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Holocaust-Überlebende in England : Die letzten Zeugen

17.01.2008 00:00 UhrVon Markus Hesselmann

Sie nennen sich „The Boys“: 732 Männer und Frauen, die den Holocaust überlebt haben. Sie hatten ihre Eltern verloren und waren einander Familie. Ein Buch und hundert Geschichten über Opfer, die zu Gewinnern wurden.

Es schien schon, als wäre die Zeit des Grauens vorüber, da war Ben Helfgott dem Tod plötzlich so nah wie nie. „Sie riefen: Los, los, an die Wand da“, erzählt Helfgott. Der alte Herr nimmt die Hand aus der Hosentasche, formt mit den Fingern eine Pistole und fuchtelt mit der Phantomwaffe herum.

Es ist das Jahr 1945. Am 8. Mai hat die Rote Armee das Konzentrationslager Theresienstadt in Böhmen befreit. Ben Helfgott, damals 15 Jahre alt, macht sich mit einem drei Jahre jüngeren Cousin auf den Weg zurück nach Polen, zwei abgekämpfte Gestalten mit geschorenen Köpfen. Die Jahre seit dem deutschen Überfall auf sein Heimatland hat Ben Helfgott, der jüdische Junge aus Piotrkow bei Lodz, in Ghettos und Lagern verbracht, unter anderem in Buchenwald.

Zuletzt ist er in Theresienstadt, als die Wehrmacht endlich kapituliert. Die beiden Uniformierten, die ihn und seinen Begleiter erschießen wollen, sind polnische Offiziere. „Du Scheißjude“, nennen sie Helfgott. Die Jungen stehen schon an der Wand, da sagt einer der beiden Soldaten: „Lassen wir sie. Schließlich sind es ja noch junge Burschen.“

Heute lebt Ben Helfgott in London. Er sitzt im Wohnzimmer seines Hauses im Stadtteil Harrow. Sandige, erdige Farbtöne bestimmen den Raum. An einer Wand hängt ein großflächiges Gemälde, eine imaginäre Metropole in Beige und Hellbraun, das Werk eines Freundes. Eine Glasfront lässt viel Licht herein, auch an diesem grauen Londoner Regentag. Sie gibt den Blick frei in den Garten hinter dem Haus.

Ben Helfgott gehörte zu einer Gruppe von jungen, meist polnischen Juden, die nach der Befreiung 1945 nach Großbritannien ausgeflogen und in Wohnheimen untergebracht wurden. Auf der Insel wurden sie als „The Boys“ bekannt, obwohl auch einige Mädchen dabei waren. „Den Namen haben wir uns selbst gegeben“, sagt Helfgott. „Wir haben uns immer die Boys genannt.“ Ein englisches Wort, das für die jungen polnischen Juden leicht und unbeschwert klang.

Ben Helfgott serviert Kaffee und Kekse. Seine wachen Augen fixieren den Gesprächspartner. Mit ruhiger Stimme erzählt er seine Geschichte, die Geschichte eines Jungen, dessen Eltern von den Nazis umgebracht wurden und der selbst nur mit Glück davonkam. Eines Waisen, der im KZ war und in England zum Spitzensportler, Geschäftsmann und Familienvater wurde. Ben Helfgotts Erinnerungen sind ein wichtiger Teil eines Buches, das gerade auf deutsch erschienen ist. „Sie waren die Boys. Die Geschichte von 732 jungen Holocaust-Überlebenden“. Der britische Historiker Martin Gilbert hat eine der letzten Chancen genutzt, Augenzeugenberichte über den Holocaust aus erster Hand zu bekommen – noch dazu von einer so großen zusammenhängenden Gruppe.

„Bei dem, was wir erlebt haben“, sagt Helfgott, „hätte Rache unser erstes Ziel sein müssen. Doch das kam uns nicht in den Sinn. Die Gräuel haben uns angewidert. Wir wollten uns niederlassen, Familien gründen, Erfolg haben, die verlorene Zeit aufholen.“

Er hat es versucht. Auch mit 77 Jahren ist ihm der Spitzensportler noch anzusehen: ein kleiner, aber kräftiger Mann. 1956 und 1960 vertrat Ben Helfgott seine neue Heimat Großbritannien als Gewichtheber bei den Olympischen Spielen. Sport war ihm immer wichtig. Schon vor dem Krieg, als er sich Wettläufe mit den Nachbarsjungen in Piotrkow lieferte. „Ich habe den Wettkampf immer geliebt.“ Der Sport war ein Weg zurück ins Leben. Dabei bestärkte ihn ein anderer großer jüdischer Athlet.

Paul Yogi Mayer hatte vor dem Krieg in Berlin gelebt. Als Hochspringer nahm er in der Nazizeit sogar noch an einem olympischen Lehrgang teil, durfte dann aber bei den Spielen 1936 in Berlin nicht mehr starten. Nach dem Novemberpogrom 1938 floh Mayer nach Großbritannien. Nun nahm er sich der Boys als Betreuer an. „Ben wollte den Leuten mit seiner Kraft etwas beweisen. Er wollte immer perfekt sein“, sagt der 95-Jährige, der wie Helfgott noch heute in London lebt. Mayer wollte, dass die Boys ab sofort einen normalen Alltag haben.

„Ich habe ihnen gesagt: Ich möchte, dass ihr genau wie alle anderen Leute hier lebt, mit denselben Interessen. Denn ihr seid genau wie alle anderen Leute.“ Das war seine Art der Therapie. „Sie haben die Kameradschaft untereinander gebraucht. Aber auch, dass neue Freunde und Freundinnen von außen dazukamen. Zum Sport und zum Tanzen. Es war sehr wichtig für sie, einen Tango ordentlich tanzen zu können.“ Von ihren KZ-Geschichten wollte Mayer nichts hören. „Sie wussten: Mit Yogi kannst du über die Vergangenheit nicht reden.“ Sich diese Geschichten anzuhören, das war die Aufgabe eines Psychologen. „Sie haben mich gefragt: Muss ich da hin? Die Boys haben es gehasst, zum Psychologen zu gehen. Sie waren damals noch nicht so weit“, sagt Mayer.

