Zeitung Heute : Hilfeschreie im Donner

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Von Katja Füchsel und

David Ensikat

Kurz nach acht klopfte es gegen die Haustür. Doch Georg Schertz erwartete keinen Besuch. Es war ein Fischreiher, den die erste Sturmböe gegen die Tür geschleudert hatte. „Selbst die Vögel sind von dem Sturm überrascht worden. Normalerweise befindet sich beim Anfang eines Gewitters kein Vogel mehr in der Luft“, sagt Georg Schertz, ehemaliger Berliner Polizeipräsident und ältester Bewohner der Insel Schwanenwerder. Nun, da er den Reiher vor seiner Tür sah, war der Sturm da, der Donner, das Krachen der Äste und Stämme. „Das war ein Inferno.“

Inferno, Krieg, Apokalypse – mit diesen Worten beschreiben die Villenbewohner auf der Insel im Süden der Stadt den Sturm, der am Mittwochabend gegen 20 Uhr so plötzlich über sie hereinbrach. Der Zeltplatz, auf dem zwei Jugendliche von Bäumen erschlagen wurden, sieht am nächsten Tag aus, als hätte sich hier ein zorniger Riese ausgetobt. Gestürzte Bäume liegen am Wasser übereinander, herausgerissene Wurzeln ragen mannshoch in den Himmel. Ein Stamm hat mitten auf dem Zeltplatz ein rotes Feuerwehrauto zerquetscht und die Hinterräder tief in die Erde gerammt. Ein Zelt liegt noch unter einem ein Meter dicken Buchenstamm begraben, Feuerwehrleute zerteilen das Holz mit Motorsägen, ziehen Rucksäcke und einen Schlafsack hervor.

Kurz vor dem Sturm war vom Strand her noch Lachen über das Wasser gehallt. 85 Kinder und Jugendliche der Feuerwehrjugend, einige aus dem Allgäu, aus Frankfurt am Main und auch aus Berlin verbrachten hier seit ein paar Tagen ihre Ferien, und nun, an diesem Abend waren noch 17 New Yorker Kinder zu Besuch. Kinder, die beim Terroranschlag am 11. September Mutter oder Vater verloren hatten. Am liebsten hätten die Amerikaner auf dem Zeltplatz übernachtet, so vergnügt war die Stimmung, doch es stand noch ein Termin an. Eine halbe Stunde, bevor der Sturm kam, verließen sie die Insel.

Es war die Zeit, als eine dunkle Wolkenwand bedrohlich auf Schwanenwerder zurollte. Die Anwohner holten noch die Wäsche ein, schlossen die ersten Fenster, und dann begannen auch die Betreuer, die Kinder und Jugendlichen vom Strand weg, den Abhang hinauf in Richtung Straße zu treiben. Doch der Sturm holte sie ein. Innerhalb von Sekunden war er da, wirbelte Wasser und Staub auf, riss Äste von den Bäumen, knickte große, 100 Jahre alte Buchen und Eichen um. Hier, am südöstlichen Ende der Insel, auf der Höhe des Zeltplatzes, wütete er besonders verheerend. Ein 15-Jähriger starb, als ein Baum das Zelt unter sich begrub, aus dem er möglicherweise noch etwas herausholen wollte, niemand weiß genau, warum sich der Jugendliche noch darin aufhielt. Ein 14-Jähriger wurde noch in der Nähe des Wassers von einem stürzenden Baum erschlagen. Er lief gerade den Hang hinauf. Vier weitere überlebten das Unglück mit schweren Verletzungen. Da die Gruppenbetreuer selbst Feuerwehrleute waren, konnten sie Erste Hilfe leisten.

Es dauerte nur wenige Augenblicke, dann war die Insel abgeschnitten. Einige große Bäume stürzten auf den Übergang zur Insel, für die Autos von der Feuerwehr gab es kein Durchkommen. Während die Anwohner immer wieder zu den Telefonen griffen, um Hilfe anzufordern, arbeiteten sich die Feuerwehrleute auf dem Weg zur Insel mühselig voran. „Alle paar Meter lag ein Baum auf der Straße“, sagt einer, der dabei war. „Das sah aus wie im Urwald.“ War ein Baum zerteilt, lag dahinter der nächste. Schließlich gaben die Rettungskräfte das Sägen auf, schleppten die Geräte zu Fuß auf die Insel. Retten wollen, aber nicht können: „Das ist das Schlimmste, was es für einen Feuerwehrmann gibt.“

Als das Tosen des Windes langsam nachließ, hallten die Schreie der Kinder über die Insel. Und die Betreuer kümmerten sich um eine feste Unterkunft. Im Neubau gegenüber dem Zeltplatz ist eine Zweigstelle des „Aspen Institut for Humanistic Studies“ untergebracht. Nun wurde das Institut zur provisorischen Auffangstation: Hatte ein Kind den Ausgang des Zeltplatzes erreicht, brachten die Betreuer es erst einmal hierher. Die Instituts-Mitarbeiter halfen, wo sie konnten. „Aber das war alles sehr unübersichtlich, sehr chaotisch und sehr beängstigend“, sagt einer.

Viele der Kinder standen unter Schock. Manche schauten stumm vor sich hin, andere weinten hysterisch oder klammerten sich an die Betreuer. Jugendliche nahmen sich gegenseitig in den Arm. Als die Feuerwehr die Lage auf dem Zeltplatz halbwegs im Griff hatte, die Verletzten mit Booten aufs Festland gebracht worden waren, wechselte die Jugendgruppe mit den Betreuern das Quartier: In einem Jugendfreizeitheim im Norden der Insel kamen sie unter.

Im Speisesaal und Aufenthaltsraum erinnert am Nachmittag des folgenden Tages kaum noch etwas an die nächtliche Katastrophe. „Hier lagen überall die Matratzen“, sagt Heimleiter Lothar Duclos. In kleinen Bungalows hätten es die Jugendlichen bequemer haben können, doch die Gruppe ließ sich in ihrem Schock nicht trennen. An Schlafen konnten die meisten ohnehin nicht denken, sie wärmten sich am Tee, den das Personal kannenweise in die Säle schleppte. „Die saßen da und haben geweint“, sagt der Heimleiter.

Der Schock wirkt nach. Am folgenden Tag leistet ein katholischer Priester, der zur freiwilligen Feuerwehr gehört, Beistand, die Polizei lässt weder Reporter noch Kameraleute zu den Kindern und Jugendlichen vor. Die Stimmung in der Gruppe gleiche einer Sinuskurve, sagt ein Feuerwehrmann vor den Absperrungen. „Zwischen Weinkrämpfen und Ballspielen ist alles möglich.“

Am Vormittag zieht die Gruppe noch einmal zum Zeltplatz. Um Abschied zu nehmen. Kerzen aufzustellen. Und die zurückgelassenen Kleider zu holen. Urlaub will hier jetzt niemand mehr machen: Busse bringen die Kinder am Nachmittag zum Bahnhof Zoo.

Das Haus von Georg Schertz steht gleich hinter der Brücke. Es ist klein, sieht aus wie ein auf Grund gelaufenes Hausboot. Der Fischreiher konnte sich langsam von dem Aufprall an der Tür erholen, benebelt hockte der Vogel die Nacht über im Garten. Am Morgen ist er dann weggeschwommen.

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