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Helmut Schümann

Elder Sell hat es bald hinter sich, schlappe fünf Monate noch, dann geht es zurück in die Staaten. 19 Monate hat er schon gedient und wenn man ihm glauben will - man muss es allerdings schon wollen -, dann war es eine "ganz wunderbare Zeit, voller Glück und Freude und Liebe." Elder Doll ist erst 15 Monate auf Tour, aber er sieht die Sache ganz genauso. Elder Sell ist 20 Jahre alt, wie Elder Doll, und wir trafen die beiden am Abend weit draußen in Berlin, in einer Villa in Lankwitz. In der Empfangshalle saßen noch mehr junge Männer rum, alle im Anzug, mit Krawatte und akkurat gescheitelt, und als wir eintraten, heißa, da sprangen sie alle hoch aus ihren Sesseln. Gerade so wie Entertainer auf die Bühnen springen: mit festgezurrtem Lächeln und einladenden Armen. Das war der Moment, in dem wir beschlossen, Elder Sell und Elder Doll nicht alles glauben zu wollen.

Im Anschluss erzählten die beiden von ihrem wundervollen Leben in Deutschland. Wie sie jeden Morgen um 6 Uhr 30 Uhr aufstehen, wie sie jeden Tag außer Mittwoch - der ist frei - durch die Stadt ziehen, immer so zehn Stunden lang, von Tür zu Tür und sich den Leuten vorstellen mit festgezurrtem Lächeln und einladenden Armen und amerikanisch akzentuiertem Deutsch: "Hallo, ich bin Elder Sell und das ist mein sehr guter Freund Elder Doll und wir sind von der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage" - und, rumms, ist die Türe zu.

Keusch und glücklich

Das heißt, es wird ja besser zur Zeit. Die Anhänger der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage sind besser bekannt unter dem Namen Mormonen. Die Mormonen haben ihren Ursprung und ihren Hauptwohnsitz in Utah, USA, und dort besonders in Salt Lake City - die Stadt, die ab dem 9. Februar die Olympischen Winterspiele ausrichtet. Und nun sind Elder Sell und Elder Doll eben nicht nur im Auftrag des Herrn unterwegs, sondern auch im Auftrag Olympias. "Oh, das ist so schön, wir sind so stolz, oh ja, die Menschen sind so gut zu uns." Erzählten Elder Sell und Elder Doll.

Sie erzählten auch, dass sie nie Alkohol trinken oder Kaffee, keinen Tee, und rauchen tun sie auch nicht. Sie gehen nicht in Kneipen, sie lesen keine Zeitung, hören keine Musik, gehen nicht ins Kino und gucken kein Fernsehen. Mädchen gucken tun sie auch nicht: "Oh, nein, wir sind sehr enthaltsam, glücklich, absolut keusch, sehr, sehr glücklich." Es gibt sicher eine Menge 20-Jähriger, die würden das anders sehen.

Und weiter erzählten sie, dass sie an ein Leben vor der Geburt glauben und dass Jesus sie nun auf Erden geschickt und ihnen Körper gegeben hat. Wenn man böse denkt und sie so dahocken sieht in ihren schlecht sitzenden Anzügen mit ihren akkuraten Scheiteln, könnte man auf den Gedanken kommen, dass Jesus da nicht seinen besten Tag hatte. Aber auch, wenn man nicht böse denkt, können einem manche Rituale der Mormonen merkwürdig vorkommen. Die Sache mit der geweihten Unterwäsche zum Beispiel, die jeder Erwachsene zu jeder Zeit zu tragen hat. Dass sie wärmt und den Körper gesund hält für ein gottgefälliges Leben, das würde ja noch einleuchten. Aber sie soll auch Kriege überleben helfen und vor Verkehrsunfällen schützen. Und einmal, so die Legende, war sie besonders nützlich. Das war 1977, als Joyce McKinney, eine Schönheits-Königin aus Wyoming einen 21-jährigen Mormonen kidnappte, ihn mit Handschellen an ihr Bett fesselte, um von ihm ein Kind gezeugt zu bekommen. Die Unterwäsche habe seine Keuschheit bewahrt, erzählte der junge Mann später.

Und so könnte man weiter erzählen von den Absurditäten dieser erst gut 170 Jahre alten Glaubensgemeinschaft. Von der Gründung, vor der dem Joseph Smith in New York der nach seiner Auferstehung nach Amerika ausgewanderte Jesus nebst Gottvater höchstpersönlich und körperlich erschienen waren und ihm die Gründung anempfahlen. Oder von den weltweit 160 000 jungen Männern und Frauen, die ab dem 18. Lebensjahr für zwei Jahre ihre bürgerlichen Namen ablegen, sich Elder oder Sister nennen, und finanziert vom eigenen Ersparten durch die Welt ziehen, um diese Lehre zu verbreiten. Nicht sonderlich erfolgreich übrigens: Im Jahr 2000 etwa führten 60 000 Missionare in zwei Jahren 274 000 Bekehrte der Gemeinde zu, pro Missionar also weniger als fünf, eine Quote, die in jeder Drückerkolonne zu ernsten Verwerfungen führen würde.

