Zeitung Heute : Höfliche Unwahrheit

INA BOCKHOLT

Das Berliner Grundtheater mit Hamptons "The Philanthropist"INA BOCKHOLTAm liebsten macht der Philologe Phil Anagramme.Das Spiel ist symptomatisch für seinen Charakter.Wie ihn nämlich beim Sezieren von Wörtern ihr Sinn nicht interessiert, ignoriert er auch ihre Bedeutung in der alltäglichen Konversation.Dabei bemüht sich die Hauptfigur in Christopher Hamptons scharfsinniger Komödie "The Philanthropist", die vom Ensemble des Berliner Grundtheaters im Theater Zerbrochene Fenster aufgeführt wird, es im gleichgültigen Geplänkel allen recht zu machen. Die automatisierte Freundlichkeit ist Phils größtes Problem.Als er das unaufrichtige Lob für das jüngste Stück des Nachwuchsdramatikers John (Tye Thomas) wieder zurückzieht, hat das tödliche Konsequenzen.Schwer getroffen vom Desinteresse des vermeintlichen Beraters, vollstreckt der sensible Poet den für die Schlußszene seiner Tragödie vorgesehenen Selbstmord an sich selbst. So bricht das Spiel im Spiel blutig in die Bühnenwirklichkeit ein.Doch noch öfter provozieren unbedachte Worte des Akademikers, der es als Sprachwissenschaftler eigentlich besser wissen müßte, verhängnisvolle Entwicklungen.Nach einer kleinen Party in seinem Studentenappartement etwa fügt sich der Entscheidungsschwache dem Wunsch des unausstehlichsten Gasts, des Schriftstellers Braham Head (Tim Kingston), und schickt ihm seine Verlobte (Micheala Höher) ins Taxi und damit auch ins Hotel nach.Und selbst die Annäherungsversuche der nymphomanen Araminta (Christiane Schlotte) läßt er lieber zu als nein zu sagen. An der nun folgenden unbefriedigenden Nacht scheitert schließlich auch seine langjährige Beziehung.Ob nun aus Schwäche oder Strategie, der Menschenfreund erscheint durch Sprach- und Handlungsflucht immer menschenfeindlicher.In der Rolle des konfliktscheuen Geisteswissenschaftlers läßt Florian Gärtner durch schüchtern-verklemmte Gebärden stets die Unsicherheit der Figur durchscheinen. So zeitlos wie die Kulisse, ein mit orangefarbener Couchgarnitur und Bücherregalen möbliertes Studentenappartement, ist das 1970 erschienene Stück mit seinen ironisch geschliffenen Dialogen selbst.In aller Deutlichkeit zitiert der Titel, in Martin Walsers deutscher Fassung als "Der Menschenfreund" übersetzt, Molière."Le Misanthrope" hat Hampton für das 20.Jahrhundert verkehrt.Wenn sich Alceste in der französischen Komödie durch unverblümt ausgesprochene Wahrheiten isoliert, dann gelingt Phil dasselbe durch höfliche Unwahrheiten.Mit der unterhaltsamen Inszenierung bringt das Berliner Grundtheater diese englische Komödie über unaufrichtiges Reden wieder ins Gespräch. Bis 25.Januar, jeweils Mittwoch-Sonntag um 20 Uhr im Theater Zerbrochene Fenster, Schwiebusser Str.16.

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