Zeitung Heute : Historie auf Tapeziertischen

DIRK WEGNER

Die bulgarische Hauptstadt Sofia zwischen Kommunismus, Kirche und Kommerzialisierung VON DIRK WEGNER

Mit grossen blauen Augen schaut das nackte Maedchen zum Priester auf.Es steht frierend in einem kupfernen Taufbecken, scheint zu hoffen, dassdas Ritual ihrer Namensgebung bald beendet ist.Doch die Besucher derSofioter Sveta-Nedelja-Kirche geniessen das christliche Schauspiel inmalerischer Kulisse: Sie riechen den schweren Weihrauch, blicken zueinem flackernden Kerzenmeer hinter dem goldene Wandmalereienaufleuchten, und sie lauschen den weichen Stimmen eines Maennerchors,die sich hoch oben in der Kirchenkuppel mit dem Gurren einiger Taubenmischen.Dann ist die kleine "Maria" in Sofias Kirchengemeindeaufgenommen.Die Chorsaenger falten ihre Notenblaetter zusammen, diegluecklichen Eltern verteilen Pralinen an Verwandte und neugierigeZuschauer.Nicht immer spielten sich an diesem historischen Zentrum Sofias derartfriedliche Szenen ab.Im April 1925 forderte ein Bombenattentat in demBethaus viele Opfer, darunter etliche prominente Politiker.Damalsging das Geruecht um, die Fuehrung der Kommunistischen Partei seidafuer verantwortlich gewesen.Bewiesen wurde es nie.Als die nochjahrelang aus dem Untergrund agierenden Kommunisten 1944 nach einemStaatsstreich die Macht uebernommen hatten, entwickelte sich dennocheine konspirative Verbindung zu diesem Ort.Hoch oben, wo heute dieTauben nisten, hatte die Geheimpolizei jahrelang ein kleines Bueroeingerichtet.Kommunismus und Kirche, die gegensaetzlichen Lager der sozialistischenAEra tolerieren sich in der Republik Bulgarien und ihrer jungenparlamentarischen Demokratie mehr und mehr.Mit der OEffnung nachWesten und der Einfuehrung marktwirtschaftlicher Prinzipien spieltauch die Religion im oeffentlichen Leben eine sichtbar staerkereRolle.Der Besucher stellt fest: In Sofias sehenswertenGotteshaeusern, in denen Christen, Moslems und Juden friedlichnebeneinander existieren, herrscht ein staendiges Kommen und Gehen.Vielleicht nicht nur als Zeichen eines tief verwurzelten Glaubens,sondern auch als eine zeitweilige Flucht vor dem hektischer gewordenenAlltag.Der imposanteste Sakralbau, die 1912 errichteteAleksander-Newski-Kathedrale, erhebt sich mit 12 Kuppeln ueber dieHauptstadt.Zwei von ihnen sind mit Blattgold ueberzogen.Drinnenschmuecken Wandmalereien und Mosaike aus Marmor, Onyx und Alabaster das architektonische Juwel der Balkan-Halbinsel.Zwar verwahrt die Krypta eine der reichsten Ikonen-Sammlungen Europas, doch in der Kirche gibt es kaum Sitzgelegenheiten."Stuehle sind nur fuer dieAlten vorgesehen", meint Nadya, die in Sofia studiert und an mireifrig ihre Deutschkenntnisse ausprobiert.An ihrem Handgelenkflattert noch eine "martenica", ein rot-weisses Band, das eigentlichzum Fruehlingsanfang unter Freunden verschenkt wird.Ja, es sei schonviel Betrieb, nickt sie, aber Ostern um 12 Uhr, wenn mindestens 5000Menschen in der Kathedrale seien, dann passe niemand mehr rein.Dietraditionellen kirchlichen Feste nehmen ihren alten Platz wieder ein,seit mit der Wende von 1989 die verordneten "ideologischen Feiertage"abgeschafft wurden.Am Aleksander-Newski-Platz steht ebenfalls