Zeitung Heute : Hillary, Koenig und die Kugel

Jürgen Schreiber

Am Ende einer langen Reise wird Fritz Koenig wieder daheim in Ganslberg sitzen und er wird sagen: "Wäre ich nicht geflogen, hätte ich einen der aufregendsten Tage meines Lebens versäumt!"

Aber am Anfang war die absolute Hektik. Der Bildhauer sollte als Ehrengast zur Gedenkfeier für die Opfer des Terroranschlags auf das World Trade Center, WTC, nach New York kommen. Indes traf die persönliche Einladung von Bürgermeister Michael R. Bloomberg erst zwei Stunden vor dem letztmöglichen Abflugtermin ein. Zwei Stunden sind nicht viel, wenn man kein Ticket hat, im Rathaus noch ein Passproblem lösen muss und nicht recht weiß, ob man das Geschenk für Bloomberg durch den Sicherheits-Check am Airport bringt.

Koenig wollte dem Politiker ein Maßstabsmodell seiner "Großen Kugelkaryatide" mitbringen, jener 7,64 Meter hohen Monumentalplastik, die bis zum 11. September auf dem Platz vor den 420 Meter hohen Zwillingstürmen stand (der "Tagesspiegel" berichtete). Alle Welt glaubte sie nach dem Attentat in der Todeszone für immer verloren, ehe sie wie durch ein Wunder wieder auftauchte. An der Flughafen-Wache präsentierte er nun die faustgroße, schimmernde Bronze und beteuerte entwaffnend: "Das ist keine Handgranate!" Vorsichtshalber hatte er ein Bild des Originals dabei, bis zum Attentat eines der attraktivsten und meistfotografierten Motive New Yorks.

Jetzt ist der 78-Jährige aus Manhattan zurück. Der Kontrast zu seinem Anwesen nahe Landshut könnte krasser nicht sein. Über den Hügel gellen die Schreie der Pfauen, Hainbuchen grünen, Hühner gackern, Katzen schleichen. Koenig zieht den blauen Schaffschurz über, hilft dem Doktor beim Verarzten des kranken Vollblut-Araberhengstes "Nahbay", World-Champion-Gewinner 1993 und der besondere Stolz von Maria und Fritz Koenig.

In der Idylle hat er nur scheinbar Abstand zum 11. September und den 3000 Toten des Dramas. Im Herbst des Lebens riss es ihn geradezu mit hinein in den Strudel. Seitdem ist ihm das Kunstwerk (das seinen Ruhm begründete), "manchmal geradezu unerträglich nahe gekommen". Er sei gezwungen, "eine Beziehung wieder aufzunehmen, i ko gar net anders". Deshalb lud ihn Bürger-meister Bloomberg zur Privataudienz, verbürgt durch ein amtliches Foto, das Koenig auf den Tisch legt: Er, der Bildhauer, mit der kleinen Kugel in der Hand. Gleich überreicht er sie dem Stadtregenten in der Hoffnung, der Mayor möge ein Empfinden dafür haben. Bloomberg gemeindete den Besucher kurzerhand ein: "Sie sind einer von uns!"

Auf dem Schnappschuss blickt der Gansl- berger drein, als läge ihm eine Frage auf der Zunge. Es könnte die Frage sein, was weiter mit der "Großen Kugelkaryatide" passieren solle. Für die nächste Zeit findet sie ihren Platz im Battery Park, installiert in einer Allee japanischer Kirschen, nach Süden in Blickachse mit der Freiheitsstatue verbunden. Eine Umgebung, die nach seinen Worten "alles besänftigt"und wo jeder sich die Frage stellen muss: "Was tut das Ding do?"

Rätselhafte Verbindungen

Es war eine merkwürdige Prozession, die sich im Schritttempo Richtung Park bewegte. Voraus der Tieflader mit eingedellten und aufgeschlitzten Segmenten der Plastik. Dahinter Koenig auf einem Bauwagen, umschwirrt von Filmregisseur Percy Adlon, der über ihn und die Kugel arbeitet. Den Tross flankierten Polizisten, unten denen sich schnell herumsprach, "des isch der, ders gmocht hot". Den Bildhauer faszinierte die Crew, die "mit aller Gefühligkeit" das Ding aufrichtete und dem Fremden vom Berg signalisierte, "so einen Auftrag werden wir im Leben nicht mehr bekommen". Menschen aus dem Bergungsteam sprachen ihn an, einer hatte jede Phase der Ausgrabung auf Ground Zero dokumentiert. "Im Krankörbl" ließ sich Koenig zum Fotografieren seiner "Sphere" hochziehen. Am World Trade Center umschloss Wasser die Kugel. Jetzt ist drumherum ein Kreis mit mexikanischen Rundkieseln aufgeschüttet. Angehörige von Opfern und Touristen legten Blumen nieder, entzündeten Kerzen, pflanzten US-Flaggen auf. Koenig stand unter ihnen, weinte bei der Gedenkfeier mit, "aber vielleicht mehr innerlich". Es sei ergreifend gewesen.

