Zeitung Heute : Hoch oben, auf dem Teppich

Sex, Drugs und Ärger mit der Polizei: Das ist die amerikanische Basketballwelt. Einer passt nicht dazu – und ist dennoch ein Star: Dirk Nowitzki. Jetzt könnte er den Titel gewinnen

Matthias B. Krause[Miami]

Der US-amerikanische Fernsehsender ABC hat für die Übertragung der Endspielserie der Basketball-Profiliga NBA einen kleinen Film produziert, mit dem er für das Großereignis wirbt. Darin spielen sich die Stars der beiden Finalisten Dallas Mavericks und Miami Heat den Ball zu und sagen kurz, was der Gewinn der Meisterschaft für sie bedeuten würde. Natürlich sparen sie dabei nicht mit Superlativen. Dann kommt Dirk Nowitzki, der deutsche Star in Diensten der Mavericks. Und der sagt: „Es wäre wahrscheinlich die größte Errungenschaft in meinem Leben.“ Und macht dabei ein Gesicht, als müsse er gleich zum Zahnarzt.

Wahrscheinlich? Gewinnt Dallas den Titel, zieht Nowitzki in der deutschen Sportgeschichte gleich mit Formel-1-Weltmeister Michael Schumacher, Tour-de-France-Gewinner Jan Ullrich und Wimbledon-Sieger Boris Becker. Nach der Niederlage vom Sonntag muss Nowitzkis Team nun allerdings die beiden Heimspiele am Dienstag und Donnerstag unbedingt gewinnen, sonst bleibt nur Platz zwei in der besten Basketball-Liga der Welt. Schon jetzt gehört er dort unbestritten zu den fünf herausragenden Akteuren. Und er ist der erste Deutsche, der in diesem uramerikanischen Spiel eine Hauptrolle bekleidet.

Wenn es nach ihm ginge, könnte das Ganze auch auf irgendeinem Hinterhof stattfinden, ohne TV-Trubel, ohne 20 000 Zuschauer, die sich jeden Abend in der Halle die Seele aus dem Leib brüllen, ohne Reporter, die hinterher in die Umkleidekabine dürfen, um ihn mit Fragen zu löchern. Er könnte Shaquille O’Neal, Dwyane Wade und die anderen von Miami auch einfach in die Schulsporthalle im Fränkischen einladen, in der er jeden Sommer unter der Anleitung seines persönlichen Trainers Holger Geschwindner schwitzt, um sich auf die neue Saison vorzubereiten. Zu einem Spiel Fünf gegen Fünf, möge die beste Mannschaft gewinnen.

Aber so ist die NBA natürlich nicht. Über 900 Millionen Dollar nimmt sie jedes Jahr allein für die Übertragungsrechte an ihrem Produkt ein, das weltweit in mehr als 200 Ländern ausgestrahlt wird. Sie bezahlt ihre Angestellten gut, Nowitzki unterschrieb in Dallas 2001 einen Sieben-Jahres-Vertrag, der ihm 90 Millionen Dollar garantiert. Aber dafür will die Liga auch ein Stück seiner Seele. Auf dem Spielfeld und daneben. Sie will Interviews, sie will Fotos, sie will Werbespots. Sie will Idole, die Material für die Highlight-Shows liefern, die dann wieder und wieder gezeigt werden. Längst hat die NBA Zwangsauszeiten in ihr Spiel eingebaut, damit die TV-Anstalten genügend Zeit haben, Werbespots auszustrahlen. Wenn die Einschaltquoten runtergehen, weil sich auf die Defensive spezialisierte Mannschaften Duelle liefern, die nur für Basketball-Puristen interessant sind, feilen die NBA-Bosse an der Fifth Avenue in New York eilig an Regeländerungen, die das Spiel wieder attraktiver machen.

