Hochseilkünstler : Tanz mit dem Tod

Torsten Hampel[Breisach]

Als Margot Traber ihren Sohn Johann gebar, bekam sie von ihrem Mann einen Mantel aus Leopardenfell geschenkt. Einen Fuchspelz kaufte er ihr bei Charlys Geburt, und als sie Falko, dem Jüngsten, das Leben gab, ließ er ihr goldene Schuhe und einen goldenen Gürtel machen. Jedes Mal, wenn sie einen kleinen Seiltänzer zur Welt brachte, machte der alte Johann Traber seiner Frau ein Geschenk.

Die Trabers sind eine Seiltänzerfamilie, und in Seiltänzerfamilien müssen die Clanchefs ihre Kinder aus der Obhut der Frauen auslösen. Sie müssen die Sorge der Mütter zudecken mit Kostbarkeiten. Schließlich sollen auch die Kinder eines Tages tanzen, oben auf dem Seil, und wer weiß, vielleicht würden sie ohne Gegenleistung für das gefährliche Geschäft nie geboren.

Er hätte ihr besser eine Rente hinterlassen sollen als Pelze, sagt Margot Traber heute. Sie wird im März 80 Jahre alt, und Johann, ihr Mann, der Direktor der Internationalen Traber-Schau, ist lange tot.

Margot Traber lebt, umgeben von ihren Söhnen, in Breisach bei Freiburg, einem Städtchen am rechten Rheinufer. Die Jungs sind große Seiltänzer geworden und haben selber Frauen, die ihnen auch längst wieder Kinder geboren haben.

Traber-Söhne mussten aufs Seil. "Es war halt so", sagt Margot. Es war 1959, sie war gerade schwanger mit Falko, da sagte ihr Mann zu ihr: Heute mache ich einen Schrägseillauf mit Johann, dem Ältesten. "Und ich ging hin, und da lief der Junge auf dem Seil, ohne Netz", sagt sie. Er war sechs Jahre alt damals. "Aber es hilft ja nichts, ohne Strenge wird es nichts." Die geschenkten Pelze haben gewirkt, will sie glauben machen, eine Traber-Frau hadert nicht. Wenn die Kinder schon aufs Seil mussten, dann richtig, "es hilft nichts", sagt sie. Und Sekunden später steigt ihr doch wieder das Wasser in die Augen.

"Sei still mein Herz, Und lass das lange Klagen, Wie Gott es will, Geschieht alles auf der Welt." So ist es in den Grabstein von Vater Traber graviert, und die Ermahnung ist so stark, dass sie auch in der ein, zwei Kilometer entfernten Wohnung seiner Frau noch wirkt. Hier lebt sie auch bei Tag hinter halbaufgezogenen Jalousien, zwischen Porzellanvasen, goldgewirkten Vorhängen und vollgestellten Vitrinen mit allerlei Tourneemitbringseln. Das Grabstein-Gedicht ist angekommen zwischen all dem Pomp, seine Botschaft und sein Ton. Margot sagt, nein, sie deklamiert, dass sie eh nichts machen kann, nie etwas hat ausrichten können.

"Ohne Strenge wird es nichts" - die Kinder sollten ihre Sache gut machen. Das taten sie. Die Trabers hatten eine große Zeit in den fünfziger, sechziger, siebziger Jahren. Sie waren die Größten. Auf Marktplätzen und zwischen Kirchtürmen spannten sie ihre Seile, in Tokio, Blackpool, im Wembley-Stadion, über dem Höllental unter der Zugspitze, im Olympiastadion von Berlin. Wenn sie wieder wegfuhren, haben sie das Geld nächtelang zählen müssen, sagt Margot. "In Paris sind wir einmal über die Champs Elysées gebummelt", sagt sie, "es war nachts, und da lag vor einem erleuchteten Schaufenster ein Clochard. Der hatte sich zugedeckt mit unseren Plakaten, da stand unser Name drauf."

Der Dichter Jean Genet hat, gewissermaßen den Kopf im Nacken und einen Seiltänzer im Blick, geschrieben: "Du stirbst, bevor du emporsteigst. Der, der da tanzt, ist tot." Das stimmt, weil es Poesie ist, aber es stimmt nicht ganz. Genet hat etwas vergessen. Der Artist, der sich mit dem Tod einlässt, bevor er rauf auf das Seil geht, er nimmt den Tod auch mit hinauf. Er empfängt ihn am Fuß des Mastes und steigt mit ihm hoch. Zeigt ihm seine Tricks. Über einen gelungenen gibt der Tod sich erfreut, den honoriert er, einen missglückten bestraft er. Darin ist er dem Publikum gleich.

Das Publikum ist der Feind. Es kommt, weil es will, dass der herunterfällt, der da emporsteigt. Falko Traber, mit 40 Jahren der jüngste Sohn Margots, ist sicher, dass es so ist. Viele Seiltänzer sagen das, wenn man sie fragt. Aber sie haben Unrecht. Spätestens wenn einer unten liegt, abgestürzt ist, wenn die Zuschauer kreischen und der Notarztwagen herangefahren kommt mit all seinem Lärm, spätestens dann wird klar, dass sie nicht Recht haben. Das Abstürzen macht alles zunichte, es hat mit dem Seiltanz nichts zu tun. Es ist banal. Der Sturz beleidigt das, was vorher war.