die etwas wenigerauffaellige Namensgeberin der Stadt, die fruehchristlicheSveta-Sofia-Basilika aus dem 6.Jahrhundert.Gegenueber bietensonntags Troedler juengere Geschichte feil.Auch Nadya kennt sich mitden historischen Buerden ihres Landes aus.Bis zum Jahre 2006 muesstennoch Reparationen aus zwei Kriegen an Griechenland bezahlt werden,erzaehlt sie, waehrend wir auf den Tapeziertischen den buntzusammengewuerfelten historischen Eintopf betrachten: an einerLenin-Bueste lehnt ein Hakenkreuz, ein Stahlhelm thront auf einemGeigenkasten, Kunsthandwerk ist von Kampfmessern umzingelt.Rasch wird klar: Den Verkaeufer der polierten Objekte interessiert nur noch ihrfinanzieller Wert, nicht irgendeine Ideologie.Business mitausrangierten Symbolen der Vergangenheit kennt keine Pietaet.Die Wandvoller goldener Ikonen, einige Schritte weiter, birgt dieseIrritationen nicht.Doch auch bei dieser prachtvollen Dutzendwarelaesst sich der Eindruck nicht verhindern, dass der Profit ihreinziger Entstehungsgrund sein duerfte.Persoenlicher wirken diezahlreichen textilen Handarbeiten, gekloeppelte und bestickteTischdecken, die auf langen Waescheleinen zwischen den Raeumenflattern.Sofias Stadtzentrum ist ueberschaubar und laesst sich durchaus zu Fusserkunden.Wer sonntags unterwegs ist, dem wird im Vergleich zuwestlichen Metropolen sofort auffallen: Es herrscht wenig Autoverkehrund auf den Strassen sind nicht allzuviele Menschen unterwegs.Freizeit wird im Privaten genossen.Gesellige Treffen mit Freundenwerden vorwiegend zu Hause arrangiert, wer es als Sofioter sogar zueiner kleinen Datscha im Gruenen gebracht hat, verbringt seine freienTage dort.Wir gehen die Vasil-Levski-Strasse hinunter, am Saeulenportal derUniversitaet vorbei, erreichen den Nordzipfel des Stadtparks.Voreinem gewaltigen russischen Ehrenmal, auf dem sich ueberdimensionaleBronze-Soldaten in den Himmel recken, parkt ein Polizeiwagen."Es gabschon Abrissplaene fuer das Monument", meint Nadya.Doch die neuenkommunistischen Machthaber - die Sozialistische Partei stellt alsNachfolgeorganisation der KP die staerkste Fraktion - habe dagegenprotestiert, weil die russische Befreiung Teil der Geschichte sei.Sopassiert erst einmal nichts.Dass es andere Meinungen zum Erhalt desklobigen Bauwerks gibt, signalisiert die aufgespruehte Graffiti.Dawird verstaendlich, warum das Auge des Gesetzes wacht.Aeltere russische Genossen stehen zweifellos hoeher im Kurs, was schonim Namen fuer die zentrale Prachtstrasse zum Ausdruck kommt.AmSuedende des Boulevards Zar Osvoboditel (was soviel wie"Befreierkoenig" bedeutet) errichteten die Stadtvaeter 1885 dasParlament im Renaissancestil."Einigkeit macht stark" lautet das ueberdem Eingang eingemeisselte Motto.Gegenueber blickt der russische ZarAlexander II als imposantes Reiterstandbild auf das hohe Haus.Eswaren seine Truppen, die Bulgarien 1878 von einerfuenfhundertjaehrigen tuerkischen Fremdherrschaft befreiten.1885wurden die zwei bis dahin getrennt verwalteten Regionen zumBulgarischen Staat vereint.Was zuvor, im 18.und 19.Jahrhundert, als Bewegung der "nationalenWiedergeburt" begann und schliesslich zur Staatsgruendung fuehrte,lebt heute als Suche nach neuen Werten wieder auf.Der