Zeitung Heute : Hilfe auf der Insel der Ruhe

Die neue Friedrich von Bodelschwingh-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie ist der vierte Standort der GPVA in Berlin

Volker Piper

Die Eröffnung einer neuen Klinik ist heutzutage selten. In diesen bewegten gesundheitspolitischen Zeiten geht der Trend eher in die andere Richtung. Im Bezirk Wilmersdorf stand ein solches Ereignis vor wenigen Tagen an. Im Beisein zahlreicher Gäste weihte der EKD-Vorsitzende und Bischof von Berlin-Brandenburg und der schlesischen Oberlausitz, Dr. Wolfgang Huber, mit einem Festgottesdienst in der Auenkirche die Friedrich von Bodelschwingh-Klinik ein. Der moderne Neubau in der Landhausstraße bietet eine psychiatrische Vollversorgung für rund 340 000 Menschen in Charlottenburg und Wilmersdorf.

Die Klinik gehört zum „Gemeindepsychiatrischen Verbund und Altenhilfe“ (GPVA) und setzt die Arbeit fort, die bislang an den drei Standorten Bettinastraße (Klinik Eibenhof), Eschenallee und Güntzelstraße geleistet wurde. Alle GPVA-Einrichtungen, zu denen zum Beispiel auch die benachbarte Seniorenpflegeeinrichtung Barbara von RentheFink-Haus gehört, sind Teil der von Bodelschwinghschen Anstalten Bethel in Bielefeld. In diesem Bündnis arbeiten auch das Evangelische Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge in Berlin Lichtenberg und die Hoffnungstaler Anstalten Lobetal mit. Die Einrichtungen verstehen sich als Netzwerk und unterstützen sich bei Bedarf gegenseitig.

„Mit der Eröffnung der Friedrich von Bodelschwingh-Klinik steht eine moderne Einrichtung für die psychiatrische, psychosomatische und psychotherapeutische Versorgung in diesem Teil Berlins zur Verfügung, die eine wohnortnahe, ambulante und stationäre Versorgung bietet“, sagt der medizinische Direktor der Klinik, Professor Doktor Friedel M. Reischies. „Durch unsere Zusammenarbeit mit ambulanten und stationären Einrichtungen stellen wir eine auf die persönliche Lebenssituation und die Erkrankung abgestimmte Behandlung sicher. Als diakonische Einrichtung fühlen wir uns in einem besonderen Maße der ärztlichen, pflegerischen und auch seelsorgerlichen Zuwendung zum Menschen verpflichtet.“

Mit Professor Reischies hat die Klinik einen ausgewiesenen Fachmann als medizinischen Direktor bekommen. Der 56-jährige Mediziner hat sich mit wegweisenden Studien etwa über Depression und alterspsychiatrischen Erkrankungen in Fachkreisen einen Namen gemacht. Er war vorher Leiter der GPVA-Stationen der Psychiatrischen Universitätsklinik im Charité in der Eschenallee. Unter seiner Verantwortung arbeiten nun in der neuen Klinik erfahrene Ärzte, Psychiater, Psychologen, Therapeuten, Sozialarbeiter und Pflegekräfte. Die neue Einrichtung hat insgesamt rund 140 Beschäftigte.

Die Klinik wurde in insgesamt 15 Monaten errichtet. Investor ist das Berliner Bauunternehmen Kuthe. An gleicher Stelle befand sich vorher eine Diabetesklinik. Sie hatte allerdings schon vor längerer Zeit ihren Betrieb eingestellt. Das marode Haus stand seitdem leer. So begannen die Bauarbeiten zunächst mit dem Abriss des Vorläufergebäudes. Die Baukosten für die Nachfolgeeinrichtung beliefen sich einschließlich der Abbrucharbeiten auf etwa 14 Millionen Euro. Am 23. April 2007 begann die Klinik mit ihrer Arbeit, die offizielle Einweihung folgte einen Monat später. Die Tagesabläufe haben sich schnell eingespielt. Die Auslastung ist schon nach wenigen Wochen sehr hoch.

