Zeitung Heute : High-Tech-Hype: Warten auf "Ginger"

Markus Ehrenberg

"Es" wird kommen und alles umkrempeln. "Es" sei revolutionär, wichtiger als das Internet. Ganze Städte müssen um "Es" herum gebaut, die Auto- und Ölindustrie auf den Kopf gestellt werden. Was sich anhört wie der Werbespot einer Autofirma, ist die derzeit heißeste Spekulation in der High-Tech-Szene und im Internet - eine angeblich bahnbrechende US-Erfindung namens "Es", die auch unter dem schönen Namen "Ginger" durch das Netz geistert. Zur Zeit weiß nur kaum jemand, wie "Ginger" überhaupt aussieht und was es macht.

Das spielt in der Gerüchteküche Internet offenbar kein Rolle. Man kann dieses Phantom schon bestellen beziehungsweise kaufen, im E-Commerce-Shop www.amazon.com . Dort wird "Ginger" seit ein paar Wochen angeboten, unter dem Namen "IT". Auf einer Website ohne echte Produktfotos, nur mit einer radähnlichen Zeichnung und dürren Informationen versehen: "Sorry, es gibt keine Preisinformation derzeit, weil das Produkt noch unbekannt ist. Wir informieren Sie per E-Mail, sobald wir wissen, was IT wirklich ist, und wann es das bei uns zu kaufen gibt." Für Hunderte von Usern ist das Anreiz genug. Im "Ginger-Diskussions-Forum" wird heftig diskutiert.

Was kann schon wichtiger sein als das Internet? Was macht "Es"? Und warum der andere Name "Ginger"? Bekannt sind bislang nur wenige Fakten. Genauer gesagt, ein Name und ein Labor: Dean Kamen und sein Forschungslabor DEKA in Manchester, New Hampshire. Der amerikanische Erfinder baute 1970 die erste tragbare Insulinbombe. Zuletzt trat Kamen mit dem elektrischen Rollstuhl "IBot" an die Öffentlichkeit. "IBot" kann Treppen steigen. Ex-US-Präsident Bill Clinton war interessiert und verlieh Kamen im vergangenen Jahr den Nationalen Forschungspreis.

Der Codename von "IBot" war "Fred". Nach Fred Astaire, dem Tänzer. Dessen Partnerin war Ginger Rogers, und schon ist man bei Kamens aktueller, geheimnisvollen Erfindung. "Ginger" - eine Spurensuche im Netz. Der 49-jährige Ingenieur soll im Dezember 2000 eine 56-seitige Patentanmeldung bei der Weltorganisation für geistiges Eigentum eingebracht haben. Um ein "Transportmittel für ebene und unebene Strecken" soll es sich dabei handeln, möglicherweise ein einachsiges Skateboard, so ähnlich wie die Zeichnung auf der amazon-Verkaufssite. Zeitgleich rührte Kamen mit markigen Worten die Werbetrommel für sein Buch "IT", indem er die neue Erfindung genauer beschreiben will: "Ginger" sei wichtiger als das Internet.

Schon war der Hype im Rollen. Das seriöse "Wall Street Journal" stieg ein und meldete, "Gingers" Einzelteile könnten in einer Tragetasche Platz finden und in zehn Minuten zusammengebaut werden. "Ginger" solle im kommenden Jahr für 2000 Dollar auf den Markt kommen. Kamen setzte noch einen drauf: Seine Erfindung werde "großen Einfluss auf die Multi-Milliarden-Dollar-Industrie" habe. Das reichte dem US-Verlag Harvard Business School Press. Ein 250 000-Dollar-Angebot für die Rechte an Kamens Buch "IT" machte die Runde.

Soll, sei, könnte, werde, habe - alles Hitler-Tagebücher oder was? Die Gerüchte-Website Inside.com sah ihre Zeit gekommen und rechnete aus, dass Kamen durch "Ginger" in fünf Jahren reicher sein dürfte als Bill Gates. Eine Marktanalyse der Credit Suisse sehe angeblich beste Chance für eine technologische Innovation. Um auch den letzten Zweifler zu überzeugen, wurden die High-Tech-Internet-Riesen Apple und Amazon ins Spiel gebracht. Apple-Gründer Steve Jobs und Amazon-Chef Jeff Bezos hätten einen Prototypen von "Ginger" gesehen und erwägen, Millionen Dollar in die Weiterentwicklung zu investieren.

Mehr war bisher nicht. Täglich schauen Internet-Nutzer bei amazon.com vorbei und warten auf "Ginger": aufs erste Foto, den Preis, eine Kunden-E-Mail, irgendwas. Vielleicht ist das alles nur ein Beispiel für die große Gerüchteküche Internet, in der sich jeder mal profilieren darf. Vielleicht auch nicht. Amazon.de will den Ladenhüter derzeit nicht übernehmen. Und Dean Kamen in den Staaten hüllt sich auf einmal in Schweigen. Keine Presseantwort. Zuletzt hat sich der Erfinder nur noch kurz über die Lawine gewundert, die er da losgetreten hat. Er glaube, dass die Erwartungen für "Es" zu hoch seien. So sieht es auch das Internet-Magazin "Wired": "Wahrscheinlich erwarten wir alle zu viel."

Wer das weiterhin tun will, kann sich unter www.amazon.com in der "Ginger"-Warteschlange anstellen und mitdiskutieren. Das tun offenbar Menschen, die sich sonst für den Boxer George Foreman interessieren, so die "Customers Information". Auf Technikbegeisterung, Autoindustrie oder gar Internet-Revolution weist das nicht unbedingt hin. Zum Hype um "Ginger" passt dann auch eine aktuelle Umfrage, die der Internet-Dienst ZDnet in Zusammenarbeit mit der Ludwig-Maximilians-Universität München durchführt. Die Frage ist: Wie glaubwürdig sind die unterschiedlichen Informationsanbieter aus dem WWW?

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