Im Mai 1996, in Baden-Baden, lag zuletzt einer unten, keiner von Margots Söhnen, keiner aus der Familie. Und doch gehörte er mit dazu, er war ein Mitglied von Johanns Truppe. Der rote Unfallwagen kam, und die Zuschauer schrien.

Wer damals dabei war, dem ist klar geworden, worum es beim Seiltanzen geht. Eben nicht um das Abstürzen, wie Falko glaubt. Das Publikum will den Moment vor dem Sturz, vor dem Krankenwagen, das Andeuten des Fallens und den Gedanken daran. Die Menschen wollen in den Himmel sehen und zuschauen, wie da einer auf der Kippe steht. Dieser Luxus, den Schrecken im Kopf haben zu wollen, ist schuld daran, dass es den Beruf Seiltänzer gibt. Falko hat es ja damals, nach dem Unglück und im Wohnwagen sitzend, selbst gesagt: "Uns gibt es nur, weil die Leute sich langweilen." Man langweilt sich schnell, wenn einer auf der Trage liegt und die Sanitäter ihn zum Krankenwagen schaffen.

Die Brüder Johann und Falko wollten in Baden-Baden im Mai 1996 einen Rekord aufstellen, 640 Meter weit über die Altstadt hinweglaufen, von der Stiftskirche bis zum Kurhaus. Es ging darum, ihren Ruf zu verteidigen. Den müssen sie wahren, weil sie von ihm leben, wegen ihres Rufs werden ihre Allerweltsauftritte gebucht, bei denen sie mit einem lauten Motorrad übers Schrägseil fahren. Es kann nicht umkippen, weil unter der Maschine ein zweiter Mann in einer Eisenschaukel sitzt und so den Schwerpunkt des Motorrads unter das Seil drückt. Es geht vorwärts, rückwärts, Kavaliersstart, Handstand auf dem Lenker, vorbei. Diese Auftritte, bei Autohauseröffnungen und auf den Parkplätzen von Einkaufszentren, bringen das Geld, Kirchturmläufe wie in Baden-Baden sind für den Namen.

Den trägt nicht nur der Breisacher Teil der Familie Traber, es gibt neben den West-Trabers auch die Ost-Trabers, die Anspruch auf die Erbschaft der Seiltänzertradition erheben. Anfang der 90er Jahre hat Johann, der West-Traber, mit den Ost-Trabers vor Gericht um den Titel "Traber-Show" gestritten und gewonnen.

Den Namen der Familie hat Matthias Traber, ein Spross der Linie, die sich rings um Berlin niedergelassen hat, ein Jahr vor dem Baden-Badener Lauf aufs Spiel gesetzt. Matthias Traber ist ein Schieber. Das Bein angehoben, mit den Zehen aufgesetzt, dann den Fuß am Seil nach vorn geführt, geschoben, so wollte er vor fünf Jahren in Berlin vom Fernsehturm zum Dom laufen, 620 Meter weit. Es geht nur langsam voran auf diese Weise, der Blick muss immer auf dem Seil sein. Die lange Strecke wäre so nicht zu schaffen gewesen, alle Kollegen wussten das. Es war kalt, und es regnete. Matthias stürzte oder gab auf, so genau ist das nicht zu klären. Er bekam einen der schrägen Spanndrähte zu fassen, die das Hochseil vom Schwanken abhielten. An dem konnte er heruntergleiten. Er kam unversehrt unten an.

Der Sturz erhöht den Respekt

Wir hätten das geschafft, sagt Falko aus Breisach. Sie, die Breisacher, wären am Dom angekommen in Berlin, da ist er sicher. Zum Beispiel deshalb, weil sie sich nicht betrunken hätten in den Wochen vor dem Lauf. Sie wissen, trotz der Autohäuser und Parkplätze, immer noch, wie es geht. Falko ist nicht Schieber, sondern Anfasser. Er rutscht nicht mit den Fußsohlen nach vorn, Schritt für Schritt, sondern er fasst das Seil an mit dem Fuß. Anfasser führen ihn im Bogen, von der Seite an das Seil, treffen es, schlagen dagegen, um es dann, die Zehen nach unten, gleichsam zu umklammern. Anfasser wie Falko können über das Hochseil rennen.

Margot Traber will nichts mehr hören von dem eisigen Geschäft, wie sie es nennt. Sie sitzt daheim, hält sich die Hand an die Stirn und erzählt von einem Auftritt, bei Tilburg in Holland war es, 1974 am Strand. Sie hat damals zugesehen, wie ein Mast umkippte, zu dem hinauf das Seil gespannt war, und wie ihre Söhne Johann und Charly, die damals beide um die 20 Jahre alt waren, aus 30 Metern Höhe auf den Sand knallten. Es ist ihnen nicht viel zugestoßen. Johann erinnert sich an den Moment, wie er plötzlich ohne Halt in der Luft gestanden ist, das Seil unter seinen Füßen war längst unten, er aber noch nicht. Und an seinen Gedanken: "Jetzt werde ich die Schuhe nicht mehr anziehen können." Er hatte sich am gleichen Tag welche gekauft. "Wenn du runterfällst, das erhöht den Respekt beim nächsten Mal", soll der Vater damals gesagt haben.

Wenn man wieder aufsteht. Lutz Schreyer ist 1996 von der Kurwiese in Baden-Baden nicht mehr aufgestanden, er ist gestorben. Weil also die Verwandtschaft am Berliner Fernsehturm versagte, mussten die Breisacher nachlegen, wie sie glaubten, und kündigten eine große Sache an, einen Rekordlauf. 20 Meter weiter als Matthias das vorhatte, 640 Meter, sollte Falko über den Dächern gehen, ein weißes Leinengewand am Leib, eine rote Schärpe um den Bauch und die Balancierstange in den Händen. Schreyer lief ihm auf den letzten Metern hinterher, um mit einer Helmkamera Aufnahmen für die Fernsehnachrichten zu machen, und stürzte ab, nachdem das Seil in einem Ruck ein paar Zentimeter nachgab.

Falko hat den Sturz nicht gesehen, er ist ja vorneweg gelaufen. Seine Füße haben den Ruck im wegsackenden Seil gespürt und gleich darauf den Schlag, den der fallende Oberkörper hinter ihm auf das Seil tat. Er hat auch das Nach-oben-Schnellen pariert, als Schreyers linke Hand, die den Draht noch kurz zu fassen bekam, sich öffnete. Falko war wütend in dem Moment, sagt er heute. Seinen Rekord hat er geschafft, sagt er, "verstehen Sie, Lutz hat ihn mir versaut, das habe ich damals gedacht". Verstehen Sie, der Unglückslauf: Man geht raus, vom sicheren Boden des Kirchturmes auf den Draht, beginnt die ersten Meter zu tasten, wie einer, der in ein stockfinsteres Zimmer tritt und weiß, dass da Löcher sind im Boden, aber nicht, wo. Er geht ein paar Schritte, wird sicherer, schneller, die Leute jubeln und klatschen, und die Arme werden schwer von der Stange, die man in den Händen hält, man kommt an, und zwischendrin ist der Begleiter gestorben.

Der alte Despot

Wenn Genet Recht hat, dann ist die Geburt eines Seiltänzers, eines früh dem Tode Geweihten, zynischer als jede andere Geburt. Zum Glück wissen Mütter nichts über das spätere Leben, über den Broterwerb und die Vorlieben ihrer Kinder, wenn sie sie auf die Welt bringen; dass sie sich ein Motorrad anschaffen werden oder gern auf Berge steigen. Sie würden verrückt vor Sorge. Margot Traber aber wusste es genau. Ihre Kinder würden aufs Hochseil gehen, wie alle Traber-Kinder. Margot Traber würde Genets Sätze unterschreiben. Johann, ihr Mann, würde sie nicht verstehen. Er wusste aber, dass seine Frau haderte mit dem Schicksal der Söhne, die bald davon leben würden, jeden Tag vor Publikum auf der Kippe zu tanzen; in Todesnähe zu sein und doch wieder glücklich, am anderen Seilende anzukommen.

Eine Rente statt der Pelze hätte Margot haben wollen. Was für ein Unfug. Wovon hätten sie denn leben sollen, wenn nicht vom eigenen Talent und dem ihrer Kinder? Johann, ihr Mann, hätte nie etwas anderes zugelassen. "Ein Despot war er", sagt sie, "niemandem hat er seine Ruhe gelassen, er war tüchtig, ein großer Mann." Von Wuchs war er klein. Einen Meter und 64 Zentimeter maß er. Die Platte auf seinem Grab trägt ein Foto von ihm. Ein Brustfoto, das dennoch die Statur verrät. Traber im hellen Anzug wie meist, ausnahmsweise ohne Hut, die linke Hand umfasst ein dickes Mikrofon. Es gibt ein anderes Foto, aufgenommen 1954, da hält er seinen Erstgeborenen, der damals ein Jahr alt war, in die Luft. Er packt das Kind mit der rechten Hand bei den Beinen, und der Junge steht gleichsam auf der in die Luft gereckten Hand des Vaters.

Falko und seine Brüder sind noch am Leben. Sie sagen das so, mit dem "noch", wenn sie über sich Auskunft geben. Sie wissen, worauf das Interesse der Frager zielt, und sie bedienen es. Die Stunde ist noch nicht gekommen, sagt Falko, meine Zeit, die ist noch nicht.

Das einzige Kind, das Margot Traber verloren hat, stand nie auf einem Seil. Es ist neun Monate nach der Geburt gestorben. "Und wer weiß?", heißt es im Genet-Gedicht, "Wenn du vom Seil fällst? Krankenwärter tragen dich weg. Das Orchester spielt. Man lässt die Tiger oder die Kunstreiter herein."

So schnell werden die Trabers nicht abtreten. Margots Enkel üben längst.

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