandt, Loriot, Marlene Dietrich, Theodor Fontane, Harald Juhnke, Hildegard Knef und Helmut Newton liegen in Berlin begraben. Es gibt viele Friedhöfe zu entdecken.

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