Zeitung Heute : Hier läuft die Zukunft

Der Weg von einer der Berliner Modeschulen zur Fashion Week ist manchmal ein kurzer.

Eine durchsichtige Eselsmaske, die vor Regen schützt, Kleider aus bedrucktem Chiffon, die gleichermaßen von Frauen und Männern getragen werden – Regenmäntel, die mit Stangen zu kleinen Zelten werden, geflochtene Frisuren, die in einem hölzernen Einhorn enden – dass es so etwas auf der Berliner Fashion Week zu sehen gibt, haben wir dem Nachwuchs zu verdanken.

Denn auch die drei wichtigsten Berliner Modeschulen, die Universität der Künste, die Hochschule Esmod und die Kunsthochschule Weißensee, wollten die vier Modetage für ihre Studenten nutzen. Und das ist angesichts der manchmal rasanten Entwicklung vom Absolventen zum hochgelobten Jungdesigner in Berlin auch ziemlich schlau. Der Name Martin Niklas Wieser zum Beispiel ist in der Modeszene nicht erst seit dem gestrigen Abend ein Begriff – schon im April stellte er seine noch nicht fertige Diplomkollektion in einem Showroom aus und erntete viel Lob für seine ausgereiften, zurückhaltenden Entwürfe. Die wirkten auf der Modenschau der Kunsthochschule Weißensee am Freitagabend fast ein wenig verloren unter all den aufwendig gemachten Abschlussarbeiten.

Da wurde kilometerweise Wolle zu großen Mäntel verstrickt, wurden Leder und Filz verformt und Jogginganzüge als Zukunftskleidung vorgeführt. Auf das Beste musste man bis zum Schluss warten. Konstantin Laschkow versuchte erst gar nicht, eine in sich geschlossene Kollektion abzuliefern, sondern zeigte lauter großartige Einzelstücke. Die kombiniert er so gekonnt miteinander, dass ein dick mit weißer Farbe beschichteter Bleistiftrock zu einem dunkelgrünen Blouson mit großem Blumenmuster oder ein Anzug aus einem orangefarbenen 70er-Jahre-Gardinenstoff wie das Natürlichste auf der Welt wirken.

Immer wieder sah man bei den Absolventen schöne Kollektionen, die man sich gut im Laden vorstellen kann, aber auch sofort wieder vergaß. Und das ist schon eine Krux, einerseits wird den Studenten im Studium ein kreativer Freiraum versprochen, andererseits werden sie ermahnt, die Verkäuflichkeit nicht ganz außer Acht zu lassen. Schließlich sollen sie später ja auch Geld verdienen.

Karen Jessen von der privaten Hochschule Esmod macht es anders, sie heischt nicht um Aufmerksamkeit, sie bekommt sie einfach. Und zwar nicht nur in Berlin, sondern auch vor ein paar Wochen auf der London Graduate Fashion Week. Dort zeigen mehr als 1000 Absolventen aus ganz Großbritannien ihre Arbeiten. Das Ereignis ist ein wichtiger Bewerbungsmarkt, potenzielle Arbeitgeber aus aller Welt reisen an, um Talente zu sichten. Für ausländische Studenten gibt es den International Award, die Berliner Esmod war zum ersten Mal dabei und gewann mit der Abschlusskollektion von Karen Jessen gleich den ersten Preis. Am Dienstag stellte sie noch einmal im Hof des Deutschen Historischen Museums unter Beweis, warum sie auch beim schulinternen Wettbewerb dominiert hatte.

Ihre Kleider hat sie aus 200 T-Shirts, 70 Paar Jeans und dem Material dreier Ledersofas genäht, geknotet und verwoben. Wie viele Tage und Nächte Karen Jessen an einem Kleid, dass aus hunderten dünner T-Shirtstreifen zusammengesetzt ist, gesessen hat, möchte man sich noch nicht einmal vorstellen – aber man ist heilfroh, dass sie es getan hat. Überhaupt zeigten die Esmod-Absolventen in diesem Jahr ausgesprochen starke Kollektionen, wie die von Julia Winkler, die kräftige Farben und geometrische Formen miteinander verbindet.

Das lag vielleicht auch daran, dass der Zuschauer der Esmod-Modenschau nur einen Bruchteil der studentischen Arbeit zu Gesicht bekam – die Schulleitung hatte vorselektiert. Und das macht gerade im Rahmen der Fashion Week Sinn. Natürlich üben sich Eltern und Großeltern in unendlicher Geduld, wenn es gilt, Entwürfe aus den ersten Semestern zu beklatschen, professionelle Zuschauer interessieren eher die Ergebnisse des ganzen Studiums. Und sie harren bis zu den Diplomkollektionen aus – es könnte ja ein neuer Michael Sontag darunter sein.

Der saß in der ersten Reihe der Schau seiner Ausbildungsstätte, der Kunsthochschule Weißensee. Ein paar Stunden zuvor hatte er Einkäufern und Presseleuten seine Kollektion im Vogue Salon erklärt. Die Chefredakteurin des Magazins, Christiane Arp, hatte Berliner Designer in ihren Ateliers besucht und neun eingeladen, ihre Outfits im Ballsaal des Hotel de Rome auf Puppen zu ziehen.

Wer es bis dorthin geschafft hat, der ist über den Status eines Nachwuchstalentes heraus – auch wenn einige der Teilnehmer erst vor ein paar Jahren die Modeschule verlassen haben. Vladimir Karaleev zum Beispiel, er zeigte eine kleine Zwischenkollektion mit eher schlichten, nicht so stark drapierten und geschichteten Stoffen. Die letzte Saison sei für ihn so gut gelaufen, die Händler hätten immer wieder nachbestellt. Jetzt hat er mit eher einfachen Oberteilen, langen Kleidern und Röcken in zarten Braun- und Beige-Tönen darauf reagiert.

Auch zwei aktuelle Teilnehmer des vom Berliner Senat ausgerichteten Designerwettbewerbs „Start your Fashion Business“ hat Christiane Arp in ihren Salon geladen – die beiden Designerduos Blame und Blaenk. Auch wenn die Namen ähnlich klingen, unterschiedlicher kann die Mode zweier Marken kaum sein. Blame legt Wert auf Verkäuflichkeit, die Modelle sind schön, ein wenig schlicht, aber mit interessanten Details. Die zwei Designerinnen von Blaenk hingegen schaffen aufwendige Unikate und scheren sich nicht um Massentauglichkeit. Sie gewannen aber den mit 25.000 Euro dotierten ersten Preis.

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