Zeitung Heute : Historischer Waschzwang

Richard Schröder

TRIALOG

Mein Vater hatte im Kontor seiner Apotheke, von der Straße aus sichtbar, ein Bild von Hindenburg hängen. Es hing dort die ganze Nazizeit über, denn Hindenburg war für ihn der letzte frei gewählte deutsche Präsident. Ein Hitlerbild im Kontor? Undenkbar für ihn. Die Amerikaner kamen. Blitzartig waren alle Hitlerbilder weg, Hindenburg blieb unangefochten im Kontor. Die sowjetische Armee löste die Amerikaner ab, Hindenburg blieb. Da denunzierten ein paar Alt-Kommunisten meinen Vater beim sowjetischen Ortskommandanten. Der kam in die Apotheke, ging wortlos durch ins Kontor, salutierte vor dem Bild Hindenburgs, ging wortlos raus und fuhr davon. Dies war wohl zuerst Ausdruck seiner Verachtung des Denunziantentums, vielleicht auch eine Respektbezeugung von Soldat zu Soldat. Die deutsche Armeeführung hatte ja Lenin von der Schweiz nach Russland reisen lassen und mit der jungen Sowjetmacht Frieden geschlossen. Jedenfalls salutierte er.

Irgendwann löste sich der Nagel aus der Wand, das Bild krachte zu Boden und wurde mit zerbrochener Scheibe hinter dem Kachelofen abgestellt. Wenn wir Kinder es rauszogen und fragten, wer das ist – inzwischen lebten wir in der DDR –, dann war die Antwort meines Vaters immer noch: Das ist der letzte frei gewählte deutsche Präsident. Ein Bild von Pieck, Grotewohl oder Ulbricht im Kontor? Undenkbar für ihn. In Berlin und Potsdam steht Hindenburg auf der Liste der Ehrenbürger und darin sehen manche einen Skandal. Schließlich hat er als Reichspräsident Hitler zum Reichskanzler ernannt und ihm am „Tag von Potsdam" die Hand gedrückt, sozusagen seinen Segen gegeben. So jemand darf nicht länger auf der Ehrenbürgerliste stehen. Hindenburg wurde März/April 1932 gegen Hitler und Thälmann zum Reichspräsidenten gewählt. Viele hofften, dass er, anders als die anderen beiden, die Verfassungsordnung schützen werde. Aber er war mehr Monarchist als Demokrat und deshalb dem Präsidialregime mittels Notverordnung am Parlament vorbei sehr zugetan. Er hat zwar zunächst gezögert, Hitler zum Reichskanzler zu ernennen, es aber dann getan. Achtundachtzig war er, als er am 2. August 1934 starb. Vielleicht hat ihn Bertold Brecht ganz treffend dargestellt als einen alten Mann, der nicht mehr alles mitkriegt, aber ein ungutes Gefühl hat in seiner Rolle beim „aufhaltsamen Aufstieg des Arturo Ui“, eine tragische Figur.

Walter Momper sagt ganz richtig: Wir würden ihn zwar heute nicht zum Ehrenbürger ernennen, aber das ist kein Grund, ihn heute von der Liste zu streichen. Denn das hieße, ihn zum Lumpen oder Verbrecher erklären. Auch historischer Waschzwang ist eine Form von Intoleranz.

Der Autor ist Professor für Theologie an der Humboldt-Universität zu Berlin.

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