Zeitung Heute : Hilfe, wer hat die Fernbedienung gestohlen?

TIPI – DAS ZELT The Umbilical Brothers versuchen sich in „Speedmouse“ in digitaler Schauspieltechnik – und verausgaben sich in einem wild-anarchistischen Bühnenspaß

SANDRA LUZINAD
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Doch bei der Begegnung mit dem Tagesspiegel-Fotografen Kai-Uwe Heinrich sieht Shane Dundas schon mal Sternchen.

Ihre erste Begegnung hat gleich tiefe Spuren hinterlassen. David Collins und Shane Dundas haben sich 1988 in Sydney an der Schauspielschule kennengelernt, während einer Jazz-Dance-Klasse traf Davids Fuß Shane so unglücklich, dass die Nase brach. Doch dieser erste Härtetest hat die beiden angehenden Comedians erst richtig zusammengeschweißt – nach dem Motto: Was uns nicht umhaut, macht uns umso komischer. „Schwartz & Eggar“ nannten sich die beiden bei ihrem ersten Auftritt, wohl aus Bewunderung für den unkaputtbaren Schwarzenegger, doch nach fünf Minuten tauften sie sich um in „The Umbilical Brothers“. Und es ist sicher kein Zufall, dass sie sich auf Physical Comedy verlegt haben: In ihren herrlich albernen Bühnenshows geht es um den Wunsch nach Kontrolle – und oft führt die Kontrollwut direkt in die Anarchie.

Mit dem Programm „Speedmouse“ kehren die beiden Spaßvögel aus Down Under nun ins Tipi-Zelt zurück. Das Stück basiert auf einer einfachen Idee: David und Shane wollen die neuesten technologischen Errungenschaften für ihre Show nutzen – und steigen auf digitale Schauspielkunst um. So sind sie in der Lage, beliebige Programme abzurufen, „Wir produzieren diese digitalen Effekte mit dem Körper“, erklärt David Collins. Und das machen die beiden so gut, dass hier wirklich die Illusion entsteht, dass Aktionen auf der Bühne vor- und zurückgespult werden. Aus der Mensch-Maschine-Metapher holen sie eine irrsinnige Komik hervor. Denn als unglücklicherweise die Fernbedienung verloren geht, droht die Show komplett aus dem Ruder zu laufen. Und als dann auch noch Showkontrolleur Tina anfängt, Gedankenspiele mit Shane zu treiben, wird es abgründig.

„Unser Humor ist Meta-Humor, eine Reflexion über das Aufführen einer Show“, sagt Shane Dundas. Oft handeln die Performances davon, dass eine äußere Macht auf die Darsteller einwirkt. „Es ist fast schon etwas Existenzielles, in einer Show haben wir sogar mit Gott gesprochen.“ Das bedeutet aber nicht, dass die Umbies besonders vergrübelt daherkommen. Ihre Shows sind wild-anarchistische Bühnenspäße, die Comedy, Mime, Artistik und Soundeffekte verbinden.

„Strukturierte Kindlichkeit“ nennen die Umbies ihre Methode. Was die beiden verbindet, ist die pure Lust am Spiel. Und manchmal muten die beiden Australier wie Jungs an, die Cowboys spielen und sich dann in Sternenkrieger verwandeln. Doch das Erstaunliche ist, wie es ihnen immer wieder gelingt, die Fantasie der Zuschauer zu stimulieren – etwa indem sie merkwürdige Sounds produzieren oder Stimmen imitieren von Figuren, die physisch nicht anwesend sind. „Die digitalen Technologien berauben uns unseres aktiven Vorstellungsvermögens“, sagt Shane Dundas. „Bei uns dagegen entwickelt jeder Zuschauer seine eigene Vorstellung.“

Der Kampf um die Selbstbestimmung führt zu herrlichen Turbulenzen, denn irgendjemand drückt immer auf die falschen Knöpfe. Doch nicht nur gegen externe Mächte müssen die Umbies sich zur Wehr setzen. „Speedmouse“ erzählt auch davon, dass der Körper ein unheimliches Eigenleben führt. SANDRA LUZINA

Premiere 2.2., 20 Uhr

bis 21.2., Di-Sa 20 Uhr, So 19 Uhr

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