Zeitung Heute : Hohn der Angst

SUSANNA NIEDER

Evan Dunskys Satire "Life During Wartime"VON SUSANNA NIEDERWas macht der Mensch, wenn es weit und breit keinen Krieg gibt? Er schafft sich seinen eigenen.In Amerika herrscht zwar seit dem Bürgerkrieg Frieden, aber nirgends schleppen so viele Leute eine Wumme mit sich herum.Heinrich Grigori (Stanley Tucci) ist das sehr recht, denn die Angst der Leute voreinander ist sein Kapital.Er verkauft Alarmanlagen, und die flutschen natürlich umso besser, je stärker sich die potentiellen Käufer bedroht fühlen.Einen besseren Vertreter als Tom Hudler (David Arquette) hätte er sich gar nicht wünschen können, denn der Junge ist so ehrlich und naiv, bei dem geht die Ware weg wie warme Semmeln.Als Tom allerdings klar wird, daß sein Chef durchaus auch mal nachhilft, wenn ihm die Kriminalitätsquote zu niedrig erscheint, führt das zu einer äußerst unangenehmen Situation. Man muß nicht wie Quentin Tarantino in alle Windrichtungen Blut verspritzen, um eine handfeste Satire auf die Beine zu stellen."Life During Wartime", das furiose Regiedebut des Schauspielers, Produktions- und Regieassistenten Evan Dunsky, ist genauso witzig wie "Pulp Fiction" und nicht weniger beißend.Doch anstatt sich in die obligate Blutorgie zu stürzen, die sich bei diesem Thema angeboten hätte, konzentriert sich Dunsky auf die Handlungsweisen von Leuten, denen eine Situation mehr und mehr über den Kopf wächst.Eine groteske Wendung reiht sich an die andere, ohne daß für einen Augenblick die Glaubwürdigkeit leidet.Regisseur und Darsteller haben ihre Geschichte so gut im Griff, daß selbst die Identifizierung zweier Leichen im Leichenschauhaus noch komisch gerät.So viel Souveränität lernt man zu schätzen, wenn man in mehreren Filmen täglich sieht, wie sich viele Regisseure abmühen, einen Spannungsbogen zu halten, der ihnen dann schließlich doch abreißt. "Life During Wartime" ist einer jener Glücksfälle, in denen Plot, Dialoge und Situationskomik von vorne bis hinten stimmen, und selbstverständlich ist das auch ein Verdienst der durchweg überzeugenden Schauspieler.Stanley Tucci kann richtig loslegen mit seinem italienischen Strahlemanngrinsen, hinter dem sich Schlitzohrigkeit und dahinter wieder der berühmte weiche Kern verbergen.Genauso komisch ist David Arquette als rettungslos treuherziger, braver Junge, dem irgendwann die Sicherung durchbrennt."Life During Wartime": bisher eindeutig der persönliche Favorit dieser Festspiele. Noch einmal: 23.2.17 Uhr (International)

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