Zeitung Heute : Hilfe für die Netzhaut

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Ein Mittel gegen die Augenkrankheit AMD

Hartmut Wewetzer

Das Augenleiden AMD macht keine Schmerzen. Die ersten Zeichen sind unauffällig, leicht zu übersehen. Da ist mitten im Bild plötzlich der verschwommene Fleck, ein grauer Schatten auf der Zeitung. Das Sehen kann sich weiter verschlechtern, unschärfer werden und die Wahrnehmung verzerrt sein. Die AMD – diese Abkürzung steht für altersbedingte Makuladegeneration – ist die Krankheit, die jenseits des 55. Lebensjahres am häufigsten zu unwiderruflichem Sehverlust und zur Erblindung führt. Sie zerstört die Netzhaut genau an der Stelle, mit der das Auge am schärfsten sieht, in einem Bereich namens Makula.

Vor allem die „feuchte“ AMD ist gefürchtet. Bei ihr bilden sich neue Blutgefäße. Die können undicht sein und lecken, so dass sich Wasser unter der Netzhaut sammelt. Anders als bei der langsam voranschreitenden „trockenen“ AMD kann sich die Sehkraft dramatisch schnell verschlechtern. Was tun, um das Wuchern der Gefäße unter der Netzhaut zu stoppen?

Die Möglichkeiten sind bislang begrenzt. Seit nicht allzu langer Zeit gibt es eine spezielle Form der Laserbehandlung, genannt photodynamische Therapie. Dabei bekommt der Patient ein Medikament in die Armvene gespritzt, das sich in den neu gebildeten Blutgefäßen des Auges ablagert. Durch einen infraroten Laserstrahl wird das Mittel aktiviert und verschließt die Blutgefäße. Der Nachteil: Diese Therapie hilft nur etwa jedem zehnten Patienten.

Aber nun gibt es Hoffnung. Eine große Untersuchung in insgesamt 117 Augenkliniken in aller Welt hat ergeben, dass auch eine direkt ins Auge gespritzte Medizin den Verlust der Sehschärfe bremsen kann. Wie das Ärzteteam unter Leitung von Evangelos Gragoudas von der Harvard Medical School in Boston im Fachblatt „New England Journal of Medicine“ berichtet, senkt das Mittel Pegaptanib die Gefahr eines schweren Verlusts der Sehschärfe von 22 auf zehn Prozent.

Der Wirkstoff wird von dem Hersteller Pfizer als „Macugen“ vermarktet und ist in den USA bereits zugelassen. Das Besondere an „Macugen“ ist, dass das Präparat maßgeschneidert gegen ein Eiweiß namens VEGF wurde. VEGF lässt die Blutgefäße in der Netzhaut sprießen, Macugen blockiert VEGF. „Das ist eine neue Qualität in der Behandlung“, sagt der Augenarzt Klaus Rüther, AMD-Spezialist an der Berliner Charité.

Die Tür zu einer neuen Therapie ist also aufgestoßen. Aber erst einen Spalt breit. Denn auch Macugen hilft längst nicht allen Patienten wirklich gut. Nur zehn Prozent, also etwa so viele wie bei der Laserbehandlung, können auf eine nachhaltige Besserung hoffen. Zudem besteht die Gefahr einer Infektion beim Spritzen des Medikaments in den Augapfel, und die Gabe muss alle sechs Wochen wiederholt werden.

Trotzdem ist Optimismus durchaus angebracht, denn zum einen kann man nun Laser und VEGF-Blockade miteinander kombinieren. Zudem werden weitere Medikamente gegen das Gefäßwachstum im Auge erprobt. Dass dieser Ansatz prinzipiell richtig ist, wurde nun bewiesen.

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