Mit der neuen Friedrich von Bodelschwingh-Klinik ist ein Krankenhaus in ruhiger Citylage entstanden. Das freundliche, einladende Erscheinungsbild passt so gar nicht ins Klischee einer psychiatrischen Klinik. Das Gebäude wirkt durch seinen warmen Ocker-Ton und den gelben Rollos fast ein bisschen südländisch. Dazu trägt auch der Steingarten bei, der im Innenhof hergerichtet wurde und der den Patienten als Ruhebereich dient. „Psychiatrie heißt heute etwas ganz anderes, als man das vielleicht von früher her kennt“, betont Reischies. „Wir sind mitten unter den Menschen, für die wir da sind, und legen deshalb großen Wert auf eine gute Nachbarschaft.“

Dieser offene, verbindende Charakter gilt insbesondere für die Tagesklinik, die über 20 Plätze verfügt und einen separaten Eingang hat. Sie ist zugeschnitten auf erwachsene Patienten, die einer intensiveren ärztlichen und psychotherapeutischen Behandlung bedürfen als es ambulant möglich ist, aber die deswegen nicht unbedingt ins Krankenhaus müssen. In Abstimmung mit den niedergelassenen Ärzten betreibt die Klinik außerdem eine moderne Institutsambulanz. Hier werden zum Beispiel Patienten mit chronischen schizophrenen Krankheitsbildern, aber auch Persönlichkeitsstörungen behandelt. Außerdem wird regelmäßig eine Gedächtnissprechstunde abgehalten, die sich speziell an Menschen mit beginnender Demenz richtet.

Kernstück der Friedrich von Bodelschwingh-Klinik sind vier Stationen mit je 25 Betten. Sie haben unterschiedliche Behandlungsschwerpunkte. Dazu gehören Depression, Schizophrenie und alterspsychiatrische Erkrankungen wie Demenz. Behandelt werden auch Patienten mit Abhängigkeitserkrankungen, insbesondere Abhängigkeit von Alkohol und Medikamenten.

Depression ist nach Erläuterungen von Reischies zu einer Volkskrankheit geworden. Eine depressive Erkrankung verläuft in den meisten Fällen chronisch mit immer wieder auftretenden Erkrankungsphasen, die sich im Allgemeinen nahezu vollständig zurückbilden. Dazu ist es aber wichtig, frühzeitig die Symptome zu erkennen, um sich schnell professionelle Hilfe zu holen. Das gilt auch für die Schizophrenie. Etwa 800 000 Bundesbürger erkranken mindestens ein Mal in ihrem Leben daran. Je später eine sachgemäße Therapie beginnt, umso ungünstiger gestaltet sich der weitere Verlauf. Die Hauptsymptome schizophrener Psychosen (Realitätsverlust mit Wahnideen und Halluzinationen, Identitätsverlust, sozialer Rückzug) verdeutlichen Art und Schwere dieser psychischen Störung. Erheblich häufiger als früher treten heutzutage alterspsychiatrische Erkrankungen auf, zu denen insbesondere Demenz gehört. Das hat demografische Gründe. Die Zahl der Betroffenen wird deshalb weiter zunehmen.

Neben den verschiedenen psychotherapeutischen Behandlungsformen, die in der Friedrich von Bodelschwingh-Klinik angewendet werden, hat Ergotherapie auf allen Stationen einen sehr hohen Stellenwert. Sie kann dazu beitragen, dass die Patienten schonend aus einer Krise herausgeführt werden können. „Die Erfolge sind oft erstaunlich“, hat Reischies festgestellt. Große Bedeutung hat in der Landhausstraße auch die Bewegungstherapie. Bewegung kann helfen, den Erfolg einer Behandlung dauerhaft zu stabilisieren und das Wohlbefinden von depressiven Patienten positiv zu beeinflussen, wie man heute weiß. Besonders bei Ausdauersportarten werden körpereigene Glückshormone, Endorphine, ausgeschüttet, die depressiven Gefühlen entgegenwirken. Die Bewegungsangebote in der Klinik kommen an, wie man an den Lauf- und Walking-Gruppen erkennen kann, die sich allmorgendlich auf den Weg machen.

„Im Zentrum unserer Aufmerksamkeit steht der gesamte Mensch, der in einer Krise Hilfe erfährt“, fasst der Ärztliche Direktor der Klinik das Selbstverständnis seines Hauses zusammen und freut sich über die guten Bedingungen, die seiner Ansicht nach aus der Friedrich von Bodelschingh-Klinik eine Vorzeigeklinik machen. „Die komplexen, sorgfältig abgestimmten Behandlungsprogramme für verschiedene Erkrankungen dienen freilich nicht nur der Krisenintervention, sondern entfalten eine nachhaltige Wirkung. Viele Patienten haben bei uns die Aussicht, dauerhaft gesund zu werden.“

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