Zeitung Heute : Hochkarätiger Luxus

GREGOR SCHMITZ-STEVENS

Kammerkultur: zwei Aufführungen der Streichsextette von Brahms Johannes Brahms hatte Skrupel, sich Gattungen von emphatischem Anspruch wie der Symphonie und dem Streichquartett zuzuwenden.Diesem Umstand verdanken wir einige "Vorstudien", die zu seinen schönsten Werken zählen.Dazu gehören im Bereich der Kammermusik auch die beiden Streichsextette Opus 18 und 36, die er 1861 und 1866 als erste Werke in reiner Streicherbesetzung veröffentlichte, bevor er sich später den Gattungen des Streichquartetts und -quintetts widmete.Die Freunde der Brahmsschen Kammermusik hatten nun die seltene Gelegenheit, in zwei Konzerten - im Kammermusiksaal der Philharmonie und im Apollo-Saal der Lindenoper - Interpretationen dieser Stücke von unterschiedlichen Berliner Ensembles zu vergleichen. Die Darstellung des G-Dur-Sextetts Opus 36 durch das Philharmonische Streichsextett Berlin (dessen Mitglieder überwiegend aus den Reihen der Philharmoniker und dem DSO stammen) nahm von den ersten Noten an gefangen: Weich, mit wunderbar geschmeidigem Ton ließ Bernhard Hartog auf seiner Violine das erste Thema singen, geheimnisvoll gingen die Musiker in der H-Dur-Überleitungspartie ins Pianissimo zurück; ganz organisch übernahmen die Instrumente voneinander die kleingliedrige, kontrapunktische Motivik.Anders das Berliner Streichsextett (das sich zum größten Teil aus Mitgliedern der Staatskapelle Berlin und dem BSO zusammensetzt): langsamer, doch unruhiger wirkte ihre Interpretation, weniger auf das Detail als auf einen klanglichen Gesamteindruck ausgerichtet.Hier gab es einige Balance-Probleme (vielleicht mitbewirkt durch die heikle Akustik im Apollo-Saal): zum Beispiel beim zweiten, fast Schubertschen Gesangsthema im Cello, das im üppigen Klang der Begleitung unterging.Viel prägnanter und stimmiger war auch die Tempogestaltung des Philharmonischen Sextetts: Während das "Presto giocoso" im zweiten Satz hier wie ein wilder Furiant über die Bühne fegte, wirkte es beim Berliner Streichsextett bloß wie ein etwas brav gespielter schneller Walzer. Beim B-Dur-Sextett Opus 18 hinterließen die Musiker in der Lindenoper den besseren Eindruck: das auf breite Gesangslinien und quasi symphonische Klangfülle ausgerichtete Stück lag ihnen mehr als das introvertiertere, stärker kontrapunktische Schwesterwerk.Auch hier wurde das Berliner Sextett von den Philharmonischen Kollegen in vielen Details übertroffen: unnachahmlich leidenschaftlich ließ Georg Faust das "animato"-Thema des ersten Satzes vorandrängen, auch Wolfram Christ spielte die zahlreichen Bratschen-Soli mit bewundernswerter Intensität.Ob Intonation, Phrasierung oder Zusammenspiel - alles war einen Deut besser.Ein bißchen mag dieser Vergleich ungerecht sein, denn auch die Interpretation des Berliner Streichsextetts war mehr als respektabel; wo hat man sonst schon Gelegenheit, zwei hochkarätige Aufführungen dieser kammermusikalischen Raritäten unmittelbar vergleichen zu können? Das Brahms-Jahr und die reiche, aus den Symphonieorchestern der Stadt herauswachsende Kammermusikkultur machen es möglich - diesen Luxus sollte sich Berlin weiterhin leisten.GREGOR SCHMITZ-STEVENS

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