Zeitung Heute : Hinduismus: Abkürzung ins Nirwana

Gabriele Venzky

Kadeshwari Baba steht seit 37 Jahren auf einem Bein. Gesprochen hat er seitdem nicht mehr. Sein kahl geschorener Kopf ist bunt bemalt, seine Jünger haben einen Baldachin zum Schutz gegen die gleißende Sonne über ihm errichtet, aus safranfarbenen Stoffen und Girlanden. Orange ist die heilige Farbe der Hindus, und Kadeshwari Baba ist einer ihrer Heiligen. Mit ihm sind mehrere Hunderttausend andere Heilige aus den Wäldern, Höhlen und Wüsten Indiens gekommen, und außerdem sind Millionen von Gläubigen da, um das heiligste Fest der Hindus zu feiern, die Khumb Mela.

Nur alle zwölf Jahre findet die Mela statt, hier, wo nahe der Stadt Allahabad die heiligen Flüsse Ganges, Jamuna und Saraswati zusammenfließen. Aber nur alle 144 Jahre stehen die Gestirne so günstig wie dieses Jahr, so dass die Große Khumb Mela gefeiert wird. Wer dort badet, wo die drei Flüsse zusammentreffen, so der Glaube, wäscht sich für jetzt und die kommenden Wiedergeburten von allen Sünden rein. Das kürzt den mühseligen Weg zum Nirwana gewaltig ab. Die Maha Khumb Mela ist denn auch das größte und farbenprächtigste religiöse Spektakel der Welt. 80 Millionen Pilger werden erwartet, so viele Menschen, wie Deutschland Einwohner hat.

Amar Bharatji ist ein heiliger Kollege des stehenden Baba. Seit mehr als 40 Jahren sitzt er im Lotossitz, sein rechter Arm ist ständig zum Himmel gereckt. Auf dem Weg zur Läuterung ist aus seiner Hand eine Klaue geworen, die Finger sind verkrüppelt, die Fingernägel hängen wie lange Würmer von den Unterarmen herab. Sein Haar hat seit Jahrzehnten keinen Kamm mehr gesehen, der Bart hängt ihm wild herab. Auch dieser Heilige spricht nicht mehr. Aber wenn er ein Grunzen von sich gibt, dann wissen seine Jünger schon, was er will. Meist ist es ein riesiger, frisch gerollter Joint. Haschischgeruch liegt über dem kleinen sandigen Kreis am Ganges, der für Amar Bharatji reserviert ist. Die Menschen drängen sich in Scharen um ihn, in der Hoffnung, dass von seiner Heiligkeit etwas auf sie abfärbt.

Ein paar Schritte weiter liegt ein Asket bewegungslos auf dem Boden. Seinen Kopf hat er tief in den Sand eingegraben. Neben ihm murmelt ein anderer Mantras, halbnackt und bis auf die Knochen abgemagert. Er tut es seit 69 Jahren. Wieder ein paar Schritte weiter hält ein wohlgenährter Mönch Hof, den sie Guruji nennen. Auf einer mit kostbarer Seide ausgeschlagenen silbernen Sänfte haben sie den dicken Mann herbeigeschleppt. Visitenkarten werden in sein Zelt hineingereicht, in dem er auf einer Art Thron aus Leopardenfellen sitzt. Seine Anhänger schwingen klingelnde Mobiltelefone, über die sie Termine absprechen. Guruji ist ein Guru für die Reichen. Er besorgt ihnen den Weg ins Nirwana im Schnellverfahren.

Und dann sind da noch all die anderen Mitglieder von Hunderten Sekten, die eifersüchtig darüber wachen, dass keiner Gruppe eine längere Badezeit am Sangam zugestanden wird als ihnen selbst. Die größte Aufmerksamkeit erregen die Naga Sadhus. Es ist eine wilde und militante Gemeinschaft, deren Mitglieder nackt und mit Asche beschmiert herumlaufen; das verfilzte lange Haar tragen sie in Türmen über dem Kopf gewunden. Schwerter schwingend stürzen sie sich zu Tausenden mit Gebrüll in die Fluten, eine Furcht einflößende Truppe. Überirdische Kräfte werden ihnen zugeschrieben. Um das zu beweisen, zieht einer von ihnen mit seinem Penis einen ganzen Jeep, ein anderer einen Ochsenkarren.

Währenddessen bewegen sich die Millionen Gläubigen und Hippies, die mit oder ohne Guru gekommen sind, in endlosen Schlangen zum Wasser. Kanalisiert werden die Massen durch Absperrgitter. Drei Minuten Untertauchen in den eiskalten Fluten ist erlaubt, fünf Minuten für die heiligen Männer. Anders ist der Ansturm von 80 Millionen Menschen in nur 44 Tagen nicht zu bewältigen. 2400 Lautsprecher geben ständig das Neueste aus dem Fundbüro bekannt. Gerade sind ein Mann und eine Frau gefunden worden, die weder wissen, woher sie stammen, noch wo ihre Familie ist. Mehr als 6000 Personen gehen jeden Tag verloren in den riesigen Camps, den Zeltstädten unter freiem Himmel, wo die meisten die kalten Nächte verbringen, in den Ashrams und improvisierten bunten Basaren.

Jivesh Nandan ist für die Organisation der Mega-Veranstaltung zuständig, ein auffallend gelassener Mann, der mit sich zufrieden ist. Denn für indische Verhältnisse hat bisher alles gut geklappt. Selbst die Latrinen funktionieren. Seine größte Sorge ist, dass es zu einer Massenpanik kommt, wie bei früheren Melas, wo Hunderte zu Tode getrampelt wurden, oder auch zu Terroranschlägen. Dementsprechend gründlich sind die Sicherheitsvorkehrungen. Polizei und Paramilitär ist überall zu sehen, unsichtbar bleiben die geheimen Kommandos der Spezialeinheiten. Die am meisten gefürchtete islamische Fundamentalisten-Gruppe aus Pakistan, die Lashkar-e-Toiba, hat Bombenanschläge angekündigt, wenn am 19. Januar das Parlament der 10 000 Hindu-Heiligen und der 1000 Delegierten der rechtsextremen Vishwa Hindu Parishad (VHP), der Hindu-Weltorganisation, zusammentritt.

In den Augen der militanten Hindu-Rechten, die mit ihrer politischen Frontorganisation BJP die Regierungsmacht übernommen hat, versammelt sich bei der Khumb Mela eine den anderen Religionen "überlegene Rasse". Ja, es ist wirklich die Rede von einer Rasse; Minderheiten wie Muslime und Christen gelten als Bürger zweiter Klasse. Die VHP hat zur Khumb Mela das Parlament der Heiligen organisiert, das nun die wohl wichtigste Entscheidung für die Zukunft Indiens treffen wird: ob ein Großtempel für den Gott Rama gebaut werden soll.

Für den Fall, dass das Parlament sich am 21. Januar dafür entscheidet, fürchten die Moslems ein Blutbad, wie es nie zuvor eines gab in Indien. Schon vor sechs Jahren, als ein Mob fanatischer Hindus in Ayodhya die Moschee des ersten muslimischen Eroberers Indiens über dem vermeintlichen Geburtsplatz Ramas mit bloßen Händen niederriss, kamen mehr als 3000 Menschen um. Es war das Ende der Kongress-Partei und der Anfang vom Aufstieg der fundamentalistischen BJP. Deren Erfolg ist auch dem moderaten Image des derzeitigen Premierministers Atal Behari Vajpayee zuzuschreiben, der allerdings den Tempelbau zu einem nationalen Anliegen erklärt hat.

Nun sind die Hindu-Faschisten entschlossen, ihren Tempel zu bauen. Heimlich und gegen alle Gerichtsbeschlüsse hat ein gewaltiges Heer von Steinmetzen schon sämtliche Säulen und Ornamente hergestellt. Auf der Khumb Mela steht an prominenter Stelle ein großes Marmormodell des Tempels, das die Menschen auf das Original einstimmen soll. Am 24. Januar wird in Sangam, wo Ganges, Jamuna und Saraswati zusammenfließen, der heiligste aller heiligen Badetage in diesem Jahrhundert begangen. Wenn die rechtsextremen Hindus ihren Willen durchsetzen, wird es kein friedlicher Tag der Heiligen sein.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben