Zeitung Heute : Hochzeit mit Hindernissen: TV goes Internet

GUNTER BECKER

Live-TV im Netz: Eine Berliner Firma profiliert sich mit der Übertragung spektakulärer Großereignisse VON GUNTER BECKER

Fernsehbilder von der Berlinale-Pressekonferenz mit Kim Novak.Die Grande Dame lacht und gestikuliert mit den Händen, doch die Bilder ruckeln über den Monitor vor uns, daß es keine rechte Freude ist.Was wie eine Bildstörung aussieht ist in Wirklichkeit eine Weltpremiere. Fernsehbilder vom Berliner Filmfestival live im World Wide Web. Sieht so die Hochzeit der Massenmedien TV und Internet aus ? Elser Maxwell, Geschäftsführer der Firma Mediacube und einer der Organisatoren der Übertragung grinst gelassen: "Erst mal zeigen was überhaupt möglich ist" - das ist seine Devise. Durch die Verbreitung im Netz verläßt das Fernsehen die Kabelkanäle, Satellitenempfänger und terrestrischen Frequenzen und kommt via Telefonleitung und Heim PC ins Haus.Die internationale Netzgemeinde zeigte sich interessiert: Laut Mediacube nährten sich die Zugriffe auf die Webpage mit den bewegten Bildern am letzten Festivalwochenende der Millionengrenze.Dafür schien nicht zuletzt die Auszeichnung der Site als "One of the best in Europe" durch das Bewertungsgremium "EU what`s new" in Großbritannien gesorgt zu haben.Kein Wunder, daß Übertragungen von Events wie der Kasseler documenta X und dem Wirtschaftsgipfel der G 7-Staaten im Sommer auf dem Arbeitsplan der Berliner Firma stehen.Als Kooperationspartner der Deutschen Welle überträgt Mediacube bereits jetzt das Radioprogramm des Senders direkt ins Internet. Dabei ist die Idee vom Fernsehen im Internet keineswegs neu.SpyCams, Kameras im WWW, liefern Standbilder von Großbaustellen, schauen in Kühlschränke und auf die Skylines großer Städte.Internet TV in einer "Diätversion" bietet das "Online-TV" der Programmzeitschrift TV Today.Alle paar Sekunden erscheint dort ein neues Bild aus dem laufenden Fernseh-Programm.Web TV im engeren Sinn veranstaltet dagegen die ARD.Sie stellt "tagesschau" und "tagesthemen" ins Netz, einzelne Meldungen lassen sich zeitversetzt abrufen. Beim Mediaweb TV nutzt man, wie bei den tagesschau-Übertragungen eine Software der israelisch-amerikanischen Firma VDOnet.Deren Systeme werden auch für "Video-on-Demand" im Netz eingesetzt.Für TV-Übertragungen ist VDO laut Maxwell besonders geeignet, weil es mit Komprimierungsalgorithmen arbeitet, Steuerungsdateien, die das beträchtliche Datenaufkommen einer TV-Übertragung sinnvoll verdichten und transportieren können: "Die Algorithmen können getrennt und durch schmalere Leitungen geschickt werden und paêken dann beim Erreichen größerer Leitungen wieder an größere Datenpakete an, beim Endverbraucher erscheint alles sinnvoll zusammengesetzt." - Allerdings zeitweise in der oben geschilderten miserablen Qualität.Bei Übertragungsraten von acht oder zehn Kilobits pro Sekunde gleichen WEB TV-Übertragungen einer Antiquität aus den Anfängen der Filmgeschichte."Das Problem liegt nicht bei der Hard- oder der Software sondern bei den Datenleitungen", gibt Maxwell zu bedenken.Deshalb hat man mit IBM einen leistungsfähigen Netzbetreiber zum Partner, der allerdings nicht die gelegentlichen Defizite mancher lokaler Provider ausgleichen könne. Um Großereignisse wie die Berlinale oder die documenta X im Netz übertragen zu können, hat MediaCube das VDO-System durch ein Live-Encoding Verfahren und eine mobile TV-Sendeinheit ergänzt.Die Fernsehbilder- und Töne gehen aus den Kameras und Mikros vor Ort in eine Encoding-Station, werden digitalisiert und dann per ISDN an einen Video-Server in Marina del Rey in Kalifornien übertragen.Dort können die User auf die bewegten Bilder zugreifen."Ein intelligentes Leitungs- und Übertragungs-Management erlauben die gleichzeitige Bearbeitung vieler Anforderungen.Wenn die sogenannten Lifestreams, Standleitungen zur permanenten Übertragung bewegter Bilder und Töne, belegt sind, kann auf die Streams anderer VDOnet-Provider ausgewichen werden" schwärmt Elser Maxwell. Die Installation des Plug-in VDO Player ist auch für Laien relativ leicht durchzuführen.Ein Modem mit einer Übertragungskapazität von 14 400 Baud reicht für die aktuelle Version von Mediaweb TV aus.Die "tagesschau" verlangt für ihren VDOlive-Player allerdings nach einem 28.8er Modem, ebenso wie die Beta-VVersion des Mediaweb TV die bei der documenta X zum Einsatz kommen soll. Vom Massenmedium scheint das Mediaweb TV noch ein gutes Stück entfernt zu sein.Zur Internet-Verbreitung von Spezialprogrammen für interessierte Minderheiten ist es allerdings eine faszinierende Möglichkeit.

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