Zeitung Heute : Hoch gesteckte Ziele

Die SPD diskutiert über Elite-Hochschulen nach US-Vorbild. Das stärkt den Bildungsstandort, sagen die Befürworter. Augenwischerei, erwidern die Kritiker: Das ganze System muss reformiert werden und braucht mehr Freiheit und Wettbewerb.

Anja Kühne

Deutschlands Universitäten gehören der Masse. Das kann träge machen. Besonders, da alle Hochschulen von der Politik jahrzehntelang gleich behandelt wurden: Die Professoren verdienten überall das gleiche Geld, die Studierenden wurden mit der Gießkanne über das Land verteilt, unabhängig von ihrer Leistung. Lange hatte die SPD Angst, die Elitenförderung könnte auf Kosten der sozialen Gerechtigkeit gehen. Nun wünscht sie sich einen Leuchtturm, der bis in die USA und Asien strahlt. Eine Einrichtung, die getrost mit den berühmten Ivy-League-Hochschulen in den Ring steigen könnte. Dieser Motor für Deutschlands Forschung und Wirtschaft würde auch den Brain-drain, den Weggang, der Besten deutschen Köpfe in die USA verhindern, hofft die SPD.

Denn mit den Bedingungen dort – zumal in den übermächtigen Forschungsuniversitäten – kann keine deutsche Hochschule mithalten. Lange hat keine hiesige Uni mehr einen Nobelpreisträger hervorgebracht. Als Günter Blobel, der in Deutschland studiert hat, 1999 den Medizinnobelpreis bekam, konnte sich die New Yorker Rockefeller-Universität damit schmücken, in deren Laboren Blobel jahrzehntelang geforscht hat. 20 000 deutsche Nachwuchsforscher, 14 Prozent der Promovierten, arbeiten zurzeit in den USA. In einem unlängst veröffentlichten internationalen Ranking der Universität Schanghai ist die beste deutschsprachige Hochschule im Bereich Naturwissenschaften die ETH Zürich – Platz 25. Die beste deutsche Universität, die Münchner Uni, liegt auf Platz 48.

Um auf die begehrten vorderen Plätze zu kommen, wird Deutschland eine einzige, vom Bund installierte Elite-Universität nicht helfen, glaubt jedoch Christiane Ebel-Gabriel, die Generalsekretärin der Hochschulrektorenkonferenz (HRK). Sie hält es für viel effektiver, die besten Unis zu stärken und damit den Wettbewerb weiter anzuregen: „Wenn dann am Ende in Deutschland nur drei Spitzenhochschulen übrig bleiben, habe ich nichts dagegen.“

Schon jetzt sind nicht alle Hochschulen in Deutschland gleich, wie die Rankings der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) oder des Centrums für Hochschulentwicklung (HIS) zeigen. Viele Institute genießen auch international einen guten Ruf, sagt Ebel-Gabriel. Gelingt es ihnen, sich in Zukunft auf ihre Stärken zu konzentrieren, haben sie auch Chancen international zu bestehen. Die Kultusministerkonferenz (KMK) hat sich noch nicht mit dem Vorschlag der SPD befasst. KMK-Generalsekretär Erich Thies wünscht sich für Deutschland aber ebenfalls Elite-Hochschulen. Aber keine nach amerikanischem Vorbild, wo es neben den wenigen renommierten Forschungsuniversitäten eine Masse an schlechten Colleges gibt.

„In Deutschland gibt es keine Hochschulen auf so niedrigem Niveau“, sagt Thies. Eine einzige Spitzen-Uni werde das Land nicht nach vorn bringen. Vielmehr müsse die Leistung durch mehr Wettbewerb zwischen den Hochschulen gefördert werden. Dazu bräuchten sie aber mehr Freiheit, etwa im Tarif- und Personalrecht.

In jedem Fall gehört zur Spitzenforschung viel Geld, sonst bleiben viele Anstrengungen wirkungslos. So sollen deutsche Professoren in Zukunft zwar nach ihrer Leistung bezahlt werden – doch mehr Geld gibt es im System deshalb nicht. Die Unis werden nur wenige der weltbesten Forscher einkaufen können. Bislang verdient ein deutscher Professor zwischen 60 000 und 120 000 Euro im Jahr, sein Kollege an einer amerikanischen Spitzen-Universität 150 000 bis 400 000 Dollar.

Wer in den USA forscht, kann außerdem auf eine erstklassige Ausstattung, eine große Zahl von Mitarbeitern, viel Autonomie und gute Netzwerke vertrauen. So entstehen Spitzenleistungen, abzulesen etwa an der Zahl der international renommierten Wissenschaftspreise, die an eine Uni gehen, an der Zahl von Publikationen in bedeutenden Zeitschriften, von Patenten, Firmen-Ausgründungen und von den eingeworbenen Drittmitteln. Am Massachusetts Institute of Technology in Cambridge/USA, der Eliteschmiede für Ingenieure und Naturwissenschaftler, kommen auf 10 000 Studenten 5000 Angestellte, davon arbeiten 3000 in der Forschung, der ein Budget von 850 Millionen Dollar zur Verfügung steht. Zum Vergleich: Große amerikanische Top-Universitäten haben Jahresetats von je rund zweieinhalb Milliarden Dollar.

Eine deutsche Massenuniversität wie die Freie Universität Berlin mit 43 000 Studenten hat einen Etat von 270 Millionen Euro. In der letzten OECD-Umfrage lag Deutschland mit seinen prozentualen Forschungsausgaben vom Bruttoinlandsprodukt auf dem viertletzten Platz. Und Bund und Länder senken die Mittel weiter.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben