Zeitung Heute : Hinterm Schreibtisch steht der Wald

Bildtapeten sind in – auch Betriebe fragen individuelle Motive nach. DrNice liefert sie

Patricia Hecht

Dass die Betreiber dieses Büros in der Kreativbranche arbeiten, ist auf den ersten Blick klar: Im geräumigen Loft eines alten Gewerbehauses in Kreuzberg blühen die Stoffblüten eines Kirschbaums. Ein kleines Gummizebra blickt freundlich auf die grüne Lampe, die knietief über dem Dielenboden hängt. Unter der gewölbten Decke blinkt eine Discokugel. Und das Wichtigste: An den Wänden hängen großformatig Blumen, Rehe und das Meer.

Das Büro gehört Simone Schulz und André Kazenwadel, den beiden Machern der Bildtapeten-Firma DrNice. „Wir möchten mit unseren Motiven die Umgebung von Menschen verschönern“, sagt Schulz. Die Designerin und der studierte Kunstmaler produzieren individuelle Tapeten sowohl für Privatpersonen als auch für Arztpraxen oder Büroräume. Gedruckt werden Motive professioneller Fotografen und Grafiker, aber auch eigene Fotos der Kunden. „Besonders bei Unternehmen sind Fototapeten im Kommen“, sagt Kazenwadel. „Aktenschränke verschwinden, es gibt plötzlich viel weiße Wand.“

Gegründet haben die beiden die Firma vor sechs Jahren. Damals betrieb die 42-jährige Simone Schulz ein Ladenlokal in Mitte, in dem sie eine alte Fototapete mit Bäumen an die Wand hängte. Ein Freund wollte eine ähnliche Tapete für sein Büro im Spreebogen, in dem er ohne Blick auf die Spree arbeitete. „Wir gingen raus und holten ihm die Spree rein“, sagt Schulz. Das erste eigene Motiv waren die Wellen des Flusses – wasserfeste Wellen, sodass die Tapete wiederverwendbar ist.

Die Technik, sagt der 51-jährige Kazenwadel, sei damals gerade so weit gewesen, Tapeten in Einzelauflagen digital bedrucken zu können. Knapp 50 Zentimeter breit ist eine Tapetenbahn aus kunststoffverstärktem Vlies, geklebt werden die Bahnen so, dass die Nahtstellen nicht zu sehen sind. Mittlerweile werden neben Tapeten feste Oberflächen wie Glas oder Holz bedruckt. Auch Autos werden verschönert: Mit einem Smart in roter Krokodillederoptik waren DrNice schon in der „Vogue“. „Schöner wohnen“ druckte von ihnen gestaltete Wände, die Fernsehrenoviererin Tine Wittler fragte für ihre Sendung nach Eichhörnchenmotiven. „Nachdem wir bei Wittler waren, riefen ein Jahr lang Leute an und wollten Tiertapeten“, sagt Kazenwadel.

Die beiden Tapetenmacher sind auch privat ein Paar. Die Aufgabenteilung im Geschäftlichen ist klar: Schulz ist für Layout und Grafik, Kazenwadel für die Bildbearbeitung zuständig. So arbeiteten sie auch beim bislang größten Auftrag: Der US-amerikanische Künstler John Baldessari, der dieses Jahr den Goldenen Löwen der Biennale in Venedig bekommen hat, gestaltete 2006 eine Magritte-Ausstellung in Los Angeles. Dafür lieferte DrNice eine Deckentapete voller Verkehrsknotenpunkte. „1500 Quadratmeter Tapete, und alles musste ganz schnell gehen“, sagt Kazenwadel. Es hat sich gelohnt: Für eine Ausstellung im Museum Haus Lange in Krefeld hat Baldessari die Tapetenmacher gerade wieder gebucht. Die Innenräume des Backsteingebäudes von Mies van der Rohe wurden mit abfotografierten Backsteinen der Außenräume beklebt. In den Fenstern waren Ausschnitte kalifornischer Landschaften zu sehen.

Neben Ausstellungsgestaltungen werden Farb- und Raumkonzepte etwa für Kindergärten oder Mensen immer wichtiger. Trotzdem bleiben die beiden Macher den Tapeten treu. „Für ein Waldmotiv in einem Büroraum haben wir neulich jeden einzelnen Baum digital umgepflanzt“, sagt Schulz: Die Sekretärin sollte vor einer Lichtung sitzen. Und auch in ihrer eigenen Wohnung legen die beiden Wert auf schöne Wände. Die erste alte Fototapete von Simone Schulz hängt dort noch.

www.drnice.net

Besonders bei Unternehmen sind Fototapeten wieder im Kommen. Aktenschränke verschwinden und es gibt plötzlich

viel weiße Wand.“

Simone Schulz und André Kazenwadel, DrNice-Gründer

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