Zeitung Heute : Hoffnungsfrohe Zeiten bestaunen

Brigitte Grunert

Wie eine Rentnerin die Stadt erleben kann

Im Bröhan-Museum entdeckten wir eine kleine Sonderschau, abseits von Jugendstil, Art déco und Funktionalismus. Unter dem Motto „Das weiße Wirtschaftswunder“ wird KPM-Porzellan der 50er und 60er Jahre aus der Sammlung Finckenstein gezeigt. Seltsam, so schön hat unsereiner seine Jugendzeit gar nicht in Erinnerung.

Man staunt über die schlichten, modernen Formen und die bunten, aber sanften Farben. Das entsprach dem hoffnungsfrohen Lebensgefühl. Ja, und ein bisschen Gold musste auch sein. Die Leute sehnten sich nach Stil, Qualität, ein wenig Luxus. Jedes Stück wirkt leicht, manches wie hingehaucht. Erfahrene Designer knüpften an die Bauhaus- und Werkbund- Ideale an. Schnörkel waren verpönt, der Protz unseligen Angedenkens erst recht. Den Stuck von anno dunnemals wollte ja auch keiner mehr sehen, damals. An den Vasen fallen die schmalen Öffnungen auf. Das war dekorativ und praktisch, es erlaubte sparsamen Blumenschmuck. Na ja, die taillierte Kaffeekanne mit bunten und goldenen Streifen ist als typisches Produkt der frühen Fünfziger aus der Mode, doch das meiste ist zeitlos modern.

Konrad Adenauer und Ludwig Erhard bringt man nicht gerade mit Porzellan in Verbindung, aber einen Hauch ihres Geistes hat der Sammler Graf Finck von Finckenstein eingefangen. Zu sehen ist eine der rot und gold bemalten KPM-Dosen, die der Kanzler anlässlich seines 80. Geburtstages am 5. Januar 1956 mit großer Geste verschenkte. Aus dem Arbeitszimmer seines Wirtschaftsministers sind zwei Sessel, ein schmuckloses Sideboard und ein Wandbehang ausgestellt. So waren die frühen Jahre des Wirtschaftswunders, als Erhards Zigarre als Sinnbild wieder rauchender Schlote galt. Seine Maßhalte-Appelle wurden belächelt, später überhört. Daran denkt man beim Anblick des zylindrischen weißen Aschenbechers mit der dick vergoldeten Zigarrenablage aus den Sechzigern.

Die Sonderschau wird bis zum 29. Oktober gezeigt. Bröhan-Museum, Schloßstraße 1, 14059 Berlin; geöffnet di. bis so., 10 bis 18 Uhr.

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