Mit seiner frühen Arbeit hat es inzwischen eine merkwürdige Bewandtnis. Selbst weniger auf rätselhafte Verbindungen fixierte Zeitgenossen als er könnten darüber ins Grübeln kommen. Da ist zuerst die Tatsache, dass sein Werk trotz eierschalendünner Metallhaut das Inferno einigermaßen überstand, während sonst alles in Schutt und Asche sank. Und da ist schon lange eine Bronzehand von Auguste Rodin bei ihm auf der Fensterbank. Er holt sie her: "Ebenfalls aus einem Brand gerettet", dem Untergang des Münchner Glaspalastes in den 30er Jahren. Das Unglück stellt eine Beziehung her, die faszinierende Aura des Fragments.

Der Künstler, der von sich sagt, "kein Wisser zu sein, sondern im Ahnen befangen", grübelt, warum ihn im Battery Park frühmorgens zuerst ein deutscher Radfahrer ansprach: "Sie sind doch der Herr Koenig?" Ob er, Koenig, sich an den Fremden erinnere? Vor 30 Jahren habe er den Künstler als jungen Mann auf dem riesigen Kugel-Gipsmodell im Ganslberger Werkschuppen herumkraxeln sehen.

Oder was hat es zu bedeuten, dass ihm just sein ehemaliger Student Graf Arco wieder über den Weg lief? Der Architekt lebt heute am Hudson, in seinem New Yorker Klub sitzt er neben Larry Silverstein, dem letzten WTC-Eigner. Und wenn man schon dabei ist, verborgene Geheimnisse zu ergründen, könnte man fragen, welche Verbindung zwischen der hochbarocken, leidenden Chris-tusfigur in Koenigs Tenne und der Todesahnung besteht, die der "Kugelkaryatide"eingeschrieben ist? Es muss seine ohnehin brüchige Zuversicht beschäftigen, warum das zyklopische Auge der Skulptur, die Verletzliches und Bedrohliches ausdrückt, fast unversehrt dem Anschlag entkam.

Es gibt inzwischen so viele Geschichten um Koenig & Kugel, dass sie auf der Titelseite der "New York Times" ebenso nacherzählt werden wie in der Bayerischen Staatszeitung. Dass dabei mancher Unsinn geschrieben wird wie der, es handele sich um ein "Symbol für den friedlichen Welthandel", um einen "Atlas" oder um einen "Globus", was solls. Der Professor für Plastische Gestaltung registriert es mit einem Ingrimm, der ihn darin bestätigt, sich möglichst vom Medienrummel fernzuhalten: "Ich kann mich gegen Umbenennungen nicht wehren." Denn eine Volte der Historie will es, dass er fast 80 werden musste, bis er in den USA zu "einem der höchst wahrgenommenen Künstler"aufstieg, was er nicht mit der Tabelle der "höchstgesammelten" zu verwechseln bittet. Vordem war die Kugel ein "Accessoire, Zierpunkt zu einer ungeheueren Sache", den damals höchsten Hochhäusern überhaupt. Schrieb man über ihn, war er "ein deutscher, ein bayrischer, ein niederbayerischer und von mir aus ein Landshuter Bildhauer". Jetzt sei er plötzlich "der Bildhauer", es heiße, "die Skulptur ist vom Fritz Koenig". Der ist ein sensibler, grüblerisch-ironischer Beobachter unserer Zeit, regis-triert überwach, wie man ihn in einem piekfeinen Wallstreet Hotel in Aufmerksamkeit hüllte, aber erst nachdem man in ihm den Herrn der Kugel erkannte. Nun wollte ihn Kanzlerkandidat Edmund Stoiber liebend gern mit auf USA-Reise nehmen.

Vielleicht hörte er von Koenigs Treffen mit Hillary Clinton. Die Begegnung zweier Menschen, die sich im Angesicht der Plastik wortlos verstanden an einem "gottserbärmlich kalten Tag", Koenig zog die unvermeidliche Wollmütze tief in die Stirn. Er sei förmlich "erschrocken über ihr empfangsbereites Gesicht". Sie nahmen sich an den Händen, trafen sich für einen langen Moment unter dem ramponierten, aber in seiner kühn ausbalancierten Gestalt nach wie vor überwältigenden Objekt, hielten inne, weil Kunst keine Erklärung braucht.

Katastrophenahnung

Für Koenig zeigt die Bronze "ihre Wunde nun noch drastischer", seit sich am Schreckenstag bewahrheitete, was ihn beim Entwerfen streifte - Katastrophenahnung, die Vergänglichkeit an einem Ort, der für alle Ewigkeit sicher und stabil schien. Es gehört zu den Paradoxien des Lebens, dass erst die Turm-Zerstörung die intensive Sicht auf die Skulptur ermöglicht, die vordem vom breiten Publikum kaum richtig gedeutet und begriffen worden ist. Auferstanden aus Ruinen wandelt sie sich zum Hoffnungs-Zeichen, ja, Identifikationspunkt.

Im Atelier skizziert Koenig inzwischen, wie die Kugel an ihrem angestammten Platz zum Memorial erweitert und zum Zentrum gemeinsamen Erinnerns werden könnte. Ein Votiv ist auch in Arbeit. Am Ganslberg blüht rosa der Kirschzweig, den ihm ein Polizist im Battery Park vom Baum brach und den er seiner Maria mitbrachte.

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