Zeitung Heute : Hohe Beteiligung und eine klare Entscheidung

THORSTEN METZNER

POTSDAM .Matthias Platzeck ist die Erleichterung buchstäblich ins Gesicht geschrieben, als er gegen 18.30 Uhr im Potsdamer Rathaus eintrifft, das er künftig lenken soll.Längst ist sicher: Es wird keine blamable Stichwahl geben, wie Platzeck bis zuletzt insgeheim befürchtet hatte, die PDS ist schließlich stark in ihrer Hochburg Potsdam.Doch fast zwei von drei Wählern - am frühen Abend waren es rund 63 Prozent - haben den beliebtesten Politiker Potsdams zum neuen Oberbürgermeister gekürt.Und der "Held der Oder" tut schon in den ersten Minuten seines furiosen Sieges genau das, was sich so viele von ihm erhoffen.Seine Botschaft in jedes Mikrofon: Er wolle vor allem versuchen, "die tiefen Potsdamer Gräben zu schließen."

Platzeck beginnt selbt damit, indem er seinen unterlegenen Kontrahenten, der PDS-Kandidatin Anita Tack (rund 24 Prozent) und CDU-Stadtchef Wieland Niekisch (rund 10 Prozent) ausdrücklich Respekt "für den fairen Wahlkampf" ausspricht und auf die "vielen Gemeinsamkeiten" verweist.Dies brauche Potsdam auch künftig.Platzeck, der sein Amt nach Ablauf der offiziellen Einspruchsfrist am 28.Oktober antreten wird, sagt, er wolle "ein Oberbürgermeister für alle Potsdamer sein" und natürlich "mit allen Fraktionen" im Stadtparlament zusammenarbeiten.Auch mit der PDS? "Mit allen!" Dann folgt ein abgewandeltes Lenin-Zitat als Maxime für den neuen Posten, für das er auf sein Ministeramt, ja auf einen Platz in der Schröder-Mannschaft verzichtete: "Arbeit, Arbeit, nochmals Arbeit!"

Kurz vor 20 Uhr, über die Monitore im Rathaus flimmern die Ergebnisse der einzelnen Stadtbezirke.Aus fast allen wird eine Rekordwahlbeteiligung gemeldet: 73 Prozent, 84 Prozent...Tagsüber hatten sich überall in der Stadt vor den Wahllokalen lange Schlangen gebildet.Durch die Dreifachwahl für Bundestag, Kommunalparlament und Oberbürgermeisteramt kam es für viele zu Wartezeiten von bis zu 30 Minuten.

Während Platzeck längst wieder ins Alte Rathaus, in die SPD-Parteizentrale verschwunden ist, steht im Rathaus-Gang der bisherige PDS-Fraktionschef Hans-Jürgen Scharfenberg, im Gespräch mit dem nach einer Baufilz-Affäre abgewählten Ex-Baustadtrat Detlef Kaminski.Er habe, erklärt Kaminski selbstbewußt, auch in den letzten Monaten weiter mitgemischt."Der Platzeck-Coup ist aufgegangen", sagt dagegen Scharfenberg leicht säuerlich.Die PDS hat ihre Stellung als stärkste Fraktion an die SPD (rund 40 Prozent) abgeben müssen.Doch wenn es bei den rund 30 Prozent für die PDS im Stadtparlament bleibt, sagt Scharfenberg."dann kann die PDS trotzdem "ordentlich Politik" machen.

Altes Rathaus, ORB-Wahlstudio: Wieland Niekisch, strahlt zufrieden in die Kameras, obwohl er mit zehn Prozent die OB-Wahl eigentlich verloren hat.Trotzdem kann sich Niekisch als Sieger fühlen."Wir wollten einen Neuanfang in Potsdam, haben das Abwahlbegehren gegen den damaligen OB Gramlich zum Erfolg geführt.Und wir wollten, daß die PDS geschwächt wird", sagt Niekisch, dem ein Stein vom Herzen gefallen ist.Umfragen hatten ihm im Vorfeld lediglich 2 Prozent prophezeit, seine Gegner in der Union wetzten bereits die Messer.Noch am Morgen, als er nach dem Gottesdienst von der Babelsberger Friedrichskirche ins Stimmlokal aufbrach, hatte ihm Pfarrer Stefan Flade "Gottes Segen!" mit auf den Weg gegeben, sozusagen als Trost für die sichere Niederlage."Potsdam hat zum ersten Mal seit 68 Jahren die Chance, einen vernünftigen Oberbürgermeister zu bekommen!", antwortete Niekisch da lächelnd.Wissend, daß er es nichts ein wird.

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