gegenwaertigeSchlingerkurs zwischen Westwende und partiellem Festhalten amsozialistischen Erbe kommt auch im marmornen Mausoleum von GeorgiDimitroff, einem Funktionaer der kommunistischen Bewegung, zumAusdruck.Von verunstaltender Graffiti gereinigt, strahlt der weisseMarmortempel am Deveti-Septemvri-Platz und harrt seiner neuenBestimmung.Nadya erzaehlt, dass sogar einmal von einer Disco die Redewar, jetzt aber ueber ein Museum zur Entwicklung des Kommunismusnachgedacht wird.Ein paar Schritte weiter wird die kleine russische Kirche des heiligenNikolai (Sveti Nikolaj) restauriert.Mit ihren fuenf goldenenZwiebeltuermen wirkt sie zwischen den maechtigen Haeuserfronten desBoulevards Zar Osvoboditel fast zerbrechlich.Nicht nur fuer dieWandmalereien im Stil der novgorodter Malschule lohnt der Besuch, hiererklingt auch hoerenswerte Kirchenmusik.Im Keller, am Grab desErzbischofs Serafim, schreiben die Glaeubigen ihre Wuensche auf Zettelund werfen sie dann in einen Kasten."Die Nonnen verbrennen das Papierund mit dem Rauch steigen die Bitten hinauf zu Gott", erklaert Nadyadas Ritual.Im Viertel zwischen dem Boulevard Zar Osvoboditel und dem BoulevardVitoscha laesst sich authentische Sofioter Architektur undWohnatmosphaere erleben.In den mit Baumreihen gesaeumten Strassenentdecken kleine Geschaefte die Kunst der Dekoration, Restaurantswerben mit nationalen Spezialitaeten.UEberall wird gebaut undinstandgesetzt.Hier laesst sich aber auch, wie vielerorts imStadtbild, der Konflikt zwischen Verfall und Restauration ablesen.ZumAusbau einer touristischen Infrastruktur gibt der Staat einerseitsrentables Eigentum in private Haende, wie juengst dasFuenf-Sterne-Hotel "Vistosha", in das dann kapitalkraeftige Geldgeberinvestieren, andererseits fehlt fuer den Erhalt historischerBausubstanz oft das noetige Geld.Dabei stehen sich Vergangenheit undModerne mitunter direkt gegenueber: Den Innenhof des Sheraton Hotelsziert die Sveti-Georgi-Rundkirche aus dem 4.Jahrhundert.Hier beginntebenso der Boulevard Vitoscha, die Haupteinkaufsstrasse.Sieillustriert den UEbergang von der Plan- zur Marktwirtschaft.BekannteNamen verkuenden westlichen Luxus.Kreditkarten werden akzeptiert.Wer, noch die Klaenge eines wunderschoenen Kirchenchors im Ohr, insTaxi steigt, dem kann es passieren, dass ihn ploetzlich ganz andereMelodien aus der meditativen Stimmung reissen.Im Radio droehnen dieHits der Enkel einstiger Klassenfeinde.Der neue Kulturmix ist wederzu ueberhoeren, noch zu uebersehen: Der junge Mann hinter dem Steuertraegt Marken-Jeans und Designer-Sonnenbrille.Er geht sonnabends zueinem der sich langsam etablierenden Szene-Treffpunkte, etwa in dieForum-Disco im Keller des Kulturpalasts am Bulgaria-Platz.Zwarbewegen sich Glamour und Styling solcher Discos noch in bescheidenemRahmen, "Techno" ist hier jedoch laengst kein Fremdwort mehr.Abernicht alle Jugendlichen wollen derartige West-Werte sofortuebernehmen.Es gibt auch kritische Stimmen, die in der Wende eineChance sehen, eigene kulturelle Wurzeln neu zu entdecken.Fuer sie istder Westen gleichbedeutend mit Fremdbestimmung und dem drohendenVerlust nationaler Identitaet.!--Hier endet der Artikel-->

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