Zeitung Heute : Himmel voller Flöten

SYBILL MAHLKE

Aus Berliner Orchestern: Hörvergnügen im KammermusiksaalVON SYBILL MAHLKEDas dritte Brandenburgische Konzert von Johann Sebastian Bach, dem Markgrafen Ludwig von Brandenburg gewidmet, sieht eine Besetzung - "Tre Violini, tre Viole, è tre Violoncelli col Basso per il Cembalo" - vor, die eklatant von dem abweicht, was sich nun in einem Nachmittagskonzert im Kammermusiksaal der Philharmonie vernehmen läßt.Da betritt eine Reihe von 14 Berliner Flötisten das Podium, um sich des Werkes zu bemächtigen.Sie versammeln ein zahlreiches Publikum von offenbar gleichgesinnten Liebhabern des Instruments, das hier mit seiner ganzen Flötenfamilie vertreten ist: Piccoloflöte, Sopranflöte in F, Große Flöte in C bis zur Altflöte in G, Baßflöte in C, Kontrabaßflöte in F und C und die Subkontrabaßflöte in C. "Ein grenzenloses Flötenvergnügen" nennt sich das Konzept, und der Moderator Helge Grünewald trägt zur Verwirklichung dieses Titels bei, indem er unter anderem aus dem Himmel der Flötenspieler zitiert: Martin Agricola (1486-1556) mit seiner "Musica instrumentalis deudsch" in Knittelversen, Gustav Scheck, den großen Lehrer des zwanzigsten Jahrhunderts, der "Die Flöte und ihre Musik" geschrieben hat. Wer in solcher Reihe nicht fehlen darf, ist der Flötenlehrer Friedrichs II., Johann Joachim Quantz, dessen "Versuch einer Anweisung die Flöte traversiere zu spielen" einerseits ein epochemachendes Lehrwerk geworden ist.Andererseits bietet es zwischen Stillehre und praktischen Lebenshilfen "zur Beförderung des guten Geschmacks" eine Art von Heim- und Hausbuch für junge Musiker.Versteht sich, daß Grünewald daraus mit einer hübschen Nützlichkeit dienen kann: Durch das Blasen auf der Flöte werde die Brust, entgegen einem Vorurteil, "mehr und mehr eröfnet und stärker gemachet".Es sei "der Lunge ebenso wenig schade, als das Reuten, Fechten, Tanzen und Laufen".Man solle nur "weder bald nach der Mahlzeit blasen, noch sogleich aufs Blasen, wenn die Lunge noch in einer starken Bewegung ist, einen kalten Trunk thun". Die Anregung zu einem Berliner Flötenorchester stammt von Andreas Blau, Soloflötist des Berliner Philharmonischen Orchesters, der gleich zwei piccolofreudige und -gewandte Philharmonikerkollegen mitgebracht hat, aber auch die Komische Oper mit Werner Tast, die Deutsche Oper mit Hans Krug, die Lindenoper mit Thomas Beyer und das Rundfunk-Sinfonieorchester mit Ulf-Dieter Schaaff schließen ihre Soloflötisten in das aparte Ensemble ein. Daß dieses Flötenvergnügen "grenzenlos" sei, hat somit auch die tiefere Bedeutung einer instrumentalspezifischen Kollegialität zwischen großen Berliner Orchestern, eine eigenständige Ost-West-Brücke.Was musikalisch besonders sympathisch auffällt, ist der erfolgreiche Ehrgeiz der 14 Flötisten, in der Tat einen Klangkörper zu bilden. Nach der virtuos umgesetzten Ouvertüre zu "Der Barbier von Sevilla" von Gioachino Rossini kommt über die Pause hinweg ein gemischter ernsterer Teil, bis das "offizielle Programm" mit einer "Carmen"-Suite endet.Erstaunlich die Verwandlung, die Bizets Partitur erfährt: nimmt ihr die Bearbeitung eine typische Koloristik, so tut sich anstelle der (vorsichtig gesagt) sekundären Farbwerte die Primärkategorie der Kompositionsarbeit hervor, zumal Virtuosität von den Spielern ins Artistische getrieben wird.Es läßt sich auch deutlicher merken, wie unterschiedlich die Stücke zur Bearbeitung geeignet sind: weniger ein gleichförmiges Air von Edvard Grieg als der erwähnte Bach (Bearbeitung Christiane Hupka von den 14 Flötisten), der mit feiner Gliederung, im Gegensatz zu hinlänglich bekanntem Barock vom laufenden Meter, interpretiert wird.Bach selbst war ja ein erfahrener Wiederverwerter, auch im Fall von Sätzen aus den Brandenburgischen Konzerten.Werner Thärichen wird mit dem Ausschnitt aus einem entstehenden Großstadt-Musical geehrt, in dem mit sehr charmantem Timbre Vivien Lee Trauriges singt.Für das abendfüllende Werk aber verspricht Thärichen durchaus auch komische Szenen. Im Ganzen wirkt die Spanne von Viadana (1560-1627) zu Henry Mancini trotz der einseitigen "familiären" Besetzung differenzierend, weil Musiker am Werk sind, die noch bei "Speedy Gonzales" mit konzentriertem Ernst im Heiteren verblüffen.

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