Zeitung Heute : Hilfe für den schiefen Hals

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Wenn Muskeln sich selbstständig machen

Hartmut Wewetzer

Es sieht merkwürdig, manchmal bizarr aus. Plötzlich und unwillkürlich, wie von unsichtbaren Fäden gezogen, dreht sich der Kopf zur Seite. Schiefhals oder Torticollis spasmodicus nennen die Neurologen diese Störung. Der Betroffene verliert die Kontrolle über seinen Körper und das vielleicht gerade in einem wichtigen Moment – beim Gespräch mit einem Kunden etwa.

Nicht genug damit, dass die Patienten darunter leiden, dass sich ihr Hals selbstständig macht. Oft wird das Leiden verkannt. So wie bei der jungen Frau, die jahrelang eine Psychotherapie machte. „Der Therapeut deutete die Drehbewegung des Kopfes als Ausdruck der Abwendung der Mutter von ihrem ungewollten Kind“, schreibt Richard Dengler, Neurologe an der Medizinischen Hochschule Hannover, in der „Münchner Medizinischen Wochenschrift“.

„Odysseen der Patienten von Arzt zu Arzt sind keine Seltenheit“, sagt Dengler. Hausärzte, Orthopäden, Chiropraktiker, Psychiater und Psychotherapeuten – jeder versucht mal sein Glück. Aber der Schiefhals ist keine seelische Störung, auch wenn das Leiden in der Psyche Narben hinterlassen kann. „Viele Betroffene fühlen sich von ihren Mitmenschen falsch verstanden und werden depressiv“, sagt Andreas Kupsch, Nervenspezialist am Berliner Universitätskrankenhaus Charité. „Die Gefahr der sozialen Ausgrenzung ist groß.“

Der Schiefhals gehört zu einer Gruppe von Störungen namens Dystonien. Auch wenn die genaue Ursache bis heute unbekannt ist, geht man davon aus, dass die Bewegungszentren im Gehirn gestört sind. Allen Dystonien ist gemeinsam, dass es zu kaum beeinflussbaren Verkrampfungen von Muskeln kommt. Dabei kann der ganze Körper betroffen sein oder lediglich Muskelgruppen. Am häufigsten ist der Schiefhals, aber es gibt auch Muskelkrämpfe etwa an den Lidern, den Stimmbändern oder im Bereich von Mund, Zunge und Schlund. Schließlich kann es zu Muskelkrämpfen bei Tätigkeiten kommen, etwa beim Schreiben.

Heilbar ist der Schiefhals bis heute nicht, aber gut zu behandeln. Bewährt hat sich das Bakteriengift Botulinumtoxin, das in extrem geringer Dosis in den verkrampften Muskel gespritzt wird. Botulinumtoxin, bei der Faltenbehandlung in Mode, lähmt den Muskel. Die Wirkung hält etwa drei Monate an, dann muss die Behandlung wiederholt werden. „Neun von zehn Patienten kann mit dieser Behandlung geholfen werden“, sagt der Charité-Neurologe Kupsch.

Noch im Erprobungsstadium ist ein Hirnschrittmacher, der in besonders hartnäckigen Fällen von Muskelkrämpfen helfen soll und sich bisher vor allem bei der Parkinson-Krankheit (Schüttellähmung) bewährt hat. Dabei wird ein Draht in das Gehirn vorgeschoben, genau in jenes Areal, in dem der Muskelkrampf „programmiert“ wird. Ein elektrischer Reiz löscht die Fehlprogrammierung.

Der jungen Frau mit dem Schiefhals, der angeblich auf mangelnde Mutterliebe beruhte, konnte übrigens mit der Botulinum-Therapie geholfen werden. Keine Heilung, aber fast ein Happy End.

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