Zeitung Heute : Hilfe aus dem Web

„Beratungsnetz“ gestartet

Ulrike von Leszczynski (dpa)

Die Selbstmordgedanken einer jungen Frau waren im Internet zu lesen, verschlüsselt und anonym. Ein Zufall, dass Psychologen die Drohung bemerkten und online professionelle Hilfe anboten. Die junge Berlinerin hat ihr Vorhaben danach aufgegeben und vertraute sich dem Jugendnotdienst an – von Angesicht zu Angesicht. „Beratung im Internet kann dazu beitragen, Leben zu retten“, sagt Gerd Storchmann, Berater bei „Neuhland“, einem Verband, der auch Online-Hilfe für Suizidgefährdete anbietet.

Professionelle Beratungsstellen des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Berlin versuchen seit zwei Jahren, einen Königsweg aus einem Dilemma zu finden: Immer mehr Menschen – besonders Jugendliche – vertrauen ihre Sorgen und Nöte lieber dem Internet an, als mit einem vertrauten Menschen darüber zu reden. Doch lange gab es kein Forum, das geeignet war, diesem Bedürfnis entgegenzukommen.

Im vergangenen Jahr startete der Verband eine neue Form der Sozialarbeit: Mit rund 125 000 Euro Kapital aus Stiftungsgeldern und gemeinsam mit einer Internet-Agentur entstand eine eigene Beratungs- Webseite. 80 ausgebildete Psychologen und Pädagogen ließen sich schulen und bieten nun eine kostenlose Chat- oder Mailberatung an. Es gibt sogar Online-Gesprächstermine – wie in einer Arztpraxis.

Rund 900 Rat suchende Menschen nahmen seit dem Start Kontakt über die Webseite auf, darunter viele Jugendliche, Frauen und sogar Senioren. Hilfen gibt es für fast alle Lebensbereiche – von Schulproblemen über Behinderungen bis hin zu Selbstmordgedanken.

„Das Internet ist kein Ersatz für das klassische Beratungsgeschäft“, betont Oswald Menniger, Geschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. „Das beruht nun einmal auf persönlichen Beziehungen.“ Eine Therapie über das Internet sei schon gar nicht möglich. Und doch kann das Netz Menschen, die sonst aus Scham oder Angst keine Hilfe suchen, über Schwellen hinweghelfen: Denn der Zugang ist anonym und unabhängig von Zeit oder Ort.

Gerd Storchmann glaubt, dass Online-Beratung für Jugendliche genau das Richtige ist. „Sie kommen schriftlich schneller auf den Punkt, und sie sind lockerer und offener als bei einem persönlichen Gespräch mit einem fremden Erwachsenen“, sagt er.

Negativ-Schlagzeilen über Selbstmordforen im Internet machen es professionellen Beratern mitunter schwerer, ihr Angebot zu präsentieren. Der Berufsverband Deutscher Psychologen rät deshalb dazu, einen Online-Berater direkt beim ersten Kontakt nach seiner Ausbildung zu fragen. Der Verband vergibt darüber hinaus Gütesiegel für psychologische Internet-Beratung.

Die Anlaufstelle im Netz:

www.das-beratungsnetz.de

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