36 000 in Deutschland

Aber wenn man dann die Villa in Lankwitz wieder verlässt, froh insgesamt, weil man all dem Heil und all der Glückseligkeit unbeschadet entkommen ist, können einem durchaus auch manche Riten der europäischen Christen einfallen und dass es mit der Gebotstreue etwa der Katholiken mitunter ebenfalls nicht weit her ist. Und vor allen Dingen ist das Naserümpfen über die Mormonen alleine schon deshalb nicht statthaft, weil man dann nämlich über mittlerweile elf Millionen Menschen die Nase rümpfen würde. Damit gibt es bald so viele Mormonen auf der Welt wie Juden.

Die Mormonen sind also unter uns, auch hier in Deutschland, da sind etwa 36 000 im Namen der Heiligen der Letzten Tage züchtig und abstinent und fleißig, allein in Berlin sind es über 3000. Oh ja, sie sind sehr fleißig, sie geben nämlich, wie alle Mormonen weltweit, den zehnten Teil ihres Gehaltes an die Kirche ab, nebst freiwilliger Arbeitskraft. Da muss ein hübscher Batzen zusammenkommen, Richard Clark, Präsident der Deutschland-Mission mit Sitz in Berlin, hat die Zahlen allerdings nicht parat. Dafür hat er in die Mormonenkirche im Tiergarten, schräg gegenüber der CDU-Parteizentrale, sein Familienalbum mitgebracht, mit Bildern aus der Heimat in Utah. Der amerikanische Mittelstand feiert darauf Urstände, wie er Baseball spielt, Fischen geht und Campen in den Bergen und stolz die Kinder vom Uni-Abschluss abholt. Das ist in Berlin so zwar nicht möglich, macht aber nichts, "wir sind auch hier frohe und ehrliche Menschen". Und Zahlen, die kenne er nicht, so wunderbare Menschen in Salt Lake City würden das Geld verwalten, "ist es nicht erstaunlich, ich kenne nicht mal meinen eigenen Etat?"

Dafür hat "Time" mal aufgelistet, welche wirtschaftliche Kraft die Mormonen-Kirche inzwischen besitzt: da wären unter anderem die Beneficial Life Insurance Company mit einem Vermögen von zwei Milliarden Dollar; die Bonneville International Corporation, die 18 Radiostationen in Chicago, San Francisco, St. Louis und Washington, DC. unterhält; oder die mehr als eine Million Morgen Land, auf denen 150 Ranches, Farmen und Obstplantagen einträgliche Agrarwirtschaft betreiben - zum Beispiel die Deseret Cattle & Citrus in der Nähe von Orlando, Florida, das ist die größte Rinderfarm der USA. 1997 hat "Time" das Gesamtvermögen der Kirche auf 30 Milliarden Dollar addiert und das Jahreseinkommen auf sechs Milliarden. Übertrieben nannten die Mormonensprecher die Zahlen.

Nun sind auch andere Kirchen steinreich und allein aus den Stereotypen der Elders lässt sich noch kein Sektierertum ableiten. Gleichwohl ist in den Staaten die Debatte um die Legalität der Mormonen wieder aufgekommen, unter anderem auch, weil die Debatte um die Vielweiberei wieder akut geworden ist.

Nie wieder Vielweiberei

Eigentlich ist diese Form der Ehe schon seit 1890 auch von der Mormonenführung verdammt und dass in Amerika immer noch etwa 40 000 Menschen in Polygamie leben, findet Horst Gruse mindestens ebenso absurd wie wahrscheinlich der größte Teil der Menschheit. Horst Gruse und seine Frau und beider drei Kinder leben im siebten Stock eines Mietshaues in Berlin-Schöneberg. Früher hat Horst Gruse Chemie und Englisch unterrichtet in der Sekundarstufe II, heute lehrt er Religion im Auftrag seiner Kirche und ob es sich anders lebe als Mormone in Deutschland, in Berlin, wollten wir wissen - vielleicht auch, weil bei Gruses nichts an die Übertreibungen der amerikanischen Missionare erinnert. Ein Teil der Antwort war, dass wir teilnehmen durften am montäglichen Familienabend. Der folgt dem mormonischen Grundsatz, dass die Familie im Zentrum steht und Zusammenhalt gibt. Die Tochter, dreieinhalb, hat dann ein Kirchenlied angestimmt, anschließend hat die Familie zusammen gebetet, die kommende Woche durchgesprochen, der älteste Sohn, fünfeinhalb, eine Geschichte aus der Bibel erzählt und der jüngste Sohn, eins, dazu fröhlich gekräht. Abschließend wurde gespielt. Man kann durchaus Atheist sein, sich erinnern, wie man als katholisch getauftes Kind das Weihnachtsgedicht hat aufsagen müssen und hat trotzdem gegen die Grusesche Idylle nicht mehr vorzubringen, als dass sie anachronistisch wirkt. Wäre vielleicht angenehm, wenn die Mormonen bei den Spielen von Salt Lake City diesen Teil ihres Glaubens stärker herausstellen würden, als den Part, den Elder Sell und Elder Doll predigen.

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