Zeitung Heute : Himmelreich, später

Die SPD wärmt sich zu ihrem 140. Geburtstag an ihrer Geschichte – und macht sich Mut für die trübe Gegenwart

Markus Feldenkirchen

Frolinde Balser rutscht ungeduldig auf ihrem Sitz hoch oben auf der Tribüne herum. Sie hat extra den Zug um 6 Uhr 15 aus Frankfurt nach Berlin genommen, um ihn selbst mitfeiern zu können, den 140. Geburtstag „meiner Partei“. Sie ist ja schon fast 50 Jahre Genossin. „So eine Rückbesinnung tut uns vielleicht ganz gut“, sagt sie. Sicher, das ist gerade eine schwierige Zeit für die SPD. „Aber irgendwie muss man ja feiern, es hilft ja nichts“, sagt die 78-Jährige und schiebt ihre dicke, weiße Brille zurecht. „Vielleicht können wir hier endlich wieder ein bisschen zusammenrücken.“ Es ist gut, dass die alte Dame gekommen ist.

Denn die Organisatoren der offiziellen Geburtstagsfeier im Berliner Tempodrom haben wirklich alles getan, um die sozialdemokratische Legende noch einmal wachzukitzeln. Pathos und Wärme wabern bald durch die Mehrzweckhalle. Selbst eher nüchterne Sozialdemokraten legen für ein paar Stunden die Politfloskeln des Alltags beiseite. „Welch eine lange Zeit, welch eine lange Geschichte“, beschwört Generalsekretär Olaf Scholz, der nicht gerade als Festredner geboren wurde, in seiner Ansprache.

Es ist viel passiert, seit Ferdinand Lassalle an einem Samstag vor 140 Jahren im geschmückten Festsaal des Leipziger „Pantheons“ gemeinsam mit zwölf Delegierten den „Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein“ gründete. Aber nicht so viel, dass man es nicht in einen zehnminütigen Film pressen könnte. Da fliegen also noch einmal die großen Gesichter der Partei an einem vorbei, Bebel, Liebknecht, Wehner, Brandt, da steht Philipp Scheidemann noch einmal am Fenster und ruft die Republik aus, da kämpft Otto Wels seinen verzweifelten Kampf gegen Hitlers Ermächtigungsgesetz und ruft mit zitternder Stimme in den Reichstag: „Freiheit und Leben kann man uns nehmen. Die Ehre nicht!“ Und auch Oskar Lafontaine, der Ausgeladene, ist da. Nicht in echt. Aber im Film. Für eine Sekunde taucht er auf, im grauen Anzug am Rand des Bildes. Es stimmt also nicht, dass die Parteiführung ihn aus den Erinnerungen wegretuschiert, wie Lafontaine selbst gerne behauptet. Dort, im Film, wird schließlich eine Passage aus Heinrich Heines Wintermärchen zum Gründungsreim der Sozialdemokratie erhoben: „Ein neues Lied, ein bess’res Lied, o Freunde, will ich euch dichten! Wir wollen hier auf Erden schon das Himmelreich errichten.“

Gerade weil das Himmelreich auf der SPD-regierten deutschen Erde momentan ein wenig weit weg scheint, tut es den Genossen gut, noch einmal tief einzutauchen in diese reiche Geschichte, aus der man so viel Kraft, Mut und Stolz saugen kann. „Wir haben in unserer Geschichte so schwierige Phasen gehabt“, sagt hinten auf der Tribüne Frolinde Balser. „Da ist das, was wir gerade erleben, eigentlich gar nicht so aufregend.“

Gerhard Schröder sieht das offenbar anders. Er hat sich an diesem Freitag vorgenommen, den ganz großen Bogen zu schlagen. Seine Reformpläne, so sagt er, seien letztlich die Konsequenz aus der Geschichte der Partei. Das ist ganz geschickt. Denn an dieser Geschichte hatten sich die 2000 Genossen im Saal gerade eben noch so gewärmt. Lange hat Schröder an dieser Rede gefeilt. Immer wieder habe er das Manuskript ergänzt, um aus dem historischen Vermächtnis der SPD ihre Pflichten in Gegenwart und Zukunft abzuleiten, sagt ein Schröder-Vertrauter. Herausgekommen sind dabei sehr nützliche historische Wahrheiten: dass die SPD meist dann Fehler gemacht habe, wenn sie zu zögerlich oder zu feige gewesen sei etwa. „Die Partei wäre über ihre lange Geschichte nicht besonders erfolgreich gewesen, wenn sie sich bloß als Hüterin der reinen Lehre verstanden hätte“, sagt Schröder, dem die reine Lehre bekanntlich so fremd ist, wie dem Boxer Dariusz Michalczewski das Querflötespielen. Michalczewski sitzt als einer der wenigen nicht politischen Prominenten in Reihe zwei und lockert sich die Schultern.

Das Wort „Agenda 2010“ rutscht Schröder nur ein einziges Mal heraus. Dabei ist seine ganze Rede vor allem die Fortsetzung der Agenda-Werbetour mit anderen Mitteln: mit historischen. Er gehe „sehr optimistisch“ in die Auseinandersetzungen der nächsten Tage, Monate, ja Jahre hinein, sagt Schröder. Denn er habe aus „unserer Geschichte“ gelernt, dass man sich nicht scheuen dürfe, kühne Ziele zu formulieren und dafür zu kämpfen. Der politische Auftrag sei längst nicht erledigt. „Ich bin überzeugt, dass die große sozialdemokratische Epoche in Europa und der Welt noch vor uns liegt.“ Das klingt dieser Tage wirklich wie ein kühnes Ziel.

Die Bühne schimmert in futurblauem Design, die wenigen roten Tupfer wirken wie zufällig ins Bild gekleckst. Was die kühle Bühne an Wärme nicht geben kann, versucht der SPD-Chef mit Worten zu leisten. „Ich empfinde es als große Auszeichnung und Ehre, Vorsitzender dieser Partei sein zu dürfen“, sagt Schröder. Er muss das extra sagen, weil man nicht immer von selbst drauf kommen kann. Aber heute glauben es ihm die Genossen. Denn ihr Kanzler redet mit Festtagsstimme. Ruhig steht er hinter dem Pult, die Lesebrille auf, parkt die Hacke des linken Fußes auf der Spitze des rechten.

Freiheit, Solidarität, Gerechtigkeit. An den Grundwerten der Sozialdemokratie habe sich nichts geändert, fasst Schröder zusammen. „Verändert haben sich nur die Mittel.“ So ähnlich hatte es vor Beginn der Feier auch Michail Gorbatschow gesagt, der offenbar gut informiert über die deutsche Agenda-Debatte ist. „Man muss als Partei die Grundwerte behalten“, hatte Gorbatschow also gesagt. „Aber die Mechanismen müssen immer dem Leben angepasst werden.“ Er hätte der deutschen Sozialdemokratie auch noch mal seinen Klassiker mit auf den Weg geben können: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Den hat er schon mal einem deutschen Regierungschef zu einem Jubiläum gesagt. Damals feierte Erich Honecker den 40. Jahrestag der DDR.

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