Zeitung Heute : Höret die Eminenz!

ROMAN RHODE

Erhaben: der Saxophonist Charlie Mariano in der PassionskircheROMAN RHODEWenn es Worte gibt, mit denen man Charlie Marianos Musik umschreiben könnte, dann vielleicht: Erhebung, Eleganz, Begeisterung.Bereits John Coltrane hat seine Meditation "A Love Supreme" mit denselben Worten ausklingen lassen; dieser Bezug auf den legendären "Trane" bietet sich an.Mariano stand lange unter dem Einfluß Coltranes und hatte sich in den 70er Jahren dem Studium indischer Blasinstrumente gewidmet.Wie Coltrane verarbeitete Mariano fremde Musikkulturen; er lebte in Japan, in Indien, kam schließlich nach Europa.Mittlerweile geht der 74jährige nur noch mit der eigenen Gruppe auf Tour.Vor dem Altar in der vollbesetzten Passionskirche stellt er seine Begleitung vor: den Gitarristen Vic Juris aus New Jersey, den Schlagzeuger Jeff Hirschfeld aus Manhattan, den Kontrabassisten Dieter Ilg aus Freiburg.Das Repertoire an diesem Abend bietet keinerlei Überraschungen: Standards wie "Caravan", Rhythm & Blues und Balladen sind zu hören, Kompositionen des Meisters und des erfinderischen Bassisten.Sein Können und feeling legt Mariano in ein facettenreiches Spiel träumerischer Höhenflüge, er steigert sich zum perfekten Dompteur seines ungestümen Altsaxophons - ohne sich ganz zu verausgaben.Wenn er zum Sopraninstrument greift, holt er ein poliertes Kleinod hervor.Mit seiner Besonnenheit, dem dichten weißen Haar und der lächelnden Micky Maus im Schallbecher wirkt der Bläser alterslos.Zum Schluß, als die Band in einen dichten Groove gerät, schummelt sich eine Alarmsirene unter die Musik: Die Einbruchssicherung der Kirche blinkt und jault unter Kanzelaufschrift "Höret das Wort Gottes". Über diese Störung ist die graue Eminenz des Jazz erhaben.

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