Zeitung Heute : Höhlenmalerei

Ariane Bemmer

Wie eine West-Berlinerin die Stadt erleben kann

Was ich hatte: einen Eimer Farbe und eine gelbe Wand, die mir noch nie gefiel. Was ich nicht hatte: einen Weihnachtsbaum. Was kommen sollte: Gäste. Aus dieser Gemengelage schuf ich, das muss ich unbescheiden sagen, einen neuen Trend: die moderne Höhlenmalerei. Ich nahm, um für die Gäste eine feierliche Kulisse zu schaffen, den Eimer Farbe, tunkte den neu gekauften Hartborstenpinsel hinein, warf meine Skrupel über Bord und malte mit dicken Strichen einen Tannenbaum auf die gelbe Wand. Auf die Äste mal ich Rechtecke (Kerzen) und darüber tropfenförmige Gebilde (Kerzenschein). Oh ich Fröhliche! Ich war begeistert.

Zur Jahreswende habe ich meinen selbst gemachten Trend noch weiter getrieben: Neben den Tannenbaum habe ich eine Sektflasche gepinselt, aus der ein Korken fliegt, der nicht so gelungen ist. Die Farbe ist nach unten verlaufen und der Korken sieht aus wie ein fetter Tintenfisch. Zwischen Flaschenhals und Korkenunglück habe ich ein paar Punkte und Längsstriche gepinselt, um darzustellen, dass hier Dynamik (fetter Tintenfisch fliegt gerade jetzt raus aus Riesenflasche) im Spiel ist. So sieht es jetzt also aus an meiner gelben Wand. Etwas weihnachtlich, etwas silvestrig. Bis heute überlege ich noch, ob ich links von beiden noch einen Hügel und einen Schlitten malen soll. Oder ein Reh? Oder ein BSR-Streufahrzeug? Oder warte ich auf den Frühling und male knospende Bäume und erwachende Blumenträume? Oder male ich vor dem Frühling mit dem Rest des 20-Liter-Farbeimers die ganze Wand an – und kaufe mir für die neuen jahreszeitlichen Bemalungenn neue Farbe.

Seit der Bann gebrochen ist, der erste Strich auf die Wand gemalt wurde, nehmen Kritzeleien überall zu. Schon mache ich Notizen auf die Raufaser neben dem Telefon. Und die nötigen Dinge für den nächsten Einkauf schreibe ich auf den Acryllack über dem Herd. Vielleicht finden eines Tages Forscher meine Höhlenmalereien, Notizen und Einkaufslisten und ziehen Rückschlüsse auf unseren Entwicklungsstand. Aber davon darf ich mich nicht beeinflussen lassen.

Farbe gibt es fast überall.

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