Zeitung Heute : „Hoffentlich nicht wieder nur eine Blase“ Firmenchefin Lena Strothmann sieht die SPD-Pläne skeptisch

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Was versprechen Sie sich von der „Mittelstandsoffensive“ der SPD?

Grundsätzlich begrüsse ich sie. Das war, was wir immer beklagt haben. Dass die Bundesregierung sich zu viel mit den Großbetrieben beschäftigt hat und der Mittelstand, der standorttreu ist, benachteilitgt wird. Wir haben uns sehr um Entbürokratisierung bemüht und auch die Befreiung von Buchführung wäre natürlich ein positiver Ansatz.

Wo sehen Sie die größten Chancen?

Ich sehe noch nicht viele Chancen. Nur, dass bestimmte Hemmnisse für die Unternehmen abgebaut werden, ist gut. Es geht aber bisher nur um Kleinstbetriebe und Existenzgründer. Der Mittelstand ist größer und hat ein anderes Volumen. Sich nur auf die kleinen Betriebe zu konzentrieren, wäre ein Tropfen auf den heissen Stein. Im Grunde sind es Kümmerexistenzen, die in diesem engen Rahmen von 25 000 Euro Umsatz haben. Sicherlich muss man denen auf die Beine helfen, aber es gibt ein großes Potenzial an Betrieben, die darüber liegen, die große Probleme haben, von Insolvenz bedroht sind. Hier braucht es Unterstützung, um Arbeitsplätze zu schützen und neue zu schaffen. Und ob Betriebe mit geringen Einkommen zu Dauerexistenzen werden, ist noch zu bezweifeln. Klar fängt man klein an. Die Forderung von Schleyer, den Betrag mindestens auf 50000 Euro Umsatz anzuheben, ist aber sinnvoll.

Können die Reformansätze Jobs schaffen?

Ich glaube nicht, dass Betriebe, die unter der 25000Euro-Grenze liegen, in der Lage sind, Arbeitsplätze zu schaffen. Das ist nur bei Existenzgründern möglich, und das ist zu wenig.

Bringen Clements Vorschläge Erleichterung?

Wenn sie ausgeweitet werden. Sie bringen auch Schwierigkeiten. Die Freistellung von der Meisterprüfung bedeutet keine Erleichterung, eher ein Problem. Es geht da um Ausbildungsplätze und Qualität, die verloren gehen. Wenn wir Existenzgründungen ohne Meister genehmigen, sind das Leute, die nicht ausbilden können. Es ist nachgewiesen, dass die Bestandsfestigkeit von Betrieben mit Meisterprüfung sehr hoch ist. Die Meisterprüfung ist nicht nur eine Lizenz, sondern eine Fortbildung, bei der unternehmerisches Denken und betriebswirtschaftliche Grundlagen gelehrt wird. Es wird immer weniger ausbildende Unternehmen geben. Denn das kostet Zeit und Geld. Wir bilden aus, tragen die Kosten und die jungen Leute, die sich schneller ohne Meisterprüfung selbstständig machen, holen uns die guten Leute weg. Das hat nichts mehr mit Solidargemeinschaft zu tun. Wer will dann noch ausbilden? Und wo soll die Qualität herkommen? Wo bleibt das Made in Germany?

Können die Reformansätze eine Wirkung auf die politische Stimmung haben?

Vielleicht. Wenn Clement jetzt sagt, „wir kümmern uns um den Mittelstand, der hat es nötig“, die Dinge umgesetzt werden und es nicht nur unter Druck Luftblasen sind, ja. Es ist zu früh, sich zu freuen. Aber es sind wenigstens positive Signale. Nur, wenn nicht Taten folgen, ist es wirklich vorbei. Dann glaubt keiner mehr etwas.

Eine letzte Chance?

Ja, ich denke. Das muss jetzt etwas Konkretes werden.

Das Interview führte Stephanie Nannen.

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