In dieser Welt geben Schuhfirmen dem 18-jährigen Gymnasiasten LeBron James einen 90-Millionen-Dollar-Vertrag, weil sie hoffen, dass er der nächste Michael Jordan wird. Jordan, der mit Chicago sechs Meisterschaften gewann, verhalf der Liga und seinen Sponsoren zu bis dahin ungeahnter weltweiter Bekanntheit. Nach Marketinguntersuchungen gibt es auf der Erde nur einen, den noch mehr Menschen kennen: den Papst. NBA-Stars leisten sich große Villen mit Garagen, die randvoll sind mit Luxuskarossen. Sie leisten sich ein Leben mit Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll und entschuldigen sich hernach bei ihren Ehefrauen mit einem drei Millionen Dollar schweren Diamantring – wie der Los Angeles Laker Kobe Bryant. Sie umgeben sich mit einer Entourage aus zweifelhaften Kumpels, die am Reichtum teilhaben wollen, und haben jeden Sommer Ärger mit der Polizei – wie Philadelphias Allen Iverson.

In diese Welt passt Nowitzki wie, nun ja, ein Malermeistersohn aus Würzburg. Daran haben Ruhm und Reichtum nichts geändert. „Dirk ist immer noch Dirk“, sagt Holger Geschwindner, „nur eben ein bisschen reicher.“ Er war es, der damals den schlaksigen Teenager in einer Halle in Schweinfurt entdeckte, sogleich sein Talent erkannte. Nach einer kurzen Stippvisite in der zweiten und der ersten Bundesliga in Deutschland wagte Nowitzki 1998 als 19-Jähriger den Sprung in die NBA. Die ersten Jahre waren schwer, beinahe hätte er wieder seine Koffer gepackt. Doch er biss sich durch, und heute nennen die Amerikaner sein Erscheinen in der Liga einen Einschnitt, den sie als die „Europäische Revolution“ bezeichnen.

Zuvor hatten Spieler von Nowitzkis Körpergröße (213 Zentimeter) die klar definierte Aufgabe, sich nahe am Korb um Punkte und Rebounds zu kümmern. Er jedoch markiert den neuen Spielertypen, der sich trotz seiner Länge auf hervorragende Distanzwürfe versteht. Außergewöhnliches Talent und viele, viele Stunden Arbeit in der Sporthalle stecken dahinter. Inzwischen sind Nowitzki eine ganze Reihe von Spielern mit ähnlicher Veranlagung aus Europa in die NBA gefolgt, doch niemand kann ihm bislang das Wasser reichen. Selbst Shaquille O’Neal, Miamis bulliger Center, der sich wie zu guten alten Zeiten dank seiner Masse und seiner kräftigen Ellbogen dicht am Korb durchsetzt, sagt: „Ich werde meinen Kindern sagen, so, wie euer Daddy gespielt hat, könnt ihr das nicht mehr machen. Schaut euch Nowitzki an.“

Was O’Neal natürlich nicht davon abhält, in der Finalserie seine Ellbogen in das Gesicht des Deutschen zu rammen, sobald der sich in Korbnähe blicken lässt. Danach befragt, welche Körperteile am meisten schmerzten nach dem Zusammenprall mit dem 150-Kilo-Koloss O’Neal, sagt Nowitzki nur: „Es ist wie bei jedem anderen Spiel auch.“ Seine Antwort ist typisch für ihn, jedes Mal wenn er nach einem Spiel oder vor einer Trainingseinheit vor die Reporter treten muss, gibt er über den Stand der Dinge so nüchtern Auskunft wie ein Buchhalter. Die knapp 100 Journalisten im Raum versuchen, ihm etwas Interessantes zu entlocken, doch meistens gehen sie mit leeren Händen wieder zurück an die Arbeit.

