Zeitung Heute : Hochschul-Hilfen für den Berufseinstieg

Cornelia Dörries

Im Büro von Doris Köhler stapeln sich Bücher über Präsentationstechniken, Bewerbungsgespräche und Personalrecruiting: Die promovierte Soziologin gehört zum "Career Center" der Humboldt Universität, seit Gründung der Einrichtung im September 2000 berät sie Studenten, Doktoranden und wissenschaftliche Mitarbeiter in Fragen Berufswahl und Praxiseinstieg.

Die promovierte Soziologin weiß, wie schwierig der Start ins Berufsleben sein kann. Dabei hatte sie selbst großes Glück. Ihr Studium bot - wie die meisten anderen geisteswissenschaftlichen Fächer - weder ein festes Berufsbild noch ein einigermaßen abgrenzbares Tätigkeitsfeld. Doris Köhler wusste nur, dass sie nach der Dissertation nicht weiter in der Wissenschaft bleiben, sondern vielleicht in der Personalberatung Fuß fassen wollte. Kurz nach der Dissertation hörte sie, dass die HU eine Karriereberatung plante. Sie schaffte den Sprung ins Team.

Frühestmöglicher Praxistest

Soviel Glück ist nicht der Regelfall. Oft genug erleben ehrgeizige Berufsanfänger ihren Einstieg in den Unternehmensalltag als enttäuschende Über- oder Unterforderung. Oder die Vorstellungen von der verantwortungsvollen Arbeit als selbstbestimmter Manager, kreativer Werbefachmann oder unerschrockener Anwalt erweisen sich als unrealistische Schwelgerei. "Um solche bitteren Erfahrungen zu vermeiden," sagt Doris Köhler, "sollte man möglichst noch als Student die eigenen Vorstellungen in der Praxis überprüfen". Dann sei es auch unproblematischer, mal zwei Monate lang Kaffee zu kochen, Faxe zu schicken oder Telefongespräche ins Chefzimmer durchzustellen. Vom Arbeitsalltag bekomme man in jedem Fall genug mit und könne sich, wenn Wunsch und Realität zu weit auseinanderklaffen, ohne Not umorientieren.

Wer schon einen Abschluss in der Tasche hat, kommt mit den niederen Arbeiten eines Praktikanten mitunter schwer zurecht - oder aber besonders gut. Doris Köhler erinnert sich mit Freude an einen Klienten des HU-Career-Centers, der den Berufseinstieg trotz größter Hindernisse erfolgreich bewältigte. Ein Psychologe, der erst im fortgeschrittenen Alter von 39 Jahren sein Studium beendete und damit nicht gerade den Kriterien von Stellenanzeigen entsprach, kam mit eher nebulösen Berufsvorstellungen zur Beratung. Über seine eigenen Stärken und Interessen konnte nur vage Auskunft geben. Als Psychologe würde er vielleicht gern was mit Menschen machen, vielleicht was im Bereich Beratung - oder so. Ein Praktikum bei einer Personalberatung schien einen Versuch wert. Inzwischen ist aus dem Praktikanten ein fest angestellter Mitarbeiter geworden - Idealfall und Erfolgserlebnis für jeden Karriereberater.

Vorbereitende Beratung

Die Universitäten haben inzwischen verstanden, dass sie sich auch über die akademische Betreuung hinaus um die Berufsperspektiven ihrer Studenten kümmern müssen. An den schwarzen Brettern vor Audimax und Mensa finden sich immer öfter die Ankündigungen von Karrieremessen, Unternehmenspräsentationen oder berufsvorbeitenden Seminaren wie BWL, Projektmanagement und Bewerbungsstrategien.

Wenn am 30. und 31. Januar an der Humboldt-Uni die "JobConnection 2002" - eine Kontaktbörse, auf der wissenschaftlicher Nachwuchs und Wirtschaft aufeinandertreffen - stattfindet, steht Universitätspräsident Jürgen Mlynek ganz vorne. Das Career Center und die JobConnection-Messe sind für den HU-Präsidenten unverzichtbare Dienstleistungsangebote sowohl für die Studenten und Absolventen der Hochschule als auch der potenziellen Arbeitgeber. Nachdem es anfangs nur die Zusammenarbeit mit den Hochschulteams der Arbeitsämter gab, bieten jetzt nahezu alle Hochschulen in Berlin auch eine vorbereitende Beratung an, in der die Mitarbeiter gemeinsam mit ihren studentischen Klienten nach einer individuellen Strategie suchen, Kontakte vermitteln und Bewerbungsunterlagen prüfen.

An der HU sind drei fest angestellte Mitarbeiter und drei studentische Kräfte mit dem Knüpfen von Kontakten zu Firmen, der Organisation von Seminaren und Veranstaltungen sowie den Beratungen beschäftigt. Außerdem soll in Zusammenarbeit mit den Arbeitsämtern, dem Unternehmerverband Berlin und den Career Centers an den anderen Hochschulen demnächst ein Jobportal entstehen, in dem Arbeits- und Praktikaplätze angeboten werden.

Die vielbeschworene engere Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft nimmt also endlich konkrete Formen an. Denn so viel ist klar: wer sich frühzeitig Gedanken über die Zeit nach dem Examen macht, gezielt nach Möglichkeiten des Ausprobierens sucht und sich, anstatt Taxi zu fahren, möglicherweise schon seinen studentischen Lebensunterhalt mit einem Aushilfsjob in der gewünschten Branche verdient, hat die besseren Karten. "Die Anstöße aus der Praxis muss sich jeder selbst organisieren," sagt Doris Köhler. Aber sie ist dabei gern behilflich.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben