Zeitung Heute : Hoffen und jäten

In Argentinien hungern die Menschen – und sie müssen wieder lernen, wie man Gemüsebeete anlegt

Christian Bahr[Buenos Aires]

Ein alter, eleganter Herr im abgetragenen Anzug steht im Gemüselehrgarten von Clarisa Morini und fragt, was das denn für Blätter seien, die da zu seinen Füßen wachsen. „Kopfsalat“, sagt Morini, gewöhnlicher Kopfsalat. Eine ganze Gruppe Wissbegieriger hat sich hier in der Vorstadt hinter einem weiß getünchten Flachbau versammelt, die Leute finden kaum Platz zwischen Eukalyptusbaum und Erdbeerbeet. Wie vermehrt der Gärtner eigentlich Erdbeeren? Mit Samen oder Ablegern? Die Antworten darauf können heute lebenswichtig sein in Argentinien. Die Besucher nehmen staunend zur Kenntnis: Ableger.

Noch ist hier Frühling, und wenigstens das Klima meint es gut mit den Menschen in Buenos Aires. So schimmert es bereits kräftig grün über der graubraunen Gemüsegartenerde. Ringelblumen leuchten gelb, Rosenkohl sprießt, und die Erbsen könnten eigentlich gleich in den Kochtopf.

In Argentinien, dem fünftgrößten Agrarexporteur der Welt, im Land mit den endlosen Weiden und fetten Weizenfeldern wissen die wenigsten Menschen, wie man einen Hausgarten anlegt, wie Gemüse und Obst kultiviert werden. Die Mehrheit der Bewohner kennt Äpfel und Zwiebeln nur aus dem Supermarkt. „Der Familiengarten hat in Argentinien keine Tradition“, sagt Morini. Bei den europäischen Vorfahren war das noch anders.

Jetzt, nachdem der wirtschaftliche Absturz das Land ruiniert hat, ein Fünftel der Menschen ohne Arbeit ist und mehr als die Hälfte unter der Armutsgrenze lebt, ein Jahr nach den gewalttätigen Protesten in Buenos Aires gegen den damaligen Staatspräsidenten Fernando de la Rúa, hoffen die Mittelständler von einst und Mittellosen von heute auf den Reichtum unter ihren Füßen; graben ihre Ziergärten um, wollen pflanzen, säen und möglichst reichlich ernten. Gesegnet ist, wer ein Fleckchen Land besitzt. Die anderen gehen demonstrieren. Am Donnerstag zogen Tausende durch die Innenstadt von Buenos Aires, forderten Arbeit und zu essen.

„Gute schwarze Erde ist dies“, lobt Morini die Krümel an den Radieschen, die jemand zur Begutachtung von daheim mitgebracht hat. Dunkle Erde ist nährstoffreich. Dass dunkle Erde kein Geschenk Gottes ist, sondern das Ergebnis mühseliger Arbeit, bringt Morini den Menschen im Lehrgarten von San Martín bei. 30 Eisenbahnminuten vom Zentrum der Hauptstadt entfernt liegt der Ort. Einst gepflegte Einfamilienhäuser zeugen von der Zeit, als der Wohlstand noch ewig zu sein schien. Doch seit in Argentinien die Not herrscht, dämmert das Leben im Vorstadtgürtel von Buenos Aires freudlos und lethargisch dahin.

Eigentlich arbeitet die 35-jährige Morini im Gesundheitszentrum, berät Schwangere und Diabeteskranke und klärt ihre Besucher über die Aidsgefahr auf. Seit ein paar Monaten kümmert sie sich jedoch um das neue Großproblem des Agrarparadieses: Mangelernährung und Hunger.

Tagelang Mate-Tee

Innerhalb des vergangenen Jahres hat sich die Zahl der Armen im Land verdoppelt. Nach Angaben der staatlichen Statistik kann sich jeder vierte Argentinier nicht einmal die minimale Grundernährung leisten. Achteinhalb Millionen Menschen sind das insgesamt. Am schlimmsten trifft die schwerste Wirtschaftskrise in der Geschichte des Landes die Heranwachsenden. Sieben von zehn Kindern werden heute in Armut geboren. Damit liegt die früher führende Wirtschaftsnation Lateinamerikas weit hinter einst ärmeren Staaten wie Mexiko oder den Nachbarn Brasilien und Bolivien. In dem riesigen Land, das so viel Getreide produziert, dass damit das Sechsfache der eigenen Bevölkerung versorgt werden könnte, verhungern mehr als 25 Kinder am Tag, sagen Hilfsorganisationen.