Solange er auf dem Feld mit seiner Leistung spricht, sehen sie ihm das nach. Das „Time Magazine“ bezeichnete Nowitzki kürzlich gar als „Retter der Liga“, weil er mit seiner Angriffskraft das Spiel wieder attraktiv gemacht habe. Die Wochenzeitung „Dallas Observer“ mäkelte dagegen, der deutsche Import sei doch ein bisschen langweilig. Nicht, wenn er den Körben nachjagt, wohlgemerkt, aber was das Drumherum angeht. Klubbesitzer Mark Cuban, der die Dallas Mavericks 2000 kaufte, mag darin jedoch kein Problem sehen: „Dass Dirk keine Lust hat, mit einem Schuhvertrag oder anderen Werbeverpflichtungen Millionen zu verdienen, zeigt doch nur, wie besonders er ist.“ Nowitzki leistet sich nicht einmal einen gelernten Manager, bis vor kurzem erledigte das alleine sein Mentor Holger Geschwindner. Nachdem dieser aber im vergangenen Jahr wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung kurzzeitig in Untersuchungshaft saß, kümmert sich auch Nowitzkis Schwester Silke um die geschäftlichen Dinge.

Mavericks Generalmanager Donnie Nelson sagt: „Er könnte ein noch viel größerer Star sein, aber er fühlt sich nicht wohl, wenn er jemand anderes sein soll als er selbst. Es ist wirklich, als würde man ihm einen Zahn ziehen, wenn er irgendetwas machen soll, das die Aufmerksamkeit auf ihn zieht.“ Es ist nicht ohne Ironie, dass dieser schüchterne, stets höfliche junge Deutsche, der heute übrigens 28 Jahre alt wird, sich anschickt, die Krone im schillernsten Sportzirkus Amerikas zu übernehmen. Für die Attraktivität der Liga sei das kein Problem, glaubt Terry Lions. Der NBA-Vizepräsident sagt: „Wir wollen nie, dass ein Spieler sich ändert, wir lassen der Natur einfach ihren Lauf.“

So ganz stimmt das allerdings nicht, denn wenn Bryant, Iverson & Co. zu sehr über die Stränge schlagen, versucht die Liga sehr wohl, sie zu zähmen. Jüngster Vorstoß für eine Image-Korrektur war die Anfang der Saison verhängte neue Kleiderordnung. Die NBA fand, dass zu viele ihrer Angestellten wie Ghetto-Gangster aussahen. Auch Nowitzki musste seinen bevorzugten Schlabber-Look gegen Anzughose und gebügeltes Hemd eintauschen. Nun geht er endgültig als Schwiegermutters Liebling durch.

Einen Popularitätswettbewerb unter den amerikanischen NBA-Fans wird er so allerdings kaum gewinnen. Bei der letzten Abstimmung für das All-Star-Team landete er mit nur 626 000 Stimmen weit abgeschlagen auf den hinteren Plätzen und wurde lediglich deshalb zum fünften Mal berufen, weil die Trainer ein gewichtiges Wörtchen bei der Nominierung mitzureden haben. „Das ist für mich keine große Sache“, sagt Nowitzki, „das ist ein reiner Beliebtheitswettbewerb, und ich weiß, dass ich nie so populär sein werde.“

Nowitzkis Erfolg bei dem Versuch, sein Privatleben zu schützen, fasziniert derweil ein anderes deutsches Sportidol ungemein. So ließ sich Boris Becker, der während des NBA-Finales in Miami für den deutschen Bezahlsender Premiere Interviews führt, zu folgender Frage hinreißen: „Wie machst du das? Ich kann da noch einiges von dir lernen ...“ Antwortete Nowitzki: „Ich red’ einfach ungern öffentlich über mein Privatleben, ich versuche, so ruhig zu leben, wie ich kann. Das war schon immer mein Stil.“ Fragte Becker: „Es stimmt aber, dass du noch nicht verheiratet bis und auch keine Kinder hast?“ Sagte Nowitzki: „Nee, nee, ich bin ledig und habe auch keine Kinder.“ Und eine Geschichte vom Samenraub erst recht nicht.

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