Zeitung Heute : Hilfe für ein unbekanntes Land

ANDREA NÜSSE

Die gestrige Reise einer EU-Troika nach Algier zeugt davon.Doch es bleibt die schwierige Frage: Was kann der Westen in dem undurchsichtigen Konflikt in Algerien eigentlich tun?VON ANDREA NÜSSEDer Westen will nicht mehr wegsehen.Staatsraison hin oder her - die Bilder und Berichte der vergangenen zwei Wochen über die Massaker an Hunderten algerischen Bauern haben auch die westliche Öffentlichkeit aufgewühlt.Aus der ethisch-moralischen Empörung heraus werden Taten gefordert.Die gestrige Reise einer EU-Troika nach Algier zeugt davon.Doch es bleibt die schwierige Frage: Was kann der Westen in dem undurchsichtigen Konflikt in Algerien eigentlich tun? Natürlich kann und soll man den Überlebenden der Massaker Decken und Medikamente schicken, wichtiger sind vielleicht Psychologen, die sich um die verwaisten Kinder kümmern.Doch bevor der Westen politisch Partei ergreift oder Forderungen im Hinblick auf eine Verhinderung solcher Überfälle stellt, muß er sich bemühen, Licht ins Dunkel bringen.Denn Algerien ist durch die Morde an algerischen Intellektuellen und Ausländern sowie den Unwillen der Machthaber, Beobachter ins Land zu lassen, zu einer terra incognita geworden.Die Informationen fließen spärlich und sind extrem widersprüchlich.Vor allem der Zweifel, ob nicht auch Armee-Einheiten in die Morde verwickelt sind, wie dies schon seit Jahren von Oppositionellen und Deserteuren behauptet wird, lähmt jede Initiative.Doch schon der Verdacht, die Armee mache sich der unterlassenen Hilfeleistung schuldig, wiegt schwer.Daher müssen so viele Beobachter wie möglich nach Algerien reisen und danach Zeugnis ablegen.Die Reise der EU-Troika ist in diesem Sinne ein wichtiger erster Schritt - auch wenn sie natürlich kein greifbares Ergebnis haben wird.Die schon lange geplante Reise von EU-Parlamentariern im Februar ist der nächste Schritt, sodann sind Journalisten, Wissenschaftler und Vertreter von Nichtregierungsorganisationen gefragt.Der Westen muß notfalls durch Druck dafür sorgen, daß ihnen die Einreise erlaubt wird.Wenn der Staat nichts zu verbergen hat, kann Öffentlichkeit eigentlich nur in seinem Sinne sein.Das gleiche gilt für eine unabhängige Untersuchung der Massaker.Ohne deren Ergebnisse kann der Westen dem Regime keine Hilfe im Kampf gegen den Terrorismus anbieten.Dabei sollte sich der Westen von Algier nicht mit dem Argument abspeisen lassen, es handle sich um innere Angelegenheiten: Wenn der algerische Staat das Leben seiner Bürger nicht schützen kann, verletzt er ein von ihm 1989 unterzeichnetes UNO-Menschenrechtsabkommen und ist dafür Rechenschaft schuldig. Langfristig kann es für den Aufruhr in Algerien nur eine politische Lösung geben.Doch welche Gegner stehen sich dort heute eigentlich gegenüber? Waren dies vor Jahren noch das Militärregime und die islamistische Opposition in Form der Islamischen Heilsfront (FIS), so gibt es heute nur noch das Regime und eine Vielzahl unabhängiger Mörderbanden, die keiner politischen Front wirklich zuzuordnen sind.Das heutige Gewicht der verbotenen FIS ist schwer einzuschätzen, eher jedoch gering.Daher hat der Aufruf, sich mit den gemäßigten Führern der Islamischen Heilsfront an einen Tisch zu setzen, nicht mehr den Sinn, den er noch vor wenigen Jahren hatte.So kann man heute nur eine allgemeine politische Öffnung vom Regime fordern, dies allerdings mit Nachdruck. Mit diesem Ziel vor Augen sollte der Westen den Kontakt sowohl mit der friedlichen islamischen und der zersplitterten westlich-demokratischen Opposition suchen.Hier wird immer übersehen, wie entwickelt und aktiv die algerische Zivilgesellschaft ist.Die beeindruêkende Leistung der unabhängigen Journalisten, denen allein wir die Informationen über die Massaker verdanken, ist nur ein Beweis dafür.Diese Journalisten, die Frauengruppen, Gewerkschaften, Vereine von Angehörigen von Terroropfern sowie jene politischen Parteien, die jeden Handel mit dem Regime standhaft abgelehnt haben, können finanziell, durch die Weitergabe technischer Geräte, durch Einladungen und Austauschprogramme unterstützt werden.Natürlich ist diese kontinuierliche Begleitung der Zivilgesellschaft zusammen mit dem ruhig auch wirtschaftlichen Druck auf das uneinsichtige Regime keine Soforthilfe angesichts der Massaker.Es ist jedoch der einzige, wenn auch mühsame Weg, die zerrissene und entwurzelte algerische Gesellschaft allmählich zu befrieden.

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