Zeitung Heute : Hiobsbotschaften für Multimedia-Lernen

THOMAS VESER

Wissen aus der ganzen Welt, das alle mit der entsprechenden Ausrüstung jederzeit von zuhause aus über das Netz abrufen können - diese Zukunftsvorstellung kann die Phantasie eines jeden Bildungswilligen eigentlich nur beflügeln.Daß der Zugriff allerdings zudem preisgünstig erfolgen kann, ist zur Zeit nicht mehr als eine Illusion.Virtuelles Lernen kann in einem ersten Schritt sogar teurer werden als die herkömmliche Form der Wissensaneignung.

So bietet die Fuqua School of Business, Teil der Duke University im US-Bundesstaat North Carolina, gegenwärtig zwei Ausbildungsvarianten zum Erwerb ihres MBA (Master of Business Administration) an: Während Fernstudierende für das Diplom 80 000 US-Dollar berappen müssen, zahlen Studierende, die sich nach der traditionellen Präsenzmethode fortbilden, überraschenderweise nur 50 000 US-Dollar für das gleiche Diplom.Die Gebührendifferenz mag auf den ersten Schritt nicht einleuchten, da Fernstudierende, die ihre Studien überwiegend in den eigenen vier Wänden absolvieren, keine Universitätsgebäude und kein akademisches Personal benötigen.

Die Verantwortlichen an der Duke-University indessen begründen ihren höheren Tarif aber mit den Mehrausgaben, die ihnen anfangs mit der technischen Erstellung der entsprechenden Internet-Seiten erwachsen sind.Virtuelles Lernen wird mittelfristig erst dann preisgünstiger, wenn Bildungsstätten einen einmal konzipierten Kurs immer wieder anbieten können und die Zahl der Teilnehmer dabei ständig anwächst.Von solchen Verhältnissen können jene Bildungsanbieter, die in den vergangenen Jahren in den Multimedia-Markt für Bildung eingestiegen sind, gegenwärtig nur träumen.Schnell mußten sie erkennen, daß ihre bisweilen recht hohen Anfangsinvestitionen in Lernmethoden in absehbarer Zeit nicht die erhoffte Rendite einbringen werden.

Daß dieser Markt gegenwärtig stagniert, hat im wesentlich zwei Gründe: Bildungsmärkte blieben bis heute stark national geprägt, selten nur finden sich für die mit hohen Kosten entwickelten Produkte jenseits der Landesgrenzen Käufer.Und selbst im eigenen Land ist der Weg in Richtung multimedia-gestütztes Lernen mit Stolpersteinen übersät: Ein beachtlicher Teil des Lehrpersonals setzt der Einführung dieser neuen Lehr- und Lernmethoden anhaltenden Widerstand entgegen.Die Furcht, dadurch die Anstellung zu verlieren oder einen Prestigeverlust zu erleiden, ist besonders in Deutschland nach wie vor sehr ausgeprägt.Diese unsichere Zukunftsperspektive mag wohl dafür verantwortlich sein, daß hierzulande Großprojekte zur planmäßigen Entwicklung des "Virtuellen Lernraums" noch auf sich warten lassen.Dafür gibt es immer mehr Hochschulen, die virtuelle Lernmethoden wenigstens am Rande mitaufgenommen haben.Hagen hat auf dem Gebiet bisher die meisten Erfahrungen gesammelt.

Nun mußte Deutschlands einzige Fernuniversität allerdings in den vergangenen Monaten gleich zwei Rückschläge hinnehmen.Im Frühjahr teilte das Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft der Hochschule mit, daß sie in Zukunft kürzertreten müsse: Ihr Budget für den seit Beginn der neunziger Jahre betriebenen Aufbau eines Netzwerks von Fernstudienzentren in Ost- und Mitteleuropa wurde um 40 Prozent verringert.Eine weitere Hiobsbotschaft erreichte Hagen, das sich gerne als "Medienuniversität" sieht, im Frühsommer.Ihr Vorhaben "Lernraum virtuelle Universität", mit dem sich die Hochschule am bundesweit ausgeschriebenen Ideenwettbewerb "Nutzung des weltweit verfügbaren Wissens in der Aus- und Weiterbildung" beteiligte, wurde abgelehnt.

Rektor Helmut Hoyer fühlt sich durch diese Entscheidung gleich doppelt düpiert: Bonn habe die Teilnehmer am Ideenwettbewerb im vergangenen Jahr aufgefordert, international ausgerichtete Projektvorschläge mit "Leitideen" einzureichen.Das Vorhaben seiner Universität, so Hoyer, sei genau auf diese Anforderung hin konzipiert worden.Es geht dabei um die Darstellung einer Hochschule, die sämtliche Angebote und Betreuungsleistungen durch elektronische Kommunikation übermittelt und mit Wirtschafts-und Hochschulpartnern aus fünf Kontinenten zusammenarbeitet.Die Kosten für das Hagener Projekt wurden mit 120 Millionen Mark veranschlagt.Um so größer war Hoyers Überraschung, als man ihm eröffnete, daß für alle fünf Projekte, die aus 250 eingegangenen Anträgen ausgewählt wurden und fünf Jahre lang gefördert werden, insgesamt nur 100 Millionen Mark vorhanden seien.Das bedeute, daß pro Vorhaben jährlich nur vier Millionen DM zur Verfügung stünden, klagt der Rektor."Der große innovative Sprung nach vorne, den das Ministerium anfangs gefordert hatte, läßt sich so nicht bewältigen", befürchtet Helmut Hoyer, der für seine Projekte künftig stärker nach Landesmitteln und Beiträgen aus EU-Förderprogrammen Ausschau halten muß.

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