Zeitung Heute : Hinter den Kulissen

Der Tagesspiegel

Wie das seltene Kunststück gelingen kann, gestandene Mannsbilder – hier geht es um die in der Politik – mundtot zu machen, hat der weibliche Part der Berliner SPD-Fraktion vorgemacht. Am vergangenen Sonnabend zog sich die 44-köpfige Fraktion zur Klausurtagung ins Haus Am Köllnischen Park zurück. Zehn Stunden lang debattierten die Parlamentarier über den Berliner Haushalt. Zugegeben: eine trockene Materie, die in Berlin allenfalls noch kreative Auswüchse erfährt, wenn es um die Fragen geht, wie wo wann wie viel eingespart und warum wo wirklich nicht mehr gekürzt werden kann. Das wollten die 21 SPD-Frauen dann ganz genau wissen. Sie meldeten sich so zahlreich zu Wort, dass es ihren Genossen Angst und Bange wurde. Damit überhaupt noch Männer zu Wort kommen konnten, musste sogar die Quote eingeführt werden. Das hat viele SPD-Männer so sehr irritiert, dass sie gedankenverloren aus dem Fenster geschaut und sich überlegt haben, ob sie nicht „hospitalisierte Bären“ aus dem Gehege gegenüber freilassen sollten, erzählt ein SPD-Politiker. Von einem kausalen Zusammenhang zwischen Bärenzwinger und (männlichem) Fraktionszwang wurde bislang nichts bekannt.

Ronald Reagan hat es vorgemacht: Vom Schauspieler zum Präsidenten ist eine Art des beruflichen Werdeganges. Vom Präsidenten zum Schauspieler die andere: Jetzt steht offenbar die Vizepräsidentin des Berliner Abgeordnetenhauses, Martina Michels, kurz vor dem großen Durchbruch. Berlinale-Chef Dieter Kosslick machte am Mittwoch den Mitgliedern des Medienausschusses einen verlockenden Vorschlag: Er will den Preußischen Landtag während der nächsten Berlinale ohne zusätzliche Kosten zum Event-Ort machen. Alles schön und gut, entgegneten die Abgeordneten, aber nur, wenn Frau Michels eine Filmrolle bekommt. Der Kommentar der PDS-Politikerin: „Ich nehme nur Hauptrollen.“

Bildungssenator Klaus Böger beschäftigt seit der Senatssitzung am Donnerstag ein interessanter Vorschlag von Fraktionsgeschäftsführer Christian Gaebler. Sitzungsgast Gaebler las sich eine Stellungnahme des Senats zum Abschlussbericht der Scholz- Kommission durch und stolperte über den bemerkenswerten Satz: „Dem neuen Berliner Beurteilungswesen für den allgemeinen nichttechnischen Verwaltungsdienst ist eine Rankingorientierung, wenn auch in etwas anderer Ausprägung, immanent.“ Gaebler dachte über dieses Satzungetüm nicht lang nach und empfahl der aus Sprachwissenschaftlern bestehenden Jury, die das „Unwort des Jahres“ kürt, diese Nullaussage als „Unsatz des Jahres“ auszuwählen.

Stadtentwicklungssenator Peter Strieder und Grünen-Verkehrsexperte Michael Cramer haben kraft ihres Fachgebiets ein gespanntes Verhältnis. Ausnahmsweise zogen sie nun an einem Strang: Beide warteten auf das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts zum Projekt 17, Wasserstraßenausbau. Das Land Berlin hatte geklagt, es wäre am Planfeststellungsverfahren nur ungenügend beteiligt gewesen. Nachdem das Gericht entschieden hatte, dass Berlin im Prinzip zwar Recht, aber in diesem Fall keinen Ermessensspielraum habe, schlug sich Cramer auf die Stirn. Jetzt sei er wenigstens einmal mit Strieder einer Meinung und dann dieses Urteil . . .

Wie die Schulbuben saßen die Senatoren Gregor Gysi und Peter Strieder während der Senatssitzung nebeneinander und tuschelten. Vor sich hatten die Politiker ihr neues Spielgerät: zwei aktuelle Modelle des Nokia Communicator. Gysi und Strieder gaben sich gegenseitig Tipps über Funktionen und Updates. Irgendwann platzte dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit doch der Kragen, und die beiden fingen sich einen Rüffel ein: „Meine Herren, wir sind hier nicht auf der Cebit.“ Sabine Beikler

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