Zeitung Heute : Höher, schneller ...

BERND MATTHIES

...breiter.Das Olympische Motto hat sich etwas verändert.Short track? Halfpipe? Fachbegriffe für neue Sportarten - die man mögen kann oder auch nicht.VON BERND MATTHIESEs hat sich vieles verändert, seit damals irgendwo zwischen Athen, Rom und Babylon die Zivilisation auf die Welt kam.Das Schwert ist von der Cruise Missile abgelöst worden, der Pferdewagen vom Sportcabrio und die öffentliche Christenverfolgung vom literarischen Quartett.Gemessen an diesen epochalen Umwälzungen darf es als überraschend gelten, daß die Olympischen Spiele, Resultat einer gleichfalls mächtig alten Idee, heute noch ziemlich genauso aussehen wie im Altertum.Es gibt Muskelmänner, die mit schweren Gegenständen um sich werfen, Läufer, die elegant über künstliche Hürden fliegen oder versuchen, den Botengang von Marathon nach Athen nachzuempfinden, wenn auch möglichst ohne tödliches Ende.Kein Zweifel: Ein in die Neuzeit transportierter griechischer Athlet würde die Sache zumindest im Sommer wiedererkennen.Höher, schneller, weiter - ein klares Prinzip. Aber auch die Winterspiele, die sich nur sehr rudimentär auf antike Vorbilder berufen können, haben ihren Charakter wenig verändert - so schien es jedenfalls bislang.Auf zwei Brettern den Berg hinunterrasen oder von der Schanze segeln, auf Schlittschuhen möglichst schnell im Kreis herumfahren, rodeln, dem Puck nachjagen und Pirouetten drehen, das ist dem Beobachter vertraut; längst stellt auch niemand mehr die naheliegende Frage, warum zwei sich grundsätzlich ausschließende Beschäftigungen wie Schießen und Skilaufen in einem Wettbewerb namens Biathlon zusammengezwungen werden.Das haben wir schon immer so gemacht, und da könnte ja jeder kommen! Die Irritation der jetzt ablaufenden Olympischen Spiele in Nagano besteht in dem Eindruck, daß nun tatsächlich jeder kommt.Was tun diese Menschen da auf dem Bildschirm? Einer fährt auf Skiern ohne Stöcke den Berg hinunter, fliegt über eine Rampe senkrecht nach oben, verwandelt sich in eine Art Turmspringer, dreht einen Salto oder auch dreieinhalb, zeigt kurz den Schriftzug seines Sponsors vor, landet breitbeinig und kriegt dafür die Goldmedaille.Andere hopsen über künstliche Buckelpisten, als sei die Orthopädie noch nicht erfunden, wieder andere kommen auf einem Brett durch hohle Gassen getaumelt und brechen sich entgegen den Gesetzen der Schwerkraft doch nicht den Hals. Erschwerend hinzu kommen sprachliche Hürden in Form von Vokabeln, um deren Verständnis auch gestandene Sportreporter tagelang ringen müssen: Short track? Halfpipe? Hartes Brot für all jene unbedarften Fans, die sich immer noch wundern, daß die Spiele (Winter) und die Spiele (Sommer) nicht mehr im selben Jahr stattfinden.Aber was bedeuten uns überhaupt noch Winter und Sommer? Kälte und Wärme, Niederschlag und Trockenheit haben den Charakter von Randbedingungen angenommen, die durch Druck auf den richtigen Knopf korrigiert werden.Notfalls, so scheint es, können die Organisatoren den ganzen Berg tiefkühlen oder mit Plastikschnee bestreuen - dumm allenfalls für jene Athleten, die auf echtem Schnee geübt haben. Alljährlich werden neue Sportarten erfunden.Ob jene, die sie ausüben, in der Spinnerecke bleiben oder zu Ruhm und Reichtum kommen, ist anscheinend nur noch davon abhängig, ob sich ein finanzstarker Sponsor findet.Kühlschrankweitwurf, einhändiges Lawinenbremsen oder Eisessen mit Messer und Gabel: Ist all das prinzipiell davon ausgeschlossen, eines Tages ins Programm der Olympischen Winterspiele zu stolpern? Ja, die Zeiten verändern sich und die Sportler mit ihnen.Aber warum muß das immer gleich auch medaillenreif sein? Höher, schneller, breiter - das ist nicht ganz das olympische Motto, wie wir es auch im nächsten Jahrtausend noch recht gern sähen.

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