Zeitung Heute : Hinweis für Raucher

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Wie man Lungenkrebs frühzeitig erkennt

Hartmut Wewetzer

Es ist schon ein bisschen seltsam. Häufigen Tumorarten wie Brust-, Dickdarm-, Prostata- und Hautkrebs kann man mit der Teilnahme an der Früherkennung mal mehr, mal weniger gut Paroli bieten. Nur für den größten Killer unter den Tumoren, den Lungenkrebs, gibt es bisher keine Früherkennung. Die Krankheit wird fast immer erst dann erkannt, wenn es bereits zu spät ist, der Tumor in die Lunge oder andere Organe gestreut hat. 2003 fielen dem Lungenkrebs in Deutschland etwa 40 000 Menschen zum Opfer. Er war damit die vierthäufigste Todesursache.

Frühere Versuche, mit regelmäßigen Röntgenaufnahmen, Lungenkrebs rechtzeitig zu erkennen, schlugen fehl. Die Bildqualität war einfach zu schlecht. Aber jetzt gibt es einen neuen Ansatz, der erfolgversprechender ist.

Claudia Henschke vom New Yorker Weill Cornell Medical College und ihre Mitarbeiter setzten in einer internationalen Studie die Computertomografie (CT) als Aufnahmetechnik zur Früherkennung bei rund 31000 gefährdeten Personen ein, überwiegend Raucher. Die meisten von ihnen untersuchte man mit dem CT einmal im Jahr. CT-Aufnahmen sind genauer als Röntgenbilder, und bei der Lunge fällt auch die ansonsten eher hohe Strahlenbelastung vergleichsweise niedrig aus. „Sie entspricht etwa zwei herkömmlichen Röntgenaufnahmen der Lunge“, sagt der Radiologe Bernd Hamm von der Berliner Uniklinik Charité.

„Man könnte 80 Prozent der Todesfälle verhüten“, lautet Claudia Henschkes optimistische Botschaft nach Abschluss ihrer Untersuchung. Es gelang ihrem Team, unter den 31000 Studienteilnehmern rund 500 Menschen mit Lungenkrebs aufzuspüren, wie die Ärzte im Fachblatt „New England Journal of Medicine“ berichten. Vier von fünf Betroffenen hatten einen – fast immer heilbaren – Lungenkrebs im Frühstadium.

80 Prozent weniger Todesfälle: Das klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Ist nun das Problem der Früherkennung gelöst? Nein, leider ist es noch nicht so weit. Henschkes Studie ist nur ein erster Schritt. „Die Untersuchung ist gründlich, aber es fehlt eine Vergleichsgruppe“, kritisiert Rober Loddenkemper von der Berliner Lungenklinik Heckeshorn. Um zu ermitteln, ob die Versuchsteilnehmer wirklich besser fahren als Menschen, die nicht an einem Früherkennungsprogramm teilnehmen. Allerdings laufen große Untersuchungen, mit denen ein Vergleich möglich sein wird. Diese Frage wird also geklärt werden.

Das aber ist nicht der einzige Haken. Es kann auch sein, dass kleine Tumoren „erkannt“ werden, die dem Patienten niemals gefährlich geworden wären. Oder das Narben und andere Verdickungen in der Lunge fälschlicherweise für Krebs gehalten werden. Oder dass der Zeitgewinn durch die Früherkennung nur ein scheinbarer ist. Der Fallstricke sind viele.

Die Früherkennung kann also bislang nicht wirklich empfohlen werden. Dafür gibt es schon jetzt eine fast perfekte Vorsorge: Hören Sie mit dem Rauchen auf. Noch besser: Fangen Sie gar nicht erst an.

Unser Kolumnist leitet das Wissenschaftsressort des Tagesspiegels. Haben Sie eine Frage zu seiner guten Nachricht?

Bitte an: Sonntag@Tagesspiegel.de

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben