Historie : Kampf den Piraten

Vor der Küste Ostafrikas treiben Piraten ihr Unwesen – auch Kriegsschiffe der US-Marine kreuzen dort. Das hat Tradition. 1804 griffen Schiffe der USA Tripolis an, den Hafen der Mittelmeer-Piraten.

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Die Explosion der Fregatte "Philadelphia" vor Tripolis in einer Darstellung von 1897.
Die Explosion der Fregatte "Philadelphia" vor Tripolis in einer Darstellung von 1897.Abbildung: U.S. Naval Historical Foundation

Sie glaubten sich in Sicherheit. Aber das war ein Irrtum: Anfang September enterten somalische Piraten den deutschen Frachter „Magellan Star“, obwohl er von amerikanischen und türkischen Kriegsschiffen eskortiert wurde. Auch ein zweiter Frachter des Konvois geriet in die Hände der Seeräuber.

Wie gering ihr Respekt vor den Patrouillen der westlichen Marinen ist, hatten Somalias Piraten bereits im April demonstriert. Da versuchten sie sogar eine amerikanische Lenkwaffenfregatte zu entern. Vor der ostafrikanischen Küste eröffneten sie das Feuer auf die „USS Nicholas“. Die Amerikaner müssen anfangs gedacht haben, es handele sich um einen schlechten Scherz. Doch dann schossen sie zurück, versenkten das Piratenschiff und nahmen die Angreifer fest.

Die „USS Nicholas“ gehörte zu einer multinationalen Flotte unter amerikanischer Führung, die seit Januar 2009 im Golf von Aden, im Indischen Ozean und im Roten Meer kreuzt, um gegen die Piraterie vorzugehen, ohne sie beenden zu können: Wurden vor Somalia 2008 mehr als 100 Schiffe attackiert und 40 gekapert, verdoppelte sich 2009 die Zahl.

Der Kampf um die Philadelphia in zeitgenösischen Bildern.
Der Kampf um die Philadelphia in zeitgenösischen Bildern.

Dabei ist das Engagement der Amerikaner vor der ostafrikanischen Küste gewissermaßen die Fortsetzung einer historischen Mission. Denn wie der amerikanische Marineexperte Henry E. Gruppe in seinen Studien darlegt, entstand die United States Navy vor fast 200 Jahren vor allem aus einem Grund: Es galt, die Piraterie zu bekämpfen, und zwar ausgerechnet vor der afrikanischen Küste.

Ende des 18. Jahrhunderts brachten nämlich Berber-Korsaren mehr und mehr amerikanische Schiffe im Mittelmeer auf. Ihre Waren gingen verloren. Ihre Mannschaften wurden gegen Lösegeld freigelassen oder in die Sklaverei verkauft – ein lohnendes Geschäft, denn der amerikanische Mittelmeerhandel blühte. Seit 1776 liefen jährlich mehr als 80 Schiffe mit mediterranem Kurs aus. Die Anrainer des Mittelmeers nahmen rund ein Viertel des amerikanischen Exports von Trocken- und Salzfisch auf, ein Sechstel der Weizen- und Mehlverkäufe sowie umfangreiche Reislieferungen, vor allem aus South Carolina.

Die Berber-Korsaren waren eine locker organisierte Gruppe von Seebanditen, die ihre Basen vor allem in Algier, Tunis und Tripolis hatten. Ihren Auftraggebern, den sogenannten Barbareskenstaaten – der Name leitet sich von den Berbern, den nordafrikanischen Ureinwohnern, ab – zahlten selbst große Seemächte wie Großbritannien, Spanien oder Frankreich Tribut, um die Handelsrouten offen zu halten. Auch in den noch jungen USA hatte diese Politik viele Befürworter. Ihnen schien der permanente Unterhalt einer Kriegsflotte zu teuer. Von den 35 Schiffen, die Amerika während des Unabhängigkeitskrieges von 1776 gebaut oder erworben hatte, existierte keines mehr. Sie waren abgewrackt, versenkt oder von der Britischen Royal Navy gekapert worden.

Die Wende kam am 27. März 1794: „Wegen der Verheerungen, die von algerischen Korsaren dem Handel der Vereinigten Staaten zugefügt werden“, stellte der Kongress die Mittel für den Bau von sechs kleinen Fregatten zur Verfügung. Das waren Dreimaster mit einem flachen Kanonendeck. Europäische Kriegsschiffe waren mit bis zu drei Kanonendecks ausgerüstet, doch solche konnten sich die USA damals noch nicht leisten. Aus Georgia-Eichen und Neuengland-Kiefern gebaut, bildeten die wendigen Fregatten die Keimzelle der amerikanischen Kriegsmarine. Ihr erster Einsatz sollte sich allerdings verzögern: Am 2. März 1796 schlossen die Vereinigten Staaten Frieden mit Algier. Nur drei der sechs geplanten Schiffe liefen vorerst vom Stapel.

Fünf Jahre später führte die junge US-Navy unter Präsident Thomas Jefferson den ersten Krieg überhaupt, der den Vereinigten Staaten formell erklärt wurde. Der Gegner war Tripolis im heutigen Libyen. Dort waren am 14. Mai 1801 mit Äxten bewaffnete Tripolitaner zur amerikanischen Botschaft gezogen und hatten den Mast mit der US-Flagge gefällt – in nordafrikanischen Staaten damaliger Zeit traditionell das Zeichen zur Eröffnung von Feindseligkeiten. Angeordnet hatte die Attacke Jussuf Karamanli, Pascha von Tripolis. Denn der war erbost über die Amerikaner: Sie zahlten dem Herrscher von Algier jährlich 21 600 Dollar Tribut, damit er amerikanische Handelsschiffe in seinen Gewässern passieren ließ. Tripolis, der an Reichtum und Bevölkerung geringste der Berber-Staaten, erhielt lediglich 18 000 Dollar. Der Pascha fühlte sich benachteiligt. Und verlangte ein Schutzgeld von einer Viertelmillion.

Washington weigerte sich. Die Staatskasse war durch bisherige Zahlungen arg strapaziert. Präsident Jefferson erklärte: „Das Geld wäre weggeworfen, denn die Forderungen dieser Mächte kennen kein Ende, und ihre Versprechungen bieten keine Sicherheit. Die eigentliche Frage ist vielmehr, ob wir das Mittelmeer aufgeben oder es weiterhin befahren wollen.“

Noch bevor die eigentliche Kriegserklärung aus Tripolis die Vereinigten Staaten erreicht hatte, entsandte Jefferson am 2. Juni 1801 ein kleines Geschwader. Drei Fregatten und ein Schoner nahmen Kurs auf das Mittelmeer. Wegen schlechten Wetters erreichte Geschwaderkommandeur Richard Dale die Höhe von Tripolis erst sieben Wochen später. Nun erfuhr er von der Kriegserklärung des Paschas und errichtete eine Blockade. Und am 1. August sichtete die „Enterprise“ ein Schiff des Paschas. Es war ein ungleicher Kampf: 32 amerikanische Kanonen gegen 14 der Tripolitaner. Nach drei Stunden strich das Berber-Schiff die Flagge. Der Pascha hatte 30 Mann verloren, die Amerikaner keinen einzigen.

Das Bild zeigt Leutnant Decatur in einer dramatischen Szene am Boden.
Das Bild zeigt Leutnant Decatur in einer dramatischen Szene am Boden.

Daheim war man beeindruckt. Der Kongress verabschiedete eine Resolution, in der die Mannschaft der „Enterprise“ lobend erwähnt wurde. Jedes Besatzungsmitglied erhielt einen zusätzlichen Monatslohn, der Kapitän einen Gedenksäbel, und die USA erklärten nun ihrerseits Tripolis offiziell den Krieg.

Doch statt eines ruhmreichen Feldzuges folgte die militärische Flaute. Schlimmer noch, Richard Valentine Morris, Kommandeur des Mittelmeergeschwaders, erwies sich als derart unfähig, dass er im Februar 1803 bei einem Besuch des amerikanischen Konsuls in Tunis gefangen genommen wurde: Er hatte vergessen, sich von seinem Gastgeber, dem Bey, in gebührend diplomatischer Form zu verabschieden. Daher ließ ihn der beleidigte Herrscher ergreifen und erst wieder gegen ein Lösegeld von 34 000 Dollar frei.

Auch dem neuen Kommandeur des Mittelmeergeschwaders war das Kriegsglück nicht hold. Edward Preble hatte die Aufbringung der „Philadelphia“ durch die Tripolitaner zu verantworten: Die amerikanische Fregatte war bei dem Versuch, ein Schiff der Berber zu stellen, auf ein in ihren Seekarten nicht verzeichnetes Riff gelaufen. In Schräglage konnte sie ihre Geschütze nicht einsetzen,und die Besatzung musste sich ergeben. Der Pascha hielt nun mehr als 300 Amerikaner gefangen. Und nicht nur das: Während der Flut gelang es den Tripolitanern, die Fregatte vom Riff freizubekommen. Nun lag die „Philadelphia“ im Hafen von Tripolis und verstärkte mit ihren Kanonen die Verteidigung des Paschas.

Kommandeur Preble befahl die Versenkung der „Philadelphia“: Am 16. Februar 1804, einer mondlosen Nacht, glitt ein ehemals tripolitanischer und nun von US-Matrosen besetzter, kleiner Segler durch die Dunkelheit. Mit 75 Freiwilligen unter Lieutenant Stephen Decatur gelangte er bis in die Reichweite der Ankerketten am Bug der Fregatte. An ihnen wollten die Amerikaner an Bord klettern. Doch ein leichter Windstoß trieb den Segler ab, direkt vor die Kanonen der Backbordseite. Die tripolitanischen Wachen waren inzwischen alarmiert. Für diesen Fall hatten die Amerikaner einen sizilianischen Lotsen an Bord, der Arabisch sprach und den Hafen von Tripolis kannte: Er erklärte, dass ihr Schiff keinen Anker besitze und bat, längsseits kommen zu dürfen.

Sobald die beiden Schiffe miteinander vertäut waren, stürmten die Amerikaner die „Philadelphia“. Die Tripolitaner waren vollkommen überrascht. Wer nicht über Bord sprang oder unter Deck floh, wurde erstochen. Die Fregatte ging – wie befohlen – in Flammen auf. Dabei entzündete sich die Munition in den Kanonen. Ziellos um sich schießend trieb die „Philadelphia“ zum Palast des Paschas. Als das Feuer ihr Pulvermagazin erreichte, explodierte das Schiff in einer gewaltigen Detonation, die in der gesamten Stadt widerhallte. Brennende Wrackstücke prasselten auf die Häuser nieder. Im Schutz des Chaos zogen sich die Amerikaner zurück. Sie hatten nur einen Verletzten zu versorgen. Erneut jubelte daheim der Kongress. Stephen Decatur wurde mit 25 Jahren zum jüngsten Kapitän der Marine befördert. Lob kam auch von Admiral Nelson, seinerzeit Oberbefehlshaber der britischen Mittelmeerflotte und in Marinekreisen bereits eine Legende: „Die keckste und kühnste Tat unserer Zeit.“

Am 3. August 1804 entschied Kommandeur Preble, den Hafen von Tripolis selbst anzugreifen. Nach monatelanger Blockade wollte er nun den Pascha zwingen, die gefangenen Amerikaner freizulassen. Dafür stellte ihm der verbündete König von Sizilien sechs Kanonenboote und zwei Schiffe mit schweren Mörsern zum Küstenbeschuss zur Verfügung.

Als Prebles Geschwader sich Tripolis näherte, drehte der Wind. Nur drei Kanonenbooten gelang es, in den Hafen einzulaufen. Dort erwartete sie eine tripolitanische Übermacht. Die Amerikaner warteten, bis sie auf Schussweite heran waren, beschossen die Decks ihrer Gegner mit Kartätschen und versuchten zu entern. Diese Taktik hatte jedoch nur teilweise Erfolg: Zwar war der erste Gegner rasch erbeutet. Aber auf einem anderen verlor das amerikanische Enterkommando seinen Offizier.

Unterdessen war Preble mit seinem Flaggschiff „Constitution“ in die Nähe des Hafens von Tripolis gesegelt und beschoss erst die Küstenbatterie; und nachdem die ihr Feuer einstellen musste, nahm er den Palast des Paschas ins Visier. Dabei entging Preble selbst nur knapp einer feindlichen Kanonenkugel, die durch eine offene Geschützpforte eindrang.

Als das Wetter sich verschlechterte, musste Preble die Schlacht abbrechen, Dem Pascha wurde ein neues Lösegeldangebot unterbreitet: 100 000 Dollar für die gefangenen Amerikaner. Jussuf Karamanli lehnte ab.

Darauf griffen die Amerikaner zu einem größeren Kaliber. Der erbeutete Segler, der schon bei der Versenkung der „Philadelphia“ eine Rolle gespielt hatte, wurde mit 100 Fässern Schießpulver gefüllt, das Deck darüber mit 150 Granaten beladen. Freiwillige sollten mit dieser Treibmine in den Hafen von Tripolis segeln, sie inmitten der gegnerischen Flotte in die Luft sprengen und auf einem Beiboot entkommen. Der Plan misslang gründlich: Die schwimmende Bombe explodierte im Abwehrfeuer der Tripolitaner vorzeitig. Von den 13 Mann Besatzung an Bord überlebte niemand.

Fünf Tage nach dem Desaster traf Samuel Barron als neuer Kommandeur mit vier neuen Fregatten ein. Das amerikanische Marineministerium hatte erwartet, dass Preble bereit sein werde, unter Barron weiter zu dienen. Doch das war er nicht. Trotz des bitteren Endes seines Mittelmeerkommandos glich Prebles Heimfahrt einem Triumphzug: In Malta, Syrakus und Neapel wurde er mit Salutschüssen und von paradierenden und jubelnden Seeleuten empfangen. Selbst Papst Pius VII. lobte Preble: Seine kleine Seemacht habe „mehr für die Sache der Christenheit getan als die mächtigsten Staaten seit Generationen“. Bei seiner Ankunft in Washington am 4. März 1805 überschüttete ihn der Kongress mit Dankesreden im Namen der amerikanischen Nation. Präsident Jefferson übergab Preble eine goldene Medaille mit der Inschrift „Dem tapferen Führer, Verteidiger des amerikanischen Handels vor Tripolis, 1804“.

Im Mittelmeer ging der Krieg noch drei Monate weiter. Aber gekämpft wurde kaum noch. Anders als Preble begnügte sich sein Nachfolger Barron mit einer Blockade-Taktik gegen Tripolis – dieses Mal jedoch mit Erfolg: Als unter den Tripolitanern Hungerunruhen ausbrachen, stimmte der Pascha einem Friedensvertrag zu. Tripolis war gewillt, amerikanische Schiffe im Mittelmeer ohne Tributzahlungen passieren zu lassen. Die Besatzung der zerstörten „Philadelphia“ kam gegen eine Zahlung von 60 000Dollar frei.

Dieser Frieden sollte nicht von Dauer sein. Die erste militärische Intervention der Vereinigten Staaten in Übersee brachte keinen nachhaltigen Erfolg: Berber-Korsaren bedrohten weiterhin die amerikanische Handelsflotte. Zwar waren seit 1796 jährlich Schutzgelder von Washington auch nach Algier geflossen. Doch keine der beiden Seiten hatte den Vertrag voll erfüllt. Als sich im Britisch-Amerikanischen Krieg von 1812 Algiers Herrscher mit London verbündete, brachen die USA ihre diplomatischen Beziehungen zu den Nordafrikanern ab. Drei Jahre später, kurz nach dem Friedensschluss mit den Briten, erklärte der Kongress auch dem Barbareskenstaat Algier den Krieg. Wieder nahmen amerikanische Fregatten Kurs aufs Mittelmeer. Nachdem sie das algerische Flaggschiff gekapert hatten, war der Weg zu einem neuen Vertrag frei: Schiffen aus den Vereinigten Staaten wurde Sicherheit ohne Tributzahlungen garantiert.

Doch weder Verträge noch die dauernde Präsenz des Mittelmeergeschwaders konnten die Piraterie vollends beseitigen. Das gelang erst Frankreich zu Lande und mit gewaltigem Aufwand: 1830 erschien eine französische Armada von 400 Kriegs- und Transportschiffen vor Algier. 37 000 Soldaten wurden an Land gebracht. Der Barbareskenstaat kapitulierte und mit ihm die Korsaren von Tunis und Tripolis. Den Widerstand der Berber im Landesinnern konnten die Franzosen hingegen erst 1871 brechen.

Eine vergleichbare Intervention wäre heute in Somalia unvorstellbar und wird von niemandem angestrebt Ein womöglich 40-jähriger Guerillakrieg, wie ihn die Franzosen im 19. Jahrhundert in Algerien führten, wäre – erst recht nach dem Scheitern in Mogadischu 1993 – für jeden westlichen Staat ein Albtraum. Stattdessen bildet die Europäische Union seit Mai somalische Sicherheitskräfte in Uganda aus. Sie sollen stellvertretend für die internationale Staatengemeinschaft die Seeräuber zu Lande bekämpfen.

Es scheint, als erinnere sich nicht nur Washington an seine Misserfolge bei der Piratenjagd im Mittelmeer vor 200 Jahren.

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