Zeitung Heute : Hitler und zwei alte Galoschen

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Von Daniel Kehlmann

Im Dezember 1944 erließ die norwegische Exilregierung in London eine Landesverräter-Verordnung, kraft der die Mitgliedschaft in der norwegischen Nazipartei nach dem Zeitpunkt des deutschen Einmarsches strafbar wurde. Zu den ersten, die deshalb nach dem Ende der Okkupation verhaftet wurden, gehörte der sechsundachtzigjährige Literaturnobelpreisträger Knut Hamsun. Ob Hamsun wirklich Parteimitglied gewesen war, ist umstritten. Nicht leugnen konnte er allerdings, dass er einer der entschiedensten Unterstützer der norwegischen Nationalsozialisten gewesen war: In Dutzenden Artikeln hatte er seine Landsleute aufgefordert, die Marionettenregierung Vidkun Quislings zu unterstützen, und hatte noch nach Hitlers Tod einen enthusiastischen Nachruf auf diesen seiner Ansicht nach größten Mann Europas veröffentlicht.

Hamsun wurde kurze Zeit im Gefängnis und dann in der psychiatrischen Klinik Oslo festgehalten und täglich Befragungen ausgesetzt. Die inzwischen veröffentlichten Protokolle offenbaren eine verblüffend vulgärfreudianische Indolenz des leitenden Psychiaters, der der Meinung war, durch Untersuchung von Hamsuns Intimleben die Wurzeln schriftstellerischer Kreativität aufdecken zu können. Nach langen, demütigenden Prozeduren wurde Hamsun mit der Diagnose „dauerhaft geschwächter seelischer Kräfte" entlassen: ein Befund, der ihn tief verletzte, obwohl er nichts anderes war als die juridisch vorgeschriebene Formel zur Gewährung mildernder Umstände.

Zurück auf seinem inzwischen verfallenden Gut Nörholm widmete er, nun einer der meistverachtetsten Männer des Landes, sich der Aufgabe, das psychiatrische Urteil zu widerlegen. Obwohl er das Schreiben schon seit Jahren aufgegeben hatte, machte er sich noch einmal an die Arbeit: 1949 erschien, nach langer, problematischer Verlagssuche, sein letztes Buch, das nun in neuer Übersetzung auf Deutsch vorliegt. „Auf überwachsenen Pfaden" ist eines von Hamsuns besten und zugleich problematischsten Werken; es ist eine Rechtfertigung, die es vermeidet, sich zu rechtfertigen, ein vielstimmiges und vielschichtig-brillantes Spiel mit allen Mitteln, die die literarische Moderne einem ihrer größten Meister an die Hand gab.

Aus der Erzählperspektive eines bereits Toten beschreibt er in einer fröhlichen Gelassenheit, hinter der nur manchmal, wenn es um Untersuchungsrichter und Psychiater geht, Wut und polemische Verve sichtbar wird, das Leben im Altersheim, Spaziergänge im Schnee und von der Taubheit erschwerte Gespräche mit fiktiven Alter Egos. Angeblich zufällig aufgelesene Zeitungsartikel werden unversehens zu Miniaturdramen, aus verstreuten Gedanken entstehen Gedichtfragmente, die der Autor sofort selbstironisch wieder zurücknimmt. Und nur hin und wieder, wie nebenher, eingestreute Sätze der Rechtfertigung: „Ich, ausfällig gegen Juden? Dazu hatte ich zu viele gute Freunde unter ihnen, und sie waren mir gegenüber vornehme Freunde."

Hamsun erzeugt, gerade weil er das Argumentieren verweigert, schon nach kurzem ein Klima des Einverständnisses, das den Leser dazu verleitet, über offenkundige Widersprüche hinwegzulesen: So behauptet er, erstens nichts von den deutschen Verbrechen gewusst zu haben und zweitens immer wieder entschieden gegen diese Verbrechen vorgegangen zu sein; er behauptet, dass niemand sich die Mühe gemacht habe, ihn alten und tauben Mann über seine Fehler aufzuklären, und bekräftigt zugleich, dass er keine Fehler gemacht und nichts im Auge gehabt habe als Norwegens Wohl und verdiente Größe. Der des Diktators fällt nur ein einziges Mal, im kurios ambivalenten Zusammenhang eines Loblieds auf zwei alte Galoschen: „Gut waren sie, die Galoschen, ich bin mit dem Riss (darin) in vielen Ländern herumspaziert, und ein berühmtes Mal haben sie mich nach Wien und zu Hitler begleitet." Ist das nun Selbstironie, verschämt angedeutete Reue oder einmal mehr uneinsichtiger Starrsinn? Mit genau dieser Vieldeutigkeit spielt Hamsun mit einer für den unvorbereiteten Leser überwältigenden Raffinesse.

Es ist kaum möglich, dieses Buch aus der Hand zu legen, ohne zumindest halb mit dem alten, naiven, gutmütigen Mann, der wenn schon nicht sein Autor, so doch seine Hauptfigur ist, zu sympathisieren. „Auf überwachsenen Pfaden" ist ein Dokument für die Überzeugungskraft, die Literatur auf ihrem höchsten Niveau eben auch in prekären Zusammenhängen zu entwickeln vermag - und somit eine Erinnerung daran, dass große Kunst eben nicht, wie Minister und Subventionsempfänger unermüdlich versichern, etwas Freundlich-Harmloses ist, das in allen Fällen dem zwischenmenschlichen Verständnis dient; sondern dass sie auch eine Waffe sein kann, eine Gefahr und etwas moralisch tief Ambivalentes.

Knut Hamsun: Auf überwachsenen Pfaden. List-Verlag, München 2002. 280 Seiten, 17 €.

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