Schuld an diesem Paradox ist die Inflation. Die Preise für Reis, Mehl und Milch haben sich durch den Wertverlust des Peso in kurzer Zeit verdoppelt bis verdreifacht. Heimische Produkte sind für arme Argentinier unerschwinglich geworden und staatliche Hilfen lindern nur die schlimmste Not, oder sie verschwinden gleich im Sumpf der Korruption. Die Folge: Manche Kinder bekommen tagelang nichts weiter als Mate-Tee, ein traditionelles Getränk, das den Hunger dämpft.

Das Gesundheitszentrum von San Martín hat noch anderen Besuch heute. Eine Landwirtschaftsexpertin ist gekommen, mit einem Video unterm Arm. Das Basiswissen über den „organischen Familiengarten“ ist da drauf. Alles streng biologisch, denn Kunstdünger oder Unkrautvernichter sind ohnehin unbezahlbar. „An der Schwäche des Peso können wir nichts ändern. Aber unsere eigenen Schwächen, die müssen wir bekämpfen“, sagt sie. Sie heißt Janine Schonwald, ist pausenlos in der Zwölf-Millionen-Stadt Buenos Aires unterwegs und verwandelt Schulhöfe in Gemüsegärten, gräbt Grünflächen neben Hochhäusern um. Erklärt, wie man Kräuter und Gemüse kultiviert. Berstend voll ist der Vortragssaal.

Frauen sind gekommen, ihre ungeduldigen Kinder in den Armen. Arbeitslose Männer, abgemagerte Rentner. Argentinier, die von ihrem Land nichts mehr erwarten, außer, dass die Erde ihnen das Überleben erleichtert. Sie sehen, wie man Rote Beete pflanzt, Schädlinge einsammelt, erfahren, dass die Blätter des argentinischen Eukalyptusbaumes nicht auf den Komposthaufen dürfen, wegen der ätherischen Öle, die schädlich sind. „Jede Woche kommen mehr Menschen zu den Vorträgen“, sagt Schonwald. Das Nationale Landwirtschaftsinstitut will mit dem Programm „Pro-Huerta“ (Pro-Garten) drei Millionen Bedürftige zu Gärtnern schulen, schickt deshalb Lehrer in die Stadtteile und Städte, verteilt kostbares Saatgut. Die Regierung der einwohnerstärksten Region, der Provinz Buenos Aires, hofft, dass im kommenden Sommer eine Million Menschen von der eigenen Ernte leben können.

Die Sonne und der Lauch

Wie etwa die Familie von Hebe Gonzales. Zwei Straßenblöcke vom Gesundheitszentrum entfernt steht die arbeitslose Mutter von vier Jungen inmitten einer geordneten, grünen Wildnis. Eine Augenweide für Ökobauern. Von den schwärzesten Wochen ihres Lebens erzählt die 34-Jährige, davon, wie ihr Mann wie fast alle Argentinier Woche für Woche immer weniger Pesos nach Hause brachte. Während die Preise in den Supermärkten nach oben schnellten.

„Das Geld reichte nicht mehr, um die Milch für meine Kinder zu kaufen“, sagt Gonzales. Also griff sie zum Spaten. Was zu Hause wächst, ist schließlich kostenlos, habe sie sich gedacht und machte zusammen mit Verwandten die Spielwiese ihrer Kinder zum Ackerland. Sie sagt, heute sei ihr Gemüsegarten Ansporn für die Nachbarn, es ihr gleich zu tun. Hebe Gonzales hat jetzt wieder Geld übrig.

Im Lehrgarten wird es hektisch. Unter dem verkümmerten Eukalyptusbaum werden selbst gezogene Lauchpflänzchen an die Menschen verteilt. Die zarten Sprossen sind Gold wert. „Es ist nicht einfach, Gewohnheiten zu ändern“, sagt Sozialarbeiterin Clarisa Morini. Erst recht nicht, wenn es am Nötigsten fehlt. Gartengeräte sind teuer, die Bewässerung der kleinen Äcker ist oft mühsam. Wie zum Beweis schöpft eine alte Dame mit einem Plastikbecher Wasser aus einem rostigen Fass. Sie gießt den Lauch.

Staunend halten einige andere die jungen Setzlinge in ihren Händen. Manche zu lange. Die Frühlingssonne brennt. Ein Mädchen bleibt unschlüssig im Garten stehen. Bis das Büschel Grün, das sie ergattert hat, in ihrer Hand unwiderruflich schlapp macht.

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