Zeitung Heute : High Score im Eichenland

Von Martin Kilian

-

Gerade will ich den Strafzettel für unerlaubtes Parken an der 19. Straße zerknüllen, als es mich überfällt: Bezahle ich nicht, leidet meine Kreditwürdigkeit Schaden. Denn im Land der Freiheit, wo beinahe jeder mit einer Kanone fuchteln darf, wird gnadenlos über das Geldgebaren des Volkes gewacht.

Gradmesser pekuniärer Gesundheit ist der so genannte „Credit Score“, eine Zahl zwischen null und 850. Je höher der von speziellen Kredit-Auskunfteien ermittelte Wert, desto kreditwürdiger der Konsument. Nur üppige Bonität und eine Traumzahl über 700 garantieren Zugang zum amerikanischen Shangri-La, wo alles, vom Obst bis zum Sofa, vom Kaugummi bis zum Sarg, auf Pump erstanden wird. Und wer Strafzettel nicht bezahlt, verliert in den Computern der drei großen Auskunfteien unweigerlich an Boden.

Marx hatte es ja kommen sehen: Der Kapitalismus entzaubert die Welt! Statt wie einst bei John Milton gemächlich Richtung Himmel zu pilgern, zotteln wir in einer lebenslangen Wallfahrt einen steilen Berg hinauf, auf dessen Gipfel uns ein „Credit Score“ von 850 winkt. Wie furchtbar! Gleich Marionetten hängen wir an den Fäden der Auskunfteien, deren Namen – Equifax, Trans Union, Experian – immens gefährlich klingen.

Eine zu spät bezahlte Stromrechnung? Einmal die monatliche Abzahlung des Autos vergessen? Strafzettel zerknüllt? Sofort steigt das Kreditrisiko! Selbst intellektueller Genuss kann zum Abschmelzen der Kreditwürdigkeit führen. Man beißt sich etwa in den „Prologomena zu einer Metaphysik des Lautenspiels bei F. Zappa“ fest, liefert das überfällige Buch zu spät bei der Bibliothek ab – und prompt landet der Vorgang inklusive der Höhe der Strafe in den Computern der Auskunfteien.

Die Diktatur der Kreditwürdigkeit ruht nie, und die Hölle vergeblichen Verlangens nach Plunder auf Pump steht jedem offen, der sich versündigt hat und folglich nur noch im unteren Drehzahlbereich durch die Welt der Ratenzahlungen scheppert. Ein Auto auf 72 Monate zum besten Zinssatz finanzieren? Ein „Credit Score“ von 700 oder drüber! 3000 Dollar teures Eichenmobiliar aus North Carolina („American Antique“), für das laut Sonderangebot die erste Rate im Januar 2009 fällig wird, wenn G. W. Bush nach einer Verfassungsänderung seine dritte Amtszeit antritt? Enttäuscht konstatiert der Möbelverkäufer auf seinem Computer den „Credit Score“ des Kunden: 438, sorry, keine Eiche für Sie!

Mir kann das nicht passieren. Ich kriege Eiche, soviel ich will. Da mein „Score“ nach einer lebenslangen Orgie materieller Selbstverwirklichung eine luftige Höhe erreicht hat, droht mir jedoch weitaus Schlimmeres: der Verlust meiner Identität nämlich. Jawohl, Kaspar Hauser lässt grüßen! Getrieben vom Wunsch nach Auto und Eiche ergaunern sich amerikanische Ganoven alljährlich die Identität von Millionen kreditwürdiger Konsumenten, um auf Kosten der Betrogenen mal so richtig auszuholen: Auto, Eiche – alles!

Sofort zerbröselt die Kreditwürdigkeit des Opfers, auch stellt sich nach einem Identitätsdiebstahl die quälende Frage, wer man nun sei. Obendrein schleppt der Postbote täglich schockierende Rechnungen ins Haus: Auto, Eiche, Kaugummi sowie 10 000 Dollar für Kaviar und Coca Cola in einem billigen Strip-Club in Alabama. Unvorstellbar, wie man geschädigt werden kann, weil ein Unbekannter so tut, als sei er ich und mich unter meinem eigenen Namen ruiniert. Ein psycho-ökonomischer Donnerschlag!

Im Handumdrehen wird man so zu einer amerikanischen Tragödie, auf die mit dem Finger gezeigt wird: Schau mal, Randall, der Herr dort drüben hat seine Identität verloren, sein „Credit Score“ ist unter 200. Nicht einmal Hester Prynne, die bei Nathaniel Hawthorne wegen Ehebruchs einen roten Buchstaben in der Öffentlichkeit tragen musste, wurde derart sozial ausgegrenzt.

Wo bleibt da die Barmherzigkeit? Nun?

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben