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Wer ist Berlin eigentlich? Eine kleine Tour durch den dichten Zahlendschungel der Statistiken

Thomas Loy

Berlin, Du Übermütige, Du Glanzvolle, Du Stolze, Du Sagenhafte, Du Ausschweifende – bist nun auf deutsches Mittelmaß zurückgestutzt, in kleine Zahlenkolonnen zwischen den Buchdeckeln der Rechnungsprüfer gepresst. Ist-Stand: 1947, kurz nach Trümmerräumung, noch mal davongekommen, arm, aber vorwärtsstrebend. So beschreibt es der erste Rechnungsprüfer der Stadt, Finanzsenator Thilo Sarrazin von der SPD. Der Aufschrei war entsprechend. Stimmt das? „Berlin hat sich selbst erkannt“, hat kürzlich jemand festgestellt, der sich über die Stadt so seine Gedanken gemacht hat. „Merkwürdig ruhig“ sei es geworden, vorbei die Träumereien, das Maßlose zum Maßvollen geschrumpft. Wie geht es nun Berlin? Wer ist Berlin?

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Berlin, die Reiche. Wie viele Millionäre leben in der Stadt?

Im Jahr 1911 verzeichnete das Preußische „Jahrbuch der Millionäre“ 8300 Namen, an erster Stelle natürlich den Kaiser. Solche Publikationen gibt es heute nicht mehr – deshalb wurde der Begriff des „Einkommensmillionärs“ erfunden. Dessen Aussagekraft ist allerdings begrenzt. 1995 verzeichneten die Statistiker 939 Einkommensmillionäre in der Stadt, gemessen nach alter D-Mark. 2001 waren es nur noch 371 – in Euro. 2004 bestritten 20 000 Berliner ihr Einkommen ausschließlich aus eigenem Vermögen oder Mieteinnahmen. 1995 waren es noch 3000 weniger. 77 000 Berliner Haushalte verfügten 2004 über mindestens 4500 Euro netto im Monat. 760 000 Millionäre gab es 2004 in ganz Deutschland. Wie viele davon in Berlin: Sie lassen sich nicht gern zählen.

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Berlin, das Aschenputtel. Wie arm dran ist die Stadt?

Den Plastikbecherkaffee am Kiosktresen gibt es für 60 Cent, die Schrippe von gestern für fünf Cent, die Kippe vom Vorgänger ist kostenlos. Berlin ist konkurrenzlos billig, dort, wo die Menschen ohne Job leben. In Wedding, Pankow, Lichtenberg oder Neukölln. 451 000 Menschen bezogen im April 2006 Leistungen nach Hartz IV, im kleineren Hamburg waren es nur 150 000, im viel größeren Bayern 422 000. Die Kaufkraft liegt in Berlin mit rund 14 700 Euro im Jahr unter dem Bundesdurchschnitt. Hamburger kommen auf etwa 23 000 Euro. Dort, wo sich die Joblosen und Underdogs der Stadt ballen, in Wedding und Neukölln, befindet sich der Immobilienmarkt in einer akuten Deflation – die Preise sinken. Sanieren lohnt nicht, also verfallen die Häuser wie damals, als der Osten noch hinter der Mauer lag.

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Berlin, die Fremde. Wie viel Multikulti steckt in der Stadt?

Berlin ist zwar multikulturell, aber nicht überall und schon gar nicht im Ostteil. Deshalb sprechen die Zahlen für Hamburg: Dort stammen etwa 46 Prozent der Menschen unter 18 Jahren aus Einwandererfamilien, in Berlin sind es rund 41 Prozent. Was lernen wir? Die Multikultirate sagt nichts über die Wirtschaftskraft einer Stadt aus. Weil türkische oder arabische Frauen deutlich mehr Kinder bekommen als deutsche, wird der Migrationsanteil der Bevölkerung weiter steigen.

Berlin, die Junggebliebene. Wie viel Zukunft steckt in der Stadt?

In Berlin lebten im März 2004 rund 1,3 Millionen Menschen, die jünger waren als 35, also jung. Das sind 38 Prozent der Gesamtbevölkerung. In Hamburg liegt der Anteil bei 40 Prozent. Berlin ist damit nicht jünger als andere Großstädte. Es wirkt nur jünger, weil der Zwang, sich jung, flexibel und gewitzt zu zeigen, größer ist als etwa im gemütlichen München. Berliner, zumal ehemalige Ost-Berliner, haben es gelernt, neu anzufangen, mit 40 oder 50, wenn andere längst in Alltagsroutine verstauben. Der Berliner hat sich vom traditionellen Deutschsein außerhalb Berlins weit entfernt; er ist kosmopolitischer. In den schrillen Vierteln von Mitte oder Prenzlauer Berg wird an warmen Abenden mehr Englisch gesprochen als Deutsch.

Berlin, die Hoffnungsvolle. Wo geht es aufwärts?

Es gibt sie, die hellen Lichter am Horizont, auch Wachstumsbranchen genannt: Biotechnologie, Gesundheitstechnik, Verkehrstechnik, IT- und Medienwirtschaft. Das sind kleine, zarte Pflänzchen, die vom Wirtschaftssenator persönlich begossen werden. In der Biotechnologie sollen in den vergangenen zehn Jahren 100 neue Firmen und fast 2000 neue Arbeitsplätze entstanden sein. In der Medizintechnik kletterten die Umsätze zwischen 2000 und 2004 um acht Prozent. 1200 neue Arbeitsplätze kamen innerhalb von fünf Jahren hinzu. Die IT- und Medienbranche hat schon etwas mehr Volumen: 6389 Firmen in diesem Jahr, ein Zuwachs von fast 1000 Unternehmen innerhalb von vier Jahren. Allerdings ist die Zahl fester Stellen im gleichen Zeitraum gesunken. Wie viele neue, freie Arbeitsverhältnisse entstanden sind, haben die Statistiker nicht gefragt. Übrigens: Das Bruttoinlandsprodukt Berlins lag 2005 bei 79,6 Milliarden Euro. Das ist annähernd der gleiche Wert wie im Jahr 1995.

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Berlin, die Große. Wie viel Platz hat die Stadt?

Berlin könnte man komplett unter Naturschutz stellen, so viele Tier- und Pflanzenarten existieren in den Wäldern und auf den Brachflächen der Stadt. Bei einer spontanen Zählaktion im Frühsommer wurden allein im Großen Tiergarten 1400 Arten gefunden. Die Stadt besteht zu einem Drittel aus Wiesen, Äckern, Wäldern und Parkanlagen, muss sich von den Flächenland-Fürsten also nicht als Steinwüste verunglimpfen lassen. Jeder Berliner kann statistisch 90 Quadratmeter Grünfläche für sich beanspruchen, wobei der Treptow-Köpenicker sogar 372 Quadratmeter für sich hat, der Friedrichshain-Kreuzberger nur sieben Quadratmeter. 6,7 Prozent der Fläche Berlins ist von Wasser bedeckt, das sind fast 60 Millionen Quadratmeter. Die Treptow-Köpenicker haben davon das meiste in ihrem Territorium, gefolgt von den Steglitz-Zehlendorfern, die Tempelhof-Schöneberger leben dagegen fast gänzlich auf dem Trockenen. Die Berliner Flüsse – sieben sind erforscht und kartografiert – sind zusammen 145 Kilometer lang. Der längste ist die Spree mit 45 Kilometern, der kürzeste das Tegeler Fließ mit 11,2 Kilometern. Außerdem gibt es noch neun Kanäle mit einer Gesamtlänge von rund 67 Kilometern. Großzügig sind auch die Bürobrachen. 1,6 Millionen Quadratmeter überbauter Raum wartet auf solvente Mieter, die Leerstandsquote liegt bei 9,5 Prozent. Die Wirtschaftswerber von Berlin-Partner haben denn auch den zugkräftigen Spruch kreiert: „Unter Europas Metropolen Platz 1 bei verfügbaren Büroflächen.“ Hamburg hat nur 0,9 Millionen Quadratmeter im Angebot. Aber national betrachtet ist Berlin keineswegs Spitzenreiter: Frankfurt am Main liegt vorn, mit 2,2 Millionen Quadratmeter Bürofreifläche, einer Quote von 15 Prozent. Die Berliner Landwirtschaft übrigens hat immer weniger Platz. Die Anbaufläche ging zwischen 1991 und 2003 um 1700 Hektar zurück, das sind 17 Millionen Quadratmeter.

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Berlin, die Schlaflose. Wie viel Kultur bietet die Stadt?

Viele Neu-Berliner verzweifeln erst einmal am Überangebot öffentlicher Veranstaltungen. Später stellen sie fest, dass vieles entweder trashig, absurd, kurzlebig oder nur bestimmten Subkultur-Zielgruppen zugänglich ist. Auf 1500 Veranstaltungen täglich schätzen die Tourismusexperten das Berliner Kulturangebot. Da sind die Kiez-Kirmessen und die illegalen Clubpartys noch nicht eingerechnet. In der Spielzeit 2004/05 gab es 14 645 Theateraufführungen, rund 50 pro Tag. So viel Unterhaltung ist natürlich deutsche Spitze. Der immense Konsum von Kultur durch die Berliner und ihre Gäste hat einen Zustrom von Künstlern in die Stadt ausgelöst, die Neues, manchmal Verschrobenes ausprobieren, was erst mal nur hier funktioniert und später in der ganzen Republik herumgereicht wird. Es gilt der Satz, den Frank Sinatra für eine andere Kulturmetropole geprägt hat: If I can make it there, I’ll make it anywhere.

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