Zeitung Heute : Hilfe zur Weiterhilfe

In Kaschmir müssen drei Millionen Menschen der Kälte in Zelten trotzen

Ruth Ciesinger

Hilfsorganisationen berichten von dramatischen Verhältnissen in der Erdbebenregion in Pakistan, nachdem dort der Winter begonnen hat. Wie könnte den Menschen dort jetzt noch geholfen werden?


In dem Moment, in dem es stark zu schneien oder zu regnen beginnt, kommt die Hilfe für die Erdbebenopfer mehr oder weniger zum Erliegen. Das war schon direkt nach dem Erdbeben am 8. Oktober so, als heftiger Regen Hubschrauberflüge in die Bergregion verhinderte – und es ist auch jetzt wieder ein Problem.

Im Herbst waren entlegene Täler im von Pakistan verwalteten Teil Kaschmirs und der nordwestlichen Grenzprovinz tagelang von der Außenwelt abgeschnitten. Schwer Verletzte mussten unter freiem Himmel auf einen Arzt warten, die Spezialistenteams zur Bergung der Verschütteten kamen nicht zu den Opfern. Regierung und Hilfsorganisationen drängten deshalb mit Blick auf den Winter von Anfang an zur Eile und forderten mehr Geld. Schon im Oktober warnten die UN: Würden die etwa drei Millionen Menschen, die das Beben obdachlos gemacht hat, nicht wenigstens mit winterfesten Zelten versorgt, werde es noch viel mehr Tote als die 73 000 Opfer des Erdbebens geben, weil Zehntausende in der Kälte erfrieren würden. Doch drei Monate nach der Naturkatastrophe gibt es immer noch viel zu wenige solcher Zelte. Auch die Wellbleche, die verteilt werden, damit sich die Menschen stabilere Hütten bauen können, reichen nicht aus. Für eine Hütte wären mindestens 20 Bleche nötig – oft müssen sich Familien mit weniger als fünf begnügen.

Zum Jahreswechsel haben nun tagelange Schnee- und Regenfälle in der Bebenregion Hubschrauberflüge, die nach wie vor Zelte, Öfen und Lebensmittel transportieren, unmöglich gemacht. Auch Hilfstransporte mit Lastwagen oder Jeeps blieben stecken, da viele Straßen wegen neuer Erdrutsche unpassierbar sind oder vorsichtshalber gesperrt wurden. Hilfsorganisationen berichten auch von zahlreichen Zeltdörfern, die unter den Schneemassen zusammenbrachen. In tiefer gelegenen Regionen, wo der Schnee zu Regen wird, steht dagegen das Wasser in den Zelten und lässt die provisorischen Latrinen überlaufen. Inzwischen wurden zwar die Hilfsflüge wieder aufgenommen. Aber weil der Winter die Kaschmir-Region jetzt fest im Griff hat, wird sich an der Situation insgesmat wenig ändern, befürchtet ein Mitarbeiter des World-Food-Programms.

Ob deshalb viele Menschen werden sterben müssen, darüber gehen die Spekulationen auseinander. So berichten pakistanische Behörden von mindestens 35 Kindern, die allein in der vergangenen Woche an Lungenentzündung gestorben seien. Dagegen will ein Sprecher des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz zwar „nicht ausschließen, dass es zu solchen Todesfällen kommt“, er hat aber selbst keine Meldungen darüber vorliegen. Falls jedoch die Temperatur in den Bergen wie angekündigt unter minus 15 Grad fallen sollte, dürften das viele Menschen, die unter bloßen Plastikplanen hausen müssen, nicht überleben.

Was im Herbst an Hilfe versäumt worden ist, kann nicht mehr nachgeholt werden. Das Einzige, was hilft, ist weiterhelfen. Dazu gehört, weiter an den Hilfsaufruf der UN zu überweisen. Rund 550 Millionen Dollar hat das UN-Büro für humanitäre Hilfe, Ocha, im Oktober veranschlagt, bisher sind 240 Millionen Dollar eingegangen. Am meisten hat Norwegen mit rund 57 Millionen dazu beigetragen, Deutschland gehört mit elf Millionen zu den sieben größten Spendernationen. Zudem kündigte das Außenministerium am Mittwoch eine weitere Million Euro vor allem für Projekte deutscher Hilfsorganisationen im Krisengebiet an. Im Hinblick darauf, dass die Geberländer insgesamt rund sechs Milliarden Dollar für den Wiederaufbau versprochen haben, sollte aber nicht vergessen werden, dass die Menschen davor erst einmal über den Winter kommen müssen.

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