Untereinander aber haben sie über ihre Erlebnisse in den Ghettos und Lagern gesprochen. „Ich kenne alle Geschichten der Boys“, sagt Helfgott.

Er selbst hat Furchtbares erlebt. 22 000 Juden seiner Heimatstadt Piotrkow wurden ins Ghetto gesperrt und die meisten von ihnen in Vernichtungslager deportiert. „Sie können sich nicht vorstellen, was nach den Deportationen geschah“, sagt Ben Helfgott. „Sie suchten nach den Menschen, die sich versteckt hatten. Es wurde einer nach dem anderen getötet, einer nach dem anderen.“ Die Nazis sperrten 560 Menschen, meist Frauen und Kinder, für zehn Tage in eine Synagoge ein. Ben Helfgott, seine Schwester Mala und sein Vater Moshe Jakov waren unter den wenigen, die zunächst im Ghetto bleiben durften. Durch den Stacheldraht konnten sie die Synagoge sehen, in der Ben Helfgotts Mutter Sara und seine Schwester Lusia gefangen waren. „Es war an einem Sonntagmorgen, am 20. Dezember 1942. Sie führten jeweils hundert Menschen aus der Synagoge in einen nahen Wald. Erst wurden hundert herausgebracht, dann noch einmal hundert, und wieder hundert …“ Sara und Lusia Helfgott wurden mit den anderen aus der Synagoge erschossen.

Ben und Mala Helfgott überlebten. Ihr Vater starb auf einem der berüchtigten Todesmärsche nach Theresienstadt kurz vor Kriegsende. „Als er mitbekam, dass ganz in der Nähe gekämpft wurde, wollte er fliehen. Er hat immer viel riskiert.“ Moshe Jakov Helfgott fiel deutschen Volkssturm-Soldaten in die Hände, älteren Männern, Hitlers letztem Aufgebot. „Sie haben meinen Vater umgebracht, obwohl der Krieg so gut wie zu Ende war.“

Ben Helfgott steht auf und holt ein großformatiges Foto. Seine Familie. „Wir sind mit drei Söhnen gesegnet“, sagt er und zeigt auf das Bild: er selbst mit seiner Frau in der Mitte, drumherum die Söhne, deren Partnerinnen, die Enkelkinder, 16 glückliche Gesichter. „Inzwischen ist noch ein Enkelkind dazugekommen“, sagt Helfgott stolz. In seinem Wohnzimmer stehen neben den Familienfotos auch Bilder mit sehr bekannten Gesichtern.

Auf einem Bild plaudert die frühere Premierministerin Margaret Thatcher mit ihm. Das war in Warschau bei einer Gedenkfeier für den Aufstand im Ghetto. Auf einem anderen heftet ihm Königin Elisabeth II. einen britischen Verdienstorden an die Brust – ihm, dem Kind aus dem Konzentrationslager, das sich hochgekämpft hat und großes Ansehen wegen seiner Arbeit in jüdischen Organisationen und seines Einsatzes für die Versöhnung mit Polen genießt. „Viele Polen haben Juden geholfen“, sagt Helfgott. Seit dem Ende des Kommunismus wird die Vergangenheit in Polen seiner Meinung nach auch nicht mehr verfälscht. Dazu passt die aktuelle Debatte um die antisemitischen Morde nach Ende des Krieges, denen Ben Helfgott selbst fast zum Opfer gefallen wäre. Heute reist er oft in seine alte Heimat und spricht als Zeitzeuge mit den Menschen. Auch in Polen hat Helfgott einen Verdienstorden bekommen.

Nicht nur auf seine eigene Lebensleistung ist Ben Helfgott stolz. Immer wieder erwähnt er die der anderen Boys. Da ist zum Beispiel Kurt Klappholz, der an der renommierten London School of Economics forschte und lehrte. Oder Hugo Gryn, ein prominenter Rabbi, der mit seinen Programmen für die BBC berühmt wurde. Oder Roman Halter, der Architekt und Künstler, der unter anderem die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem mitgestaltet hat. Gryn und Klappholz sind inzwischen gestorben. Halter lebt wie viele der Boys in London.

„Nach allem, was uns passiert ist, hätten wir doch eigentlich Straftäter werden müssen, wenn man sieht, was Soziologen und Psychologen über sozial benachteiligte Menschen schreiben“, sagt Helfgott. „Es ist wunderbar, was die Boys erreicht haben.“ Das sieht der Historiker Martin Gilbert auch so. Er ist überrascht, wie gut sich die Boys geschlagen haben. Für „Sie waren die Boys“ haben ihm rund hundert von ihnen ihre Erlebnisse geschildert. „Ich führe ihren Erfolg auf ihr Gemeinschaftsgefühl und ihren Zusammenhalt zurück“, sagt Gilbert. Rund 200 Boys kommen bis heute zu den Jahrestreffen. Helfgott schätzt, dass bis zu 200 inzwischen nicht mehr am Leben sind.

Sie hatten ihre Familien verloren und waren füreinander Familie. Helfgott erzählt die Geschichte, als der Sohn eines Boys heiraten wollte: „Von deiner Seite kommen ja nicht so viele Verwandte zur Feier“, sagte der angehende Schwiegervater. „Da irrst du dich“, war die Antwort. „Ich habe mehr als 700 